Ein in der Nahe der Leichen gefundenes Taschentuch pa?te zu anderen, die Jensen besa?. Aber da? es Jensen gehorte, lie? sich nicht beweisen.

Das zweite Beweisstuck war ein Papierfetzen, den Kilburn Holmes in der Hand gehalten hatte. Er pa?te zu einem weiteren Stuck Papier in Jensens Garage, aber auch das bewies nichts. Die todlichen Schusse waren aus einer Waffe des Kalibers 38 abgefeuert worden, und Jensen hatte nachweislich zwei Monate zuvor einen Revolver Smith & Wesson Kaliber 38 gekauft. Aber er behauptete, diese Waffe schon eine Woche spater verloren zu haben; eine Durchsuchung seines Hauses forderte sie nicht zutage, und ohne Tatwaffe steckten die Ermittlungen in einer Sackgasse.

Cynthia war auch erleichtert, da? Ainslies Team nicht mit den Ermittlungen befa?t war. Zustandig fur sie war Sergeant Pablo Greene, der Detective Charlie Thurston mit der Leitung der Ermittlungen betraut hatte. Da bekannt war, da? Cynthia Umgang mit Jensen hatte, fragte Thurston sie beinahe schuchtern: »Wei?t du irgendwas uber diesen Kerl, das uns weiterhelfen konnte?«

»Nein, leider nicht«, antwortete sie freundlich.

»Traust du Jensen zu, die beiden erschossen zu haben?«

»Ich sag's nicht gern, Charlie«, erwiderte Cynthia. »Aber ich trau' ihm die Tat zu.«

Charlie Thurston nickte. »Ich auch.«

Und damit war das Thema erledigt. Offensichtlich kam weder Sergeant Greene, Detective Thurston noch sonst jemand in der Mordkommission auf die Idee, Detective Cynthia Ernst, die fruher mit dem jetzt unter Mordverdacht stehenden Jensen befreundet gewesen war, konnte auch nur im entferntesten in diesen Fall verwickelt sein.

Das lag naturlich daran, da? Cynthia ihren Kollegen, Vorgesetzten und sonstigen Gesprachspartnern gegenuber freundlich und kooperativ auftrat. Nur Verbrecher, mit denen sie beruflich zu tun hatte, erlebten sie von ihrer kalten, skrupellosen Seite.

Patrick Jensen lernte diese Seite kennen, als sie wieder zusammentrafen, nachdem Cynthia ihn vorsichtshalber uber Monate hinweg strikt gemieden hatte.

2

Fur ihr nachstes Treffen mit Jensen wahlte Cynthia die Cayman Islands aus - ein fur absolute Diskretion bekanntes Urlaubsziel, wo man vollig ungestort sein kann, wenn man Wert darauf legt. Genau das wollte sie.

Sie reisten einzeln an und wohnten in getrennten Hotels. Cynthias Reservierung im Hyatt Regency auf Grand Cayman lautete auf den Namen Hilda Shaw. Um keine Kreditkarte benutzen zu mussen, die ihre Identifizierung ermoglich hatte, lie? sie von der Western Union eine Anzahlung uberweisen und beglich den Restbetrag bei ihrer Ankunft in bar. An der Rezeption wurde das anstandslos akzeptiert.

Jensen, dem sie ihre Anweisungen telefonisch erteilt hatte, wohnte ganz in der Nahe in dem bescheideneren Sleep Inn. Aber er verbrachte den gro?ten Teil seiner drei Tage und Nachte auf Grand Cayman in Cynthias Zimmer mit Blick auf den zum Hotel gehorenden Park.

Als sie sich dort nach dreimonatiger Trennung wiedersahen, fielen sie formlich ubereinander her, rissen sich gegenseitig die Kleider vom Leib und liebten sich so heftig und gewalttatig, da? Cynthia auf ihrem Hohepunkt mit beiden Fausten gegen Jensens Schultern trommelte.

»Himmel, das tut weh!« protestierte er.

Als sie dann erschopft in dem zerwuhlten Bett lagen, sagte Patrick: »Seit wir uns damals nachts zum letztenmal getroffen haben, ist soviel passiert, da? ich nicht dazu gekommen bin, dir fur alles zu danken, was du fur mich getan hast. Deshalb danke ich dir jetzt.«

»Bedanken brauchst du dich nicht«, wehrte Cynthia betont lassig ab. »Ich hab' nur einen Kaufpreis bezahlt.«

Patrick lachte. »Was soll das hei?en?«

»Das hei?t, da? du jetzt mir gehorst.«

Danach entstand eine Pause. »Du redest von der Wunderkiste, stimmt's?« fragte Patrick langsam. »Die hast du irgendwo versteckt.«

