beruchtigsten Viertel Miamis. Ainslie war mit einem neutralen Dienstwagen da; Lisa fuhr wie immer ihren uralten Kafer.

»Ich wei? nicht recht, warum ich hier bin«, behauptete er. Tatsachlich war er aus Neugier gekommen.

»Meine Mandantin und ich brauchen einen guten Rat, Sergeant«, erklarte Lisa ihm. »Beth hat gesagt, Sie konnten uns einen geben.« Sie stiegen die Treppe zum zweiten Stock hinauf, achteten darauf, nicht in Abfalle und Hundekot zu treten, und erreichten einen Balkon mit abbrockelndem Beton und rostigem Gelander. Lisa blieb vor einer der mittleren Turen stehen und klopfte an. Eine junge Frau Anfang Zwanzig offnete ihnen. Sie lachelte, als sie Lisa sah, und sagte: »Bitte kommen Sie rein.«

Drinnen machte Lisa die beiden miteinander bekannt: »Das ist Serafine... Sergeant Ainslie.«

»Danke, da? Sie gekommen sind.« Die junge Frau streckte ihre rechte Hand aus, die Ainslie ergriff, wahrend er sich in der Wohnung umsah.

Im Gegensatz zu dem heruntergekommenen Gebaude war dieses kleine Apartment makellos sauber. Die Einrichtung war seltsam zusammengewurfelt. Mehrere Mobelstucke - ein Bucherschrank, zwei Beistelltische und ein Fernsehsessel -sahen teuer aus; der Rest war billiger, aber sehr gepflegt. Ein Blick nach nebenan zeigte Ainslie ein ahnlich ordentliches Schlafzimmer.

Danach betrachtete er Serafine: eine attraktive, selbstbewu?te junge Schwarze, die ein geblumtes T-Shirt und blaue Leggins trug. Ihre braunen Augen erwiderten Ainslies Blick ernst. Die junge Frau war im dritten oder vierten Monat schwanger.

»Tut mir leid, da? es drau?en so aussieht«, sagte sie mit dunkler, weicher Stimme. »Byron wollte, da? ich...« Sie verstummte abrupt und schuttelte den Kopf.

Lisa Kane ubernahm die Gesprachsfuhrung. »Byron wollte fur Serafine eine bessere Wohnung suchen, aber leider sind andere Dinge dazwischengekommen.« Sie machte eine Handbewegung. »Kommt, wir setzen uns.«

Als sie Platz genommen hatten, wandte Serafine sich nochmals an Ainslie. »Ich erwarte Byrons Kinder. Aber das wissen Sie vermutlich.«

»Kinder?«

»Mein Arzt hat's mir gestern gesagt. Ich bekomme Zwillinge.« Sie lachelte.

»Erst die Vorgeschichte«, sagte Lisa. »Byron Maddox-Davanal hat Serafine kennengelernt, weil sie ihn mit Drogen versorgt hat. Sie und ich kennen uns, seit ich sie als Dealerin auf Bewahrung freibekommen habe. Sie ist nicht mehr im Geschaft, die Bewahrungsfrist ist abgelaufen, und Byron hat vor seinem Tod monatelang keine Drogen mehr genommen; seine Drogenabhangigkeit ist ohnehin nie sehr stark gewesen.«

»Ich schame mich trotzdem«, warf Serafine ein. Sie sah zu Ainslie hinuber, dann wich sie seinem Blick aus. »Aber meine Lage ist damals verzweifelt gewesen...«

»Serafine hat einen vierjahrigen Sohn, fur den sein Vater nie Alimente gezahlt hat«, fuhr Lisa fort. »Als alleinerziehende Mutter hat sie keinen Job finden konnen, und hier gibt es nicht viele Moglichkeiten, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Ja, ich wei?«, sagte Ainslie verstandnisvoll. »Aber wie ist das mit Maddox-Davanal gekommen?«

»Nun, man konnte sagen, Serafine und er hatten aufeinander reagiert; irgendwie haben sie ihre jeweiligen Bedurfnisse befriedigt. Jedenfalls ist Byron immer ofter hergekommen, um seinem anderen Leben zu entfliehen, und Serafine hat ihn entwohnt; sie selbst hat nie Drogen genommen. Auch wenn sie sich vielleicht nicht geliebt haben, hat ihre Beziehung beide zufriedengestellt. Byron hatte etwas Geld, um Serafine zu unterstutzen. Er hat ein paar Mobel gekauft und Serafine Geld fur Essen und Miete gegeben, so da? sie als Dealerin aufhoren konnte.«

Klar hat Byron Geld gehabt, dachte Ainslie. Ihr konnt euch gar nicht vorstellen, wieviel.

»Und naturlich ist sie mit ihm ins Bett gegangen«, fugte Lisa hinzu.

