tatsachlich, einen Teil davon auszuspucken. Er wandte sich hilfesuchend an Jensen, der sich etwas im Hintergrund hielt, und stie? flehend hervor: »Ich bin entfuhrt worden! Ich hei?e Stewie Rice. Diese Leute wollen mich ermorden! Bitte helfen... «

Aber er konnte den Satz nicht zu Ende bringen, weil Virgilios machtige Pranke in sein Gesicht krachte. Aus seiner Nase scho? ein Blutstrom; sein lauter Aufschrei wurde sofort erstickt, als Dutch ihm den Knebel wieder zwischen die Zahne zwangte. Trotzdem starrte der Gefesselte weiter hilfesuchend und verzweifelt zu Jensen hinuber. Patrick mu?te sich abwenden.

»Wir gehen schnell«, befahl Virgilio den anderen. Er schob den Rollstuhl zum Wasser und hob ihn wieder muhelos hoch, als er einmal steckenblieb. Die beiden Manner, die mit dem Lieferwagen gekommen waren, folgten ihm; einer trug eine Kette, der andere schleppte einen Betonklotz mit eingegossener Ose. Dutch, der ihnen folgte, machte Jensen ein Zeichen, er solle ebenfalls mitkommen. Patrick setzte sich widerstrebend in Bewegung. Arlie blieb bei den Fahrzeugen zuruck.

Sie wateten durch knocheltiefes Wasser, das jedoch weiter drau?en in der vor Jahren ausgebaggerten Fahrrinne zweieinhalb bis drei Meter tief war. Die Manner aus dem Lieferwagen gingen um ein Mangrovendickicht voraus, bis sie eine kleine Bucht mit seichtem Wasser und uppigem Seegrasbewuchs erreichten. Sie schienen die Stelle zu kennen, denn sie blieben stehen, sobald das Wasser tiefer wurde. »Hier sind wir richtig«, sagte einer von ihnen.

Virgilio, der den Rollstuhl mit seinem in panischer Angst gegen die Fesseln ankampfenden Insassen muhelos allein schob, stie? ihn ins Wasser, bis nur noch Kopf und Schultern des Gefesselten herausragten. Die beiden anderen Manner zogen die mitgebrachte Kette durch die Rader des Rollstuhls und befestigten sie mit einem Vorhangeschlo? an dem Betonklotz, den sie in tieferes Wasser klatschen lie?en.

»Der schwimmt nicht mehr«, stellte Dutch fest. »Die Flut kommt bereits rein - in einer Stunde steht sie uber seinem Kopf.« Er lachte. »Da hat er Zeit, uber alles nachzudenken.«

Der junge Mann im Rollstuhl, der offenbar alles mitbekommen hatte, stohnte lauter und versuchte noch heftiger, sich von seinen Fesseln zu befreien. Aber damit erreichte er nur, da? der Rollstuhl tiefer ins Wasser sank.

Im Dunkeln zitterte Jensen unkontrollierbar. Seit er den gefesselten jungen Mann gesehen hatte, war ihm klar, da? er an einem Mord beteiligt sein wurde - zumindest duldend, womit der Tatbestand der Beihilfe erfullt war. Aber er wu?te auch, da? er nicht lebend davonkommen wurde, wenn er jetzt zu fliehen versuchte. Virgilio wurde keine Sekunde zogern, ihn als unerwunschten Augenzeugen zu beseitigen.

In seinem Innersten fragte eine leise Stimme aus der Vergangenheit: Was bin ich? Wann habe ich aufgehort, Mitgefuhl zu empfinden?... Und dann erinnerte Jensen sich an eine fruhere Einsicht: Der Mensch, der ich fruher gewesen bin, existiert nicht mehr.

»Wir gehen«, kundigte Virgilio an.

Als sie ans Ufer zuruckwateten und den Rollstuhl mit seinem Insassen im Wasser zurucklie?en, versuchte Jensen, nicht daran zu denken, wie Stewie Rice sterben wurde. Aber er tat es unweigerlich doch. Er stellte sich vor, wie Rice hilflos zusehen mu?te, wie die hereinkommende salzige Flut hoher, immer hoher stieg...

Jensen schaffte es nur mit gewaltiger Willensanstrengung, an etwas anderes zu denken.

An Land lie? Virgilio die anderen Manner stehen und trat dicht an Patrick Jensen heran. »Du behaltst diese Sache fur dich. Sonst komme ich und leg' dich um.«

»Ich mu? dichthalten, stimmt's? Schlie?lich hab' ich mitgemacht.« Jensen wich keinen Schritt zuruck und versuchte, so ruhig wie moglich zu sprechen. Er wollte sich auf keinen Fall von Virgilio einschuchtern lassen.

»Yeah«, gab der gro?e Mann zu. »Du bist mit dabei.«

»Ich mu? mal privat mit dir reden«, sagte Jensen halblaut. »Unter vier Augen.«

Virgilio wirkte uberrascht. Nach kurzer Pause zog er fragend die Augenbrauen hoch.

»Genau«, bestatigte Jensen, weil er wu?te, da? seine unausgesprochene Botschaft angekommen war.

»Ich mu? nach Kolumbien«, sagte Virgilio. »Aber ich komme zuruck, ich finde dich.«

Jensen wu?te, da? er das tun wurde. Und er wu?te, da? er seinen Killer gefunden hatte.

