»Und soweit Sie unterrichtet sind, waren beide Herrschaften gestern Abend und gestern Nacht im Haus?«
»Ja.«
»Wie steht