Serafine warf ein: »Ich wollte nie schwanger werden, aber irgendwas ist schiefgelaufen. Als ich Byron davon erzahlt habe, hat ihm das uberhaupt nichts ausgemacht; er hat mir versprochen, sich weiter um uns zu kummern. Aber irgendwas anderes hat ihn bedruckt, ihm wirklich Sorgen gemacht, und er hat einmal davon gesprochen, er sa?e in einer Falle. Kurz danach hat er aufgehort, zu mir zu kommen.«

»Das ist vor ziemlich genau einem Monat gewesen, und das Geld ist auch ausgeblieben«, berichtete Lisa. »Daraufhin ist Serafine hilfesuchend zu mir gekommen. Ich wollte Byron Maddox-Davanal anrufen, aber er ist nie erreichbar gewesen und hat nie zuruckgerufen. Also habe ich mit meinem Anliegen bei der Anwaltsfirma Haversham vorgesprochen... «

Ainslie kannte diese Anwalte, die seit vielen Jahren die Interessen der Davanals vertraten. »Haben Sie was erreicht?« fragte er.

»Ja«, antwortete Lisa Kane, »und deshalb brauchen wir Ihren Rat.«

Die Anwaltsfirma Haversham, das berichtete Lisa, war clever genug, um auch eine unbekannte junge Kollegin ernst zu nehmen und respektvoll zu behandeln. Sie sprach mit Mr. Jaffrus, einem der Partner, der sich ihre Geschichte anhorte und ihr zusicherte, er werde Nachforschungen wegen der Anspruche ihrer Mandantin anstellen. Einige Tage spater rief er Lisa an und vereinbarte ein weiteres Treffen, das in der Woche vor Byron Maddox-Davanals Selbstmord stattfand.

»Sie haben gleich Nagel mit Kopfen gemacht«, erzahlte Lisa jetzt Ainslie. »Nachdem offenbar festgestellt worden war, da? Byron der Vater sein mu?te, hat Haversham Serafine Unterhaltszahlungen angeboten - allerdings unter der Bedingung: Der Name Davanal durfte niemals mit ihrem Kind in Verbindung gebracht werden, und es wurde Mittel geben, um das zu garantieren.«

»Welche Mittel? Wie garantiert?« fragte Ainslie.

Lisa erlauterte ihm den Vorschlag: Serafine wurde eine eidesstattliche Versicherung abgeben mussen, ihre Schwangerschaft sei die Folge einer kunstlichen Befruchtung in einer Samenbank mit dem Sperma eines anonymen Spenders. Dann wurde eine echte Samenbank dazu veranla?t werden, diesen Vorgang durch entsprechende Unterlagen zu bestatigen.

»Sicher gegen eine gro?zugige Spende«, vermutete Ainslie. »Und wieviel soll Serafine bekommen?«

»Zwanzigtausend pro Jahr. Aber da hat sie noch nichts von den Zwillingen gewu?t.«

»Das reicht nicht mal fur ein Kind.«

»Das finde ich auch. Deshalb wollte ich Sie um Ihren Rit bitten. Beth hat gesagt, da? Sie die Familie kennen und wissen wurden, wieviel wir verlangen sollen.«

Ainslie wandte sich an Serafine, die aufmerksam zugehort hatte, und fragte sie: »Was halten Sie von dieser Sache mit der Samenbank?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Meine Kinder sollen in einer schoneren Umgebung aufwachsen und die bestmogliche Erziehung bekommen. Dafur unterschreibe ich jeden Fetzen Papier, auch wenn darauf nur Lugen stehen. Und der Name Davanal ist mir gleichgultig. Meiner ist genausogut - vielleicht sogar besser.«

»Was ist Ihr Nachname?«

»Evers. Kennen Sie den?«

»Ja, naturlich.« Ainslie erinnerte sich an Medgar Evers, einen schwarzen Burgerrechtler aus den sechziger Jahren, der von einem wei?en Rassisten erschossen worden war, der jetzt sein Verbrechen mit lebenslanglicher Haft bu?te.

»Sind Sie mit ihm verwandt?«

»Entfernt, glaube ich. Ist eines meiner Kinder ein Junge, mochte ich ihn Medgar nennen.«

»Und ein Madchen konnte Myrlie hei?en.« Ainslie hatte die NAACP-Vorsitzende Myrlie Evers-Williams, die Witwe des ermordeten Burgerrechtlers, einmal fluchtig kennengelernt.

»Daran hatte ich gar nicht gedacht.« Serafine lachelte erneut. »Eine gute Idee!«

Ainslie erinnerte sich an sein Gesprach mit Felicia Davanal, bei dem sich herausgestellt hatte, da? Byron ein Luxusleben fuhrte und zusatzlich pro Jahr eine Viertelmillion Dollar erhielt -praktisch furs Nichtstun. Er hatte ihre hingeworfene Bemerkung noch im Ohr: Fur unsere Familie sind solche Betrage Peanuts.

Er wandte sich an Lisa Kane. »Gut, ich rate Ihnen folgendes: Verlangen Sie zweihunderttausend Dollar im Jahr, bis die Zwillinge zwanzig sind. Eine Halfte davon soll Serafine zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts ausbezahlt werden; die andere Halfte kommt auf ein Treuhandkonto fur Studium oder Berufsausbildung der Kinder und ihres jetzigen Sohns...«

»Dana.«

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