Einige Harley-Davidson-Fahrer, die am nachsten Morgen vorbeikamen, entdeckten den tief im Wasser stehenden Rollstuhl als erste. Sie fuhren zu Alabama Jack's, einer in der Nahe liegenden beliebten Biker-Bar, und riefen von dort aus die 911 an, um die Metro-Dade Police zu alarmieren. Zwei uniformierte Polizisten und zwei Sanitater wateten ins Wasser; der altere der beiden Sanitater erklarte den Mann fur tot. Stewart Rice wurde anhand seiner bei ihm gefundenen Kreditkarten muhelos identifiziert. Unterdessen waren Reporter aus Florida City, die den Polizeifunk abgehort hatten, in Massen herbeigestromt.

Viele Zeitungen und das Fernsehen verbreiteten dramatische Bilder von der Bergung des Rollstuhls mit der nach vorn gesackten, noch immer gefesselten Gestalt des Ertrunkenen. Unabsichtlich forderten sie damit das Ziel dieses Verbrechens, das anderen - vor allem den Veteranen im Rollstuhl - als Warnung dienen sollte. Da ihre Gruppe und ihre Methoden offenbar bekannt waren, stellten die Rollstuhlfahrer die Uberwachung von Dealern ein, so da? die Drogenfahnder aus dieser Quelle keine Tips mehr erhielten.

»Schade um Stewie«, sagte ein Drogenfahnder nach einigen Tagen zu einem Kollegen. »Jemand mu? nicht dichtgehalten haben. Aber so geht's immer.«

Einige Tage spater rief Patrick Cynthia zu Hause an, um ein Treffen mit ihr zu vereinbaren. Vor ihrem Abflug von den Bahamas hatte sie ihn gewarnt, bis ihr Ziel erreicht sei - und auch langere Zeit danach -, durften sie nicht mehr miteinander gesehen werden. Deshalb sollte Jensen nicht mehr zu ihr kommen, sondern sie notfalls privat anrufen, damit sie ein unbedingt erforderliches Treffen an einem Ort vereinbaren konnten, wo sie vermutlich niemand kannte. Bei diesem Anruf bestellte Cynthia ihn fur den folgenden Sonntag nach Boca Raton, das gut erreichbar, aber weit genug von Miami entfernt war. Als Treffpunkt nannte sie ihm Pete's Restaurant in der Glades Road, in dem sie bestimmt nicht damit rechnen mu?ten, erkannt zu werden.

Jensen kam etwas fruher und wartete in seinem Volvo, bis Cynthia erschien und in seiner Nahe parkte. Sie betraten gemeinsam das hubsche Restaurant und entschieden sich fur einen Tisch auf der Veranda mit Blick auf den Springbrunnen und einen See, an dem sie ungestort waren. Cynthia bestellte einen griechischen Salat, Patrick den »Fang des Tages«, ohne zu wissen, welchen Fisch er bekommen wurde; die Bezeichnung erschien ihm irgendwie passend.

Sobald der Ober gegangen war, kam er ohne weitere Vorrede zur Sache.

»Ich habe den Mann gefunden, den wir brauchen.« Jensen beschrieb ihr Virgilio und erwahnte, was seine Freunde im Brass Doubloon ihm uber den riesigen Kolumbianer erzahlt hatten.

»Woher wei?t du, da? er...«, begann Cynthia, aber Patrick unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung.

»Das ist noch nicht alles. Ich habe miterlebt, wie er arbeitet.« Er senkte seine Stimme und begann ihr zu schildern, was sich vor einigen Tagen am Card Sound ereignet hatte. Als er beschrieb, wie der Lieferwagen den Mann im Rollstuhl gebracht hatte, fauchte Cynthia ihn uber den Tisch hinweg mit funkelnden Augen an: »Halt die Klappe, verdammt noch mal!« Er schwieg verblufft, und sie fugte hinzu: »Erzahl's mir nicht. Ich will nichts davon wissen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Nun, jetzt wei?t du's. Der springende Punkt ist, da? Virgilio den Rollstuhlmord verubt hat. Von dem mu?t du gehort haben.«

»Naturlich habe ich davon gehort!« Cynthia war zornrot und atmete schwer. »Pa? auf, du Idiot! Das hattest du mir nicht erzahlen mussen, und ich verlange, da? du vergi?t, da? du's getan hast. Du streichst diese letzten Minuten aus deinem Gedachtnis, verstanden?«

»Okay, wenn du darauf bestehst, aber ich wollte auf etwas anderes hinaus...« Jensen machte eine Pause, als ihr Essen serviert wurde. Als der Ober wieder gegangen war, beugte er sich nach vorn und senkte seine Stimme noch mehr. »Der springende Punkt ist, da? es Virgilio Spa? macht, Leute zu ermorden; ich habe ihn in dieser Nacht beobachtet. Er ist clever und kennt keine Angst.«

Cynthia, die noch immer sichtlich aufgebracht war, fragte erst nach langerer Pause: »Wei?t du bestimmt, da? er sich bei dir melden wird?«

»Yeah, das wei? ich bestimmt. Er will offenbar in Kolumbien abwarten, bis die Aufregung uber den Rollstuhlmord sich gelegt hat, aber er kommt zuruck; dann rede ich mit ihm daruber, ob er deine Eltern beseitigen will. Ich wei?, da? er's tun wird. Aber bis dahin mussen die Voraussetzungen stimmen. Vor allem brauchen wir Bargeld.«

»Das liegt bereit.«

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