Er wirkte leicht verwirrt. »Spielt jetzt auch eine Kriminalbeamtin aus Miami mit?«
»Nein, nein.« Cynthia lachelte. »Ich bin keine Schauspielerin.«
»Oh, sorry. Aber... nun, Sie sehen eher wie eine Schauspielerin als eine Polizeibeamtin aus.«
»Nach allem, was man hort, wurde ich damit mehr Geld verdienen.«
Der Schauspieler nickte leicht verlegen. »Ja. Ungerecht, nicht wahr?«
»Na ja, vielleicht auch nicht. Ich habe mich in der Schule als Schauspielerin versucht, bin aber nicht damit zurechtgekommen. Der Versuch, meine Rolle zu verstehen, hat mich so beschaftigt, da? sie mir nie lebensecht vorgekommen ist.«
Max Cormick nahm ihren Arm und fuhrte sie ans Fruhstucksbufett. »Major, ein Schauspieler
Cynthia nickte anscheinend hoflich interessiert. In Wirklichkeit hatte sie sich jedes Wort gemerkt.
Sechs Tage spater, am Morgen des 18. August, erklang um 6.50 Uhr der Turgong in Paige Burdelons Eigentumswohnung. Sekunden spater erklang er nochmals.
Cynthia, die schon wach war, aber noch im Bett lag, horte den ersten Gong und nach dem zweiten Paiges gedampfte Stimme, die protestierte: »Wer zum Teufel... um diese Zeit...«, wahrend die andere Schlafzimmertur geoffnet wurde. Bevor sie die Wohnungstur erreichen konnte, ertonte der Gong zum drittenmal.
»Schon gut, schon gut! Ich komme!« rief Paige gereizt.
Cynthia fuhlte, wie ihr Puls sich beschleunigte, aber sie blieb ruhig liegen und lie? die bevorstehenden Ereignisse gelassen auf sich zukommen.
An ihrer Wohnungstur warf Paige einen Blick durch den Spion und erkannte eine Polizeiuniform. Sie hakte die Sperrkette aus, sperrte zwei Schlosser auf und offnete dann die Tur.
»Ich bin Commander McGowan, Ma'am.« Eine ruhige und kultivierte Stimme. »Ich arbeite mit Major Ernst zusammen, die meines Wissens bei Ihnen wohnt.«
»Ja, das stimmt. Ist irgendwas nicht in Ordnung?«
»Tut mir leid, da? ich so fruh store, aber ich mu? sie unbedingt sprechen.«
»Kommen Sie rein, Sir.«
Paige drehte sich um. »Cynthia, bist du schon wach?« rief sie. »Du hast Besuch!«
Cynthia lie? sich Zeit, bevor sie im Morgenrock aus ihrem Zimmer kam. »Hallo, Winslow«, begru?te sie McGowan lachelnd. »Was fuhrt Sie so fruh hierher?«
Anstatt ihre Frage zu beantworten, wandte McGowan sich an Paige. »Konnen Cynthia und ich irgendwo ungestort miteinander reden?«
»Klar.« Sie deutete hinter sich. »Gehen Sie ins Arbeitszimmer. Rufen Sie mich, wenn Sie fertig sind. Ich koche inzwischen Kaffee.«
Als McGowan und sie Platz nahmen, sagte Cynthia: »Sie machen ein so ernstes Gesicht, Winslow. Ist irgendwas nicht in Ordnung?« Wahrend sie das scheinbar unbekummert fragte, erinnerte sie sich wieder an Max Cormicks Worte in den Universal Studios:
»Ja«, antwortete McGowan. »Ich habe Ihnen eine schlechte Nachricht, eine
»Ich
McGowan nickte langsam. »Ja, es handelt sich um Ihre Eltern... Ich mu? Ihnen leider mitteilen, da? sie...«
»O nein! Sind sie...« Cynthia verstummte, als widerstrebe es ihr, den Satz zu Ende zu bringen.
»Ja, meine Liebe. Ich wollte, ich konnte es Ihnen irgendwie anders sagen, aber... Sie sind beide tot, furchte ich.«
Cynthia schlug mit einem Aufschrei die Hande vors Gesicht. Dann rief sie laut: »Paige!
