»Ware er vorsichtiger gewesen, lebte er wahrscheinlich noch«, stimmte der Inspektor trocken zu.

»Hatte ich mich blo? nicht aufs hohe Ro? gesetzt, sondern ware dort geblieben. Wer wei?, vielleicht hatte ich etwas erfahren, was uns jetzt nutzen konnte. Ich hatte naturlich so tun sollen, als waren wir sehr interessiert daran, ihm fur den angebotenen Beweis jede Summe zu zahlen. Aber das ist alles so dumm. Wie konnen wir schon mit Rosaleen und David Hunter konkurrieren? Sie haben Geld, und wir haben hochstens Schulden.«

Der Inspektor nahm das Feuerzeug auf.

»Wissen Sie, wem das gehort?«

»Es kommt mir bekannt vor.« Eine steile Falte grub sich zwischen Rowleys nachdenkliche Augen. »Aber ich komme nicht darauf, wo ich es gesehen habe.«

Spence gab Rowley das Feuerzeug nicht in die Hand. Er legte es nieder und nahm den Lippenstift auf.

»Und das?«

Rowley schmunzelte.

»Da bin ich nicht zustandig, Inspektor.«

Spence schraubte die Hulle ab und malte sich einen kleinen roten Strich auf den Handrucken.

»Wurde zu einer Brunetten passen«, murmelte er.

»Was fur komische Sachen ihr Leute von der Polizei wissen musst«, bemerkte Rowley. Er erhob sich. »Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wer der Ermordete gewesen sein konnte?«

»Haben Sie denn irgendeine Idee?«, fragte der Inspektor.

»Nicht die geringste. Der Mann war unsere einzige Moglichkeit, an Robert Underhay ranzukommen«, erwiderte Rowley langsam. »Nach Underhay suchen, ohne jeden Anhaltspunkt, das ware das Gleiche, wie in einem Heuhaufen nach einer Stecknadel fahnden.«

»Die Nachricht von diesem Mord wird an die Offentlichkeit gelangen. Die Umstande werden in der Zeitung geschildert werden, und es besteht die Moglichkeit, dass Underhay, falls er wirklich noch lebt, davon hort oder liest und sich meldet.«

»Moglich«, gab Rowley zu. »Unwahrscheinlich, aber moglich.«

Nachdem Rowley sich verabschiedet hatte, betrachtete der Inspektor sinnend das Feuerzeug. Es trug die Initialen D.H.

»Kein billiges Stuck«, sagte er zu Sergeant Graves gewandt. »Haben Sie sich’s angesehen?« Der Sergeant bejahte die Frage.

Inspektor Spence wandte seine Aufmerksamkeit der Armbanduhr zu. Das Glas war zerbrochen, und die Zeiger waren auf zehn Minuten nach neun stehen geblieben.

»Was halten Sie davon?«, fragte er, zu Graves aufblickend.

»Sieht so aus, als ob die Uhr uns den Zeitpunkt der Tat angibt«, meinte der Sergeant.

Spence sah zweifelnd drein.

»Wenn Sie erst einmal so viele Jahre Dienst hinter sich haben wie ich, Graves, werden Sie misstrauisch beim Anblick eines so auffallend uberzeugenden Beweisstucks wie einer stehen gebliebenen Uhr. Sie kann wirklich beim Fall des Opfers zerbrochen sein und dadurch die genaue Zeit des Mordes angeben, aber die Gefahr, dass man uns damit in die Irre fuhren will, lasst sich nicht von der Hand weisen. Es ist ein oft erprobter alter Trick. Stellen Sie die Zeiger einer Uhr auf den Zeitpunkt, der Ihnen gerade ins Programm passt, schmei?en Sie das Ding auf den Boden, der Mechanismus steht still und Sie haben das schonste Alibi, das Sie sich wunschen konnen. Aber so leicht kriecht ein alter Fuchs wie ich nicht auf den Leim. Laut arztlicher Aussage erfolgte die Tat zwischen acht und elf Uhr abends. Daran halte ich mich.«

Sergeant Graves rausperte sich.

»Edwards, der zweite Gartner in Furrowbank, behauptete, er habe David Hunter so gegen halb acht aus einer Seitentur kommen sehen. Die Angestellten waren der Meinung, Hunter sei nach London zu Mrs Gordon gefahren. Aber wenn Edwards ihn gesehen hat, muss er sich doch hier in der Nachbarschaft herumgetrieben haben.«

»Warten wir einmal ab, was uns Mr Hunter uber seinen Verbleib wahrend der betreffenden Zeit zu sagen hat«, erwiderte Spence.

