»Unsinn, Patrick! Du hast zwei Menschen ermordet.«
»Ja, ich wei?.« Er verzog das Gesicht. »Okay, ich bin ein Schei?kerl. Ja, ich habe gemordet - aus Eifersucht, aus Leidenschaft oder dergleichen. Aber ich will darauf hinaus, da? deine Eltern, unter denen du jahrelang gelitten hast, reichlich Zeit gehabt haben, daruber
»Gut«, sagte Cynthia zufrieden. »Dann begreifst du vielleicht, warum ich sie beseitigen will.«
Nach kaum merklichem Zogern nickte Jensen. »Ja, das verstehe ich.«
»Also hilfst du mir.«
Cynthia Ernst und Patrick Jensen sprachen zwei Stunden lang miteinander - manchmal hitzig, gelegentlich ruhig, dann wieder beschworend, aber niemals leichthin. Ihre Uberlegungen, Argumente, Zweifel, Einwande, Widerspruche, Drohungen und Beschworungen wurden wie Dominosteine aufgebaut, uber den Haufen geworfen und erneut aufgestellt.
Einmal versuchte Patrick es mit Einwanden: »Und nehmen wir mal an, ich wurde
»Ja, ich wurde es tun«, antwortete Cynthia. »Ich wurde dir nichts androhen, wenn meine Drohung nicht ernstgemeint ware. Au?erdem hast du's verdient, bestraft zu werden - wenn nicht meinetwegen, dann wegen Naomi.«
»Aber was tatest
»Ich wurde mir einen anderen suchen.«
Und das wurde sie tun, das wu?te er.
Viel spater wandte Jensen ein: »Ich habe dir erzahlt, da? ich ein Verbrechen aus Leidenschaft begangen habe, ich bekenne mich dazu und wunschte, ich konnte es ungeschehen machen. Aber ich konnte
»Das wei? ich alles«, sagte Cynthia. »Das habe ich schon immer gewu?t.«
Jensen war verblufft. »Aber warum, zum Teufel, hast du mich dann... «
»Ich will, da? du jemanden fur die Tat anheuerst«, antwortete sie gelassen. »Und ihn dafur bezahlst.«
Jensen holte tief Luft, hielt sie sekundenlang an und atmete dann langsam aus. In Korper und Geist empfand er ungeheure Erleichterung. Im nachsten Augenblick fragte er sich:
Die Antwort darauf wu?te er bereits. Cynthia hatte ihn geschickt und mit zynischer Psychologie in eine Situation hineinmanovriert, in der dieser Vorschlag ihm als das kleinere Ubel erscheinen mu?te: Lebenslangliche Haft oder vielleicht sogar die Todesstrafe fur den Mord an Naomi und ihrem Freund - oder das Risiko, jemanden fur einen weiteren Doppelmord zu finden, zu dem er selbst nicht imstande gewesen ware. Vielleicht brauchte er nicht mal dabeizusein, wenn es passierte. Naturlich bestand die Gefahr, entdeckt, angeklagt und bestraft zu werden. Aber das war auch in der Nacht, in der er Naomi erschossen hatte, der Fall gewesen.
Cynthia lachelte schwach, wahrend sie Patrick beobachtete. »Na, hast du's rausgekriegt?«
»Du bist eine Hexe
»Aber du tust's«, stellte sie fest. »Dir bleibt nichts anderes ubrig.«
Als geborener Geschichtenerzahler betrachtete Jensen das Ganze seltsamerweise schon als Spiel. Das war vermutlich abartig, bestimmt verabscheuungswurdig. Trotzdem war es ein Spiel, das er spielen und gewinnen konnte.
»Ich wei?, da? du dich in letzter Zeit mit sehr zweifelhaften Gestalten herumgetrieben hast«, stellte Cynthia fest. »Du brauchst nur den richtigen Mann zu finden.«
Tatsachlich war Jensen allmahlich immer tiefer in die kriminelle Unterwelt eingetaucht, seit er vor uber zwei Jahren beschlossen hatte, einen Roman uber den illegalen Drogenhandel zu schreiben. Seine Recherchen hatte er bei Kleindealern begonnen - was einfach war, weil er manchmal Kokain fur den Eigenbedarf kaufte -, die ihn gro?eren Haien weiterempfohlen hatten.
Einige dieser Gro?dealer, die bereit waren, sich aus Neugier mit ihm zu treffen, blieben lange mi?trauisch, bis sie die Uberzeugung gewannen, ein leibhaftiger Schriftsteller - »ein cleverer Bursche, dessen Name auf Buchern steht« -, sei vertrauenswurdig. Auch die angeborene Eitelkeit von Berufsverbrechern und ihr Bedurfnis, um jeden Preis aufzufallen, offneten Jensen manche Turen. Bei Drinks und vertraulichen Gesprachen in Bars und Nachtklubs wurde er haufig gefragt: »Komme ich in deinem nachsten Buch vor?« Seine Standardantwort lautete: »Vielleicht.« So lernte Jensen allmahlich mehr Verbrecher kennen, als er fur blo?e Recherchen brauchte, und betatigte sich spater gelegentlich selbst als Dealer und Drogenkurier, was uberraschend leicht und erfreulich lukrativ war.
