Ainslie drehte sich auf seinem Drehstuhl um.

»Es geht um Holdsworth, diesen Hundesohn von einem Butler. Ich hab' gleich gewu?t, da? er lugt! Die blutigen Fingerabdrucke auf der kleinen Schreibtischuhr sind seine -hundertprozentig. Und das Laborergebnis liegt inzwischen auch vor. Das auf der Ruckseite der Uhr gefundene Blut ist mit dem des Ermordeten identisch.«

»Gut gemacht, Pop...« Ainslie wurde unterbrochen, als jemand von einem anderen Schreibtisch aus rief: »Anruf auf Leitung sieben fur Sergeant Ainslie!«

Er machte Garcia ein Zeichen, einen Augenblick zu warten, nahm den Telefonhorer ab und meldete sich. »Hier ist Karina Vazquez, Sergeant«, sagte eine Frauenstimme. »Mr. Wilhelm ist wach und gern bereit, Sie zu empfangen. Er wei? etwas, glaube ich. Aber kommen Sie bitte schnell! Er kann jeden Augenblick wieder einschlafen.«

Ainslie seufzte, als er den Horer auflegte. »Eine interessante Neuigkeit, Jose; damit mussen wir uns naher befassen. Aber ich mu? mich erst um etwas anderes kummern.«

Im zweiten Stock der Villa der Davanals fuhrte Mrs. Vazquez Ainslie in ein geraumiges Schlafzimmer mit heller Eichenholztafelung und gro?en Fenstern mit herrlicher Aussicht auf die Biscayne Bay. In einem gro?en Himmelbett mit Blick aufs Wasser ruhte eine von Kissen gestutzte schmachtige, ausgezehrte Gestalt - Wilhelm Davanal.

»Das ist Mr. Ainslie«, meldete Mrs. Vazquez den Besucher an. »Er ist der Polizeibeamte, den Sie empfangen wollten, Mr. Wilhelm.« Dabei ruckte sie einen Sessel neben sein Bett.

Der Greis nickte, deutete auf den Sessel und sagte leise: »Bitte nehmen Sie Platz.«

»Danke, Sir.« Als Ainslie sich setzte, fragte Vazquez hinter ihm: »Stort es Sie, wenn ich bleibe?«

»Nein, das ist mir nur recht.« Falls sich etwas Wichtiges ergab, konnte eine Zeugin nutzlich sein.

Ainslie betrachtete den Siebenundneunzigjahrigen.

Trotz seines hohen Alters und seiner Gebrechlichkeit war Wilhelm Davanal eine Patriziergestalt mit markanten, schmalen Gesichtszugen. Sein schlohwei?es Haar war schutter, aber ordentlich gescheitelt. Nur die losen Hautfalten an Wangen und Hals, seine wa?rigen Augen und die zitternden Hande verrieten, wie abgenutzt sein Korper nach fast einem Jahrhundert war.

»Schade um Byron.« Der Alte sprach so leise, da? Ainslie sich anstrengen mu?te, um ihn zu verstehen. »Hat nicht viel Ruckgrat und uberhaupt kein Geschaftstalent besessen, aber ich habe ihn immer gern gemocht. Hat mich oft besucht; die anderen tun das selten, sind zu beschaftigt. Byron hat mir manchmal vorgelesen. Wissen Sie schon, wer ihn ermordet hat?«

Ainslie entschied sich dafur, offen zu antworten. »Moglicherweise niemand, Sir. Wir halten einen Selbstmord fur denkbar.«

Der Gesichtsausdruck des Alten veranderte sich nicht. Er schien zu uberlegen, dann sagte er: »Wundert mich nicht. Hat mir mal erzahlt, sein Leben sei leer.«

Wahrend Ainslie sich rasch Notizen machte, flusterte Vazquez ihm zu: »Vergeuden Sie keine Zeit, Sergeant. Beeilen Sie sich, falls Sie Fragen stellen wollen.«

Ainslie nickte. »Mr. Davanal, haben Sie in der Nacht zum letzten Dienstag oder fruh am Dienstagmorgen ein Gerausch gehort, das ein Schu? hatte sein konnen?«

Diesmal klang die Greisenstimme kraftiger. »Habe den Schu? gehort. Laut. Habe genau gewu?t, was das war. Habe mir auch die Zeit gemerkt.«

»Wann ist das gewesen, Sir?«

»Kurz nach halb sechs. Habe hier einen Radio wecker.« Der Alte deutete mit zitternder Hand auf seinen Nachttisch.

»Haben Sie nach dem Schu? noch irgend etwas gehort, Mr. Davanal?«

»Ja. Meine Fenster waren offen. Nach ein paar Minuten sind unten weitere Gerausche zu horen gewesen. Auch auf der Veranda. Stimmen.«

»Haben Sie erkannt, wer gesprochen hat?«

»Holdsworth. Er ist unser...«

Die Stimme des Alten wurde noch leiser. Ainslie warf hastig ein: »Ja, ich wei?, da? er der Butler ist. Haben Sie noch jemanden erkannt?«

»Ich glaube... ich glaube, das ist...« Als seine Stimme versagte, flusterte er: »Wasser, bitte.« Vazquez brachte ihm ein Glas und stutzte ihn, als er einige kleine Schlucke nahm. Dann fielen ihm die Augen zu, wahrend sein Kopf nach hinten sank. Seine Pflegerin bettete ihn in die Kissen, bevor sie sich an Ainslie wandte.