Als Paige hereingesturmt kam, kreischte Cynthia: »Paige, Mom und Dad... sie sind beide tot...« Wahrend ihre Freundin sie trostend umarmte, sah Cynthia zu McGowan hinuber. »Sind sie... ist's ein Unfall gewesen?«
Er schuttelte den Kopf. »Nein, kein Unfall.« Dann schlug er vor: »Cynthia, wir wollen nichts ubersturzen. Sie konnen unmoglich alles auf einmal verkraften. Dieser Schock reicht furs erste.«
Paige, die Cynthia fest umarmt hielt, nickte zustimmend. »Sweetie, ich bitte dich! Blo? nicht alles auf einmal. La? dir Zeit.«
So verging eine weitere Viertelstunde, bis Cynthia -
Danach lie? sie alles um sich herum einfach geschehen. Winslow McGowan und Paige Burdelon nahmen an, Cynthia habe einen Schock erlitten - eine Vermutung, die sie durch benommene Gefugigkeit nahrte. McGowan, der jetzt von zwei weiteren uniformierten Polizeibeamten unterstutzt wurde, die eifrig telefonierten, erklarte ihr ruhig: »Wir kummern uns um Ihre Heimreise. Ich habe Ihre letzten Vortrage abgesagt und Ihnen einen Platz in einer Maschine reserviert, die am fruhen Nachmittag nonstop nach Miami fliegt. Ein Dienstwagen bringt Sie zum Flughafen.«
»Und ich komme mit, Cynthia«, warf Paige ein. »Du kannst unmoglich allein fliegen. Ich gehe jetzt und packe deine Sachen. Einverstanden?«
Cynthia nickte zustimmend und murmelte: »Ja, danke.« Eine Begleiterin fur unterwegs konnte nutzlich sein, aber in Miami wurde sie Paige nicht lange um sich haben wollen, uberlegte sie sich.
Sie blieb auf der Couch liegen, zu der sie gefuhrt worden war, schlo? die Augen und kapselte sich von den Aktivitaten um sie herum ab.
Endlich sind deine Eltern tot, dachte sie; nach jahrelangem Warten ist endlich erreicht, worauf du so zielbewu?t hingearbeitet hast. Warum empfindest du dann nicht die erhoffte Euphorie, sondern statt dessen eine seltsame Leere? Vielleicht liegt's daran, sagte sie sich, da? au?er Patrick Jensen und dir niemand jemals die Wahrheit erfahren wird - dein Motiv und deinen raffinierten Plan fur den Doppelmord.
Trotzdem bedauerte sie ihren Entschlu? keine Sekunde lang. Dieses Ende war notwendig gewesen; nur so hatte sich ihr Bedurfnis nach Wiedergutmachung fur angetanes Unrecht befriedigen lassen. Dies war die gerechte Vergeltung fur die abscheuliche, widerwartige Art, wie Gustav und Eleanor Ernst sie als Kind behandelt und in vieler Beziehung zu dem Menschen gemacht hatten, der sie jetzt war. Zu einem Menschen, den Cynthia, wie sie sich ehrlich eingestand, oft nicht leiden konnte.
Ah! Das war eine entscheidende Frage: Ware sie ohne diesen gluhenden Ha? und Zorn, den der perverse Mi?brauch durch ihren Vater und die heuchlerische Untatigkeit ihrer Mutter in ihr hervorgerufen hatten, anders geworden, hatte sie anders werden
Sie lag noch immer mit geschlossenen Augen da, als Paiges sanfte Stimme sie aus ihren Uberlegungen ri?. »Cynthia, alles ist arrangiert. In ein paar Stunden fahren wir zum Flughafen. Vielleicht solltest du noch mal ins Bett gehen und zu schlafen versuchen.«
Cynthia ging erleichtert auf diesen Vorschlag ein. Spater verlief der Ruckflug an die Ostkuste dank Paige ohne irgendwelche Schwierigkeiten.
Vor der Landung in Miami rieb Cynthia sich heimlich ein paar Salzkorner in die Augen. Dieser Trick, den sie damals im Internat bei ihrem ersten und letzten Versuch als Schauspielerin gelernt hatte, rief Tranen und gerotete Augen hervor. In den folgenden Tagen vergo? Cynthia keine echten Tranen, aber weitere Salzkorner und noch gerotete Augen erzeugten den gewunschten Eindruck.
Abgesehen von dieser gespielten Trauer lie? Cynthia seit dem Augenblick ihrer Ruckkehr keinen Zweifel daran, da? sie ihre Starke und Fassung zuruckgewonnen hatte, und machte sich daran, alles zu erfahren, was uber den Mord an ihren Eltern bekannt war. Ihr eigener Dienstgrad, durch den sie direkten Zugang zu allen Beamten des Police Departments hatte, erleichterte ihr dieses Vorhaben.