Den Gewinn konnte er gut gebrauchen, denn sein Kriminalroman verkaufte sich schlecht, und als auch das folgende Buch ein Flop wurde, schienen Patricks gro?e Bestsellertage gezahlt zu sein. Zur selben Zeit verspekulierte er sich, weil er schlechte Berater gehabt hatte, und seine Ersparnisse schmolzen in beunruhigendem Tempo dahin.
Alle diese Faktoren lie?en Cynthias bizarres Vorhaben zumindest moglich, nicht ganz undenkbar, vielleicht sogar interessant erscheinen.
»Du wei?t, da? jemand fur diesen Job eine Menge Geld verlangen wird«, erklarte er Cynthia. »Und soviel Geld habe ich nicht.«
»Ja, ich wei?«, sagte sie. »Aber ich habe reichlich.« Und das stimmte auch.
Im Rahmen seiner Bemuhungen, mit seiner jahrelang von ihm mi?brauchten Tochter Frieden zu schlie?en, erhielt sie von Gustav Ernst einen gro?zugigen monatlichen Zuschu?, der ihr Gehalt fast verdoppelte und ihr ein Luxusleben ermoglichte.
Cynthia akzeptierte dieses Geld als etwas, das ihr zustand.
Au?erdem sorgte Ernst dafur, da? immer wieder gro?ere Betrage auf ein fur Cynthia eingerichtetes Bankkonto auf den Cayman Islands eingezahlt wurden. Aber Cynthia, der es nicht eingefallen ware, sich dafur zu bedanken, hatte dieses Geld bisher nicht angeruhrt, obwohl sie wu?te, da? sich auf ihrem Konto schon uber funf Millionen Dollar befanden.
Gustav Ernst war nun schon seit vielen Jahren als Investor erfolgreich; seine Spezialitat waren Mehrheitsbeteiligungen an kleinen, innovativen Firmen, die Wagniskapital brauchten. Sein Instinkt war geradezu unheimlich. Fast alle Firmen, fur die er sich entschied, erzielten wenig spater deutliche Gewinne, die den Kurs ihrer Aktien in die Hohe trieben, worauf Ernst Kasse machte. Sein auf diese Weise angehauftes Vermogen wurde auf uber sechzig Millionen Dollar geschatzt.
Gustavs jungerer Bruder Zachary hatte seine amerikanische Staatsburgerschaft aufgegeben, wie es viele reiche Amerikaner taten, um nicht langer prohibitiv hohe Steuern zahlen zu mussen. Zachary lebte jetzt abwechselnd auf den Caymans und den Bahamas - beides angenehme, sonnige Steueroasen. Cynthias Bankkonto auf den Cayman Islands wurde von Zachary eingerichtet, der immer wieder gro?ere Betrage darauf einzahlte, die jeweils als steuerfreies »Geschenk« deklariert wurden. Nach jeder Einzahlung erhielt Cynthia ein Schreiben ihres Onkels, der ihr dieses neuerliche Geschenk ankundigte.
Cynthia wu?te recht gut, da? dieses Geld in Wirklichkeit von ihrem Vater stammte, der eng mit seinem Bruder zusammenarbeitete, was Steuerumgehung betraf - oder war das Steuerhinterziehung? Das kummerte Cynthia nicht weiter, obwohl sie sich daruber im klaren war, da? Steuerumgehung legal und Steuerhinterziehung illegal war.
Um sich personlich als Steuerzahlerin legal zu verhalten, hob Cynthia die unbeantworteten Briefe ihres Onkels auf und legte sie ihrem Steuerberater vor.
»Die Briefe sind in Ordnung«, erklarte er ihr. »Bewahren Sie sie fur den Fall auf, da? Sie nachweisen mussen, da? die Einzahlungen steuerfreie Geschenke gewesen sind. Ihr Bankkonto auf den Cayman Islands und die dort eingegangenen Geldgeschenke sind vollig legal. Aber Sie mussen das Konto auf jeder Steuererklarung angeben und die Zinsen als Einkommen versteuern. Dann kann Ihnen nichts passieren.«
Als die Steuerbehorde spater eine Steuererklarung Cynthias nachprufte und ohne Einwande akzeptierte, war dies die Bestatigung fur den Ratschlag ihres Steuerberaters, so da? sie nie befurchten mu?te, sich illegal zu