»Das war's fur heute, Sergeant. Mr. Wilhelm schlaft jetzt wahrscheinlich sieben bis acht Stunden lang. Ich habe Sie gewarnt!« Sie beugte sich uber den Alten, um dafur zu sorgen, da? er bequem ruhte, und richtete sich dann wieder auf. »Ich begleite Sie hinaus.«

Aber Ainslie blieb vor der Schlafzimmertur stehen. »Danke, Mrs. Vazquez, ich finde selbst hinaus. Jetzt mochte ich Sie bitten, mir einen wichtigeren Gefallen zu tun.«

Sie warf ihm einen neugierigen Blick zu. »Welchen denn?«

»Unter Umstanden mu? ich Sie spater um eine eidesstattliche Erklarung bitten, welche Fragen und Antworten Sie eben gehort haben. Deshalb ware ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich hinsetzen und alles aufschreiben wurden, was Mr. Davanal und ich Ihrer Erinnerung nach gesagt haben.«

»Wird gemacht«, versprach Karina Vazquez ihm. »Sagen Sie mir nur, wann Sie mich brauchen.«

Als Ainslie ins Prasidium zuruckfuhr, fragte er sich, ob der Name, den Wilhelm Davanal beinahe genannt hatte, Felicia gewesen war.

»Ich mochte einen Haftbefehl gegen Humphrey Holdsworth wegen Mordes an Byron Maddox-Davanal«, erklarte Ainslie Lieutenant Newbold.

Malcolm Ainslie, Jorge Rodriguez und Jose Garcia sa?en im Buro ihres Chefs. Ainslie, der die Punkte aus seinen Notizen vorlas, hatte eben die Verdachtsmomente gegen Holdsworth aufgezahlt.

»Seine Fingerabdrucke sind als einzige auf der Uhr gefunden worden, an der Blut des Ermordeten klebt. Folglich mu? Holdsworth sie aufgehoben und auf den Schreibtisch zuruckgestellt haben.

Holdsworth hat bei seiner Befragung durch Detective Garcia gelogen, als er behauptete, er habe von Byron Maddox-Davanals Tod erst erfahren, als Felicia Maddox-Davanal ihn davon unterrichtet habe, nachdem sie neuneinseins angerufen hatte, was sie um 7.32 Uhr getan hat.

Im Gegensatz zu seiner Aussage hat Wilhelm Davanal ausgesagt, er habe am Mordtag gegen halb sechs Uhr morgens einen lauten Schu? und wenig spater die Stimme des Butlers gehort. Er kennt Holdsworth gut und ist sich sicher, ihn gehort zu haben. Mr. Davanal hat bei offenem Fenster geschlafen, und die Stimme ist von der Veranda gekommen, die unmittelbar vor dem Tatort liegt.«

»Haltet ihr alle Holdsworth fur den Morder?« fragte Newbold seine Kriminalbeamten.

»Im Vertrauen gesagt, Sir, nein«, gab Ainslie zu. »Aber wir haben genug in der Hand, um ihn zu verhaften, ihm Angst einzujagen und ihn zum Reden zu bringen. Er wei? genau, was am Tatort passiert ist; daruber sind wir uns einig.« Er sah zu den beiden anderen hinuber.

»Der Sergeant hat recht, Sir«, bestatigte Garcia. »Nur so wird der Kerl reden. Lady Macbeth dort druben offnet ihren Kirschenmund bestimmt nicht freiwillig.«

Rodriguez nickte zustimmend.

»Was haben Sie vor, Malcolm, wenn ich Ihren Plan genehmige?« fragte Newbold.

»Ich lasse den Haftbefehl noch heute abend ausstellen und finde einen Richter, der ihn unterschreibt. Morgen in aller Fruhe nehmen wir einen Streifenwagen mit, wenn wir Holdsworth abholen. Die Fahrt in Handschellen in einem vergitterten Wagen macht ihn bestimmt nachdenklich; au?erdem ist's besser, ihn moglichst schnell aus der Villa rauszuholen.«

»Scheint im Augenblick unsere beste Chance zu sein«, bestatigte Newbold. »Okay, einverstanden.«

Am fruhen Abend betrat Ainslie das Gebaude der Staatsanwaltschaft in der Northwest Twelfth Avenue. Er hatte mit Curzon Knowles telefoniert, der ihm zugesagt hatte, auf ihn zu warten.

Im Buro des Staatsanwalts zahlte Ainslie die Punkte auf, die Holdsworth belasteten. Knowles kannte diesen Fall naturlich.

»Scheint fur einen Haftbefehl zu reichen«, bestatigte er. »Fur eine Verurteilung brauchten wir mehr, aber ich nehme an, da? Sie auf ein Gestandnis setzen.« Er musterte Ainslie prufend. »Oder vielleicht eher auf einen Hinweis auf andere Personen?«

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