»Das sieht doch alles nach einem klaren Fall aus«, meinte Graves zuversichtlich.

Spence wiegte nachdenklich den Kopf.

»Fur dieses Ding hier fehlt vorlaufig noch jede Erklarung.« Er nahm den Lippenstift zur Hand. »Er war unter eine Kommode gerollt. Womoglich lag er da schon seit Tagen oder Wochen.«

»Man hat nichts von einer Frau in Verbindung mit diesem Arden gehort«, bemerkte Graves.

»Darum eben nenne ich diesen Lippenstift die unbekannte Gro?e in der Rechnung«, erwiderte Spence. 

18

 Inspektor Spence sah erst prufend an dem imposanten Gebaude, das sich »Shepherd’s Court«, nannte, hinauf, bevor er durch das Marmorportal schritt.

Drinnen sanken des Inspektors Fu?e tief in die dicken weichen Teppiche ein, mit denen die Halle ausgelegt war. Ein Blumenarrangement und ausladende Polstermobel fielen ihm ins Auge, doch steuerte er pflichtbewusst sogleich auf eine Tur zu, die als »Buro«, gekennzeichnet war. Hinter der Tur befand sich ein mittelgro?er Raum, der durch eine massiv holzerne Barriere abgeteilt war. Jenseits der Barriere standen ein Tisch mit einer Schreibmaschine und zwei Stuhle, doch war niemand zugegen.

Der Inspektor erspahte eine Glocke und bediente sich ihrer. Als sich daraufhin nichts ereignete, versuchte er sein Gluck abermals, diesmal etwas anhaltender. Ungefahr eine Minute darauf, vielleicht sogar noch etwas spater, offnete sich eine Seitentur, und eine uniformierte Erscheinung mit der Wurde eines Generals, wenn nicht gar eines Feldmarschalls, naherte sich der Barriere. Doch als die Erscheinung zu sprechen begann, wurde offenbar, dass die Uniform tauschte und sich darunter ein waschechtes Produkt der weniger vornehmen Vorstadtgegenden Londons befand.

»Sie wunschen?«

»Ich mochte zu Mrs Gordon Cloade.«

»Dritter Stock. Soll ich Sie anmelden?«

»Ist sie da?«, erkundigte sich Spence. »Ich dachte schon, sie ware womoglich auf dem Land.«

»Nein, sie ist schon seit letztem Sonnabend hier.«

»Und Mr David Hunter?«, forschte der Inspektor.

»Mr Hunter ist ebenfalls da.«

»War er nicht weg?«

»Nein.«

»Und letzte Nacht war er auch hier?«

»Was soll dieses Gefrage eigentlich bedeuten?«, fuhr der General erzurnt auf. »Soll ich Ihnen vielleicht die Lebensgeschichte von jedem einzelnen unserer Gaste erzahlen?«

Ohne ein Wort zu erwidern, zog Inspektor Spence seinen Dienstausweis aus der Tasche. Der General gab sofort seine Angriffsstellung auf und zog sich in die Verteidigung zuruck. »Entschuldigen Sie bitte. Ist mir sehr peinlich. Aber wie konnte ich das wissen?«

»Na, und war Mr Hunter gestern Nacht nun hier oder nicht?«, fragte Spence.

»Er war hier. Wenigstens soweit ich im Bilde bin. Das hei?t, er hat nichts von Weggehen gesagt.«

»Erfahren Sie es immer, wenn einer der Gaste, sagen wir Mr Hunter, abwesend ist?«

»Nicht immer. Aber im Allgemeinen sagen es einem die Herrschaften, wenn sie wegfahren, schon wegen der Post oder falls angerufen wird.«

»Laufen alle Anrufe uber dieses Buro?«

»Nein, die meisten Appartements haben eigene Telefonanschlusse. Nur ein oder zwei ziehen es vor, sich kein Telefon hinauflegen zu lassen. Kommt ein Anruf, dann geben wir durchs Haustelefon Bescheid in das betreffende Zimmer, und die Herrschaften kommen in die Halle herunter und sprechen von dort.«

»Aber in Mrs Cloades Appartement ist ein Telefon installiert?«

»Ja.«

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