Sie nickte. »Naturlich.«

»Und. du glaubst, falls ich dir irgendwann nicht gehorche oder dich gegen mich aufbringe, konntest du sie aufmachen und sagen: >Hey, Jungs, seht euch das viele Beweismaterial an! Damit konnt ihr den Hundesohn Jensen auf den elektrischen Stuhl bringen.««

»Du schreibst gute Dialoge.« Cynthia gestattete sich ein kleines, humorloses Lacheln. »Ich hatte's nicht besser ausdrucken konnen.«

Auch auf Patricks Gesicht erschien ein schwaches Lacheln. »Aber du hast ein paar Kleinigkeiten ubersehen. Das passiert sogar dir. Zum Beispiel deine Schrift auf den Etiketten. Und deine Fingerabdrucke... «

»Alles langst beseitigt«, log sie, wahrend sie sich wieder vornahm, sich demnachst darum zu kummern. »Ich habe die Beutel beschriftet, damit du siehst, was ich tue. Aber jetzt tragt alles nur noch deine Fingerabdrucke. Und es gibt eine Tonbandkassette.«

Cynthia schilderte ihm, wie sie alles, was Jensen in jener Nacht in ihrer Wohnung gesagt hatte - sein Gestandnis, er habe Naomi und ihren Freund Kilburn Holmes erschossen -, aufgenommen hatte. »Ich habe eine Kopie davon mitgebracht. Mochtest du sie horen?«

Patrick machte eine wegwerfende Handbewegung. »Schon gut; ich glaube dir. Aber ich konnte dir trotzdem schaden, indem ich aussage, wie du mir geholfen hast, das Belastungsmaterial verschwinden zu lassen. Wurde ich schuldig gesprochen, warst du auch erledigt - zumindest wegen Beihilfe.«

Cynthia schuttelte den Kopf. »Kein Mensch wurde dir glauben. Ich wurde alles leugnen, und mir wurde man glauben. Und noch etwas.« Ihr Tonfall wurde scharfer. »Das Beweismaterial wurde irgendwo gefunden, wo du es hattest verstecken konnen. Leider wurdest du nicht wissen, wo das ist, bis die Polizei es nach einem anonymen Tip gefunden hatte.«

Sie starrten einander lauernd an. Im nachsten Augenblick lie? Jensen sich paradoxerweise zurucksinken und begann zu lachen. Er hob gutgelaunt die Hande, als ergebe er sich. »Cynthia, Liebste, du bist wirklich ein gerissenes Genie. Nun, du hast gesagt, ich gehore dir. Ich gebe zu, da? das stimmt.«

»Das scheint dir nichts auszumachen.«

»Vielleicht ist's ein bi?chen pervers, aber seltsamerweise gefallt mir das sogar.« Er fugte nachdenklich hinzu: »Das ware eine gro?artige Romanvorlage.«

»Fur einen Roman, den du nie schreiben wirst.«

»Aber was tue ich dann - wenn ich eine Art Scho?hund bin, den du an der Leine haltst?«

Dies war der entscheidende Moment. Cynthias Blick durchbohrte ihn. »Du hilfst mir, meine Eltern zu ermorden.«

»Hor mir zu«, verlangte Cynthia. »Hor mir gut zu!«

Als Patrick versucht hatte, etwas zu sagen - sie zur Vernunft zu bringen, wie er es sah, nachdem sie ihr ungeheuerliches Vorhaben angekundigt hatte -, war sie ihm uber den Mund gefahren. Jetzt sa? er stumm da und wartete.

Cynthia lie? sich Zeit, griff auf fruhe Kindheitserinnerungen zuruck, erganzte sie durch Informationen, die sie ihrer Mutter entlockt hatte, und schilderte ihm bildhaft und uberzeugend ihre gesamte Leidensgeschichte, ohne ihm - oder sich selbst - etwas zu ersparen.

Wahrend sie erzahlte, bewegte Patrick Jensen sich kaum. Aber sein Gesichtsausdruck spiegelte wechselnde Emotionen wider: erst Unglauben, dann Abscheu, Zorn, Entsetzen und Besorgnis. Einmal standen ihm Tranen in den Augen. Ein andermal machte er eine Bewegung, als wolle er Cynthias Hand ergreifen, aber sie entzog sie ihm.

Zuletzt schuttelte er bekummert den Kopf. »Unglaublich.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flustern. »Ich kann kaum glauben, da?... «

»Verdammt! Glaubst du mir etwa nicht?« unterbrach Cynthia ihn in scharfem, aggressivem Ton.

»So habe ich's nicht gemeint... La? mir einen Augenblick Zeit, mich zu besinnen.« Nach kurzer Pause fuhr er fort: »Ich glaube dir. Jedes einzelne Wort. Aber es ist... «

»Was?« fragte sie ungeduldig.

»Es ist schwer, die richtigen Worte dafur zu finden. Ich habe in meinem Leben schon schlimme Dinge getan, aber solche widerwartigen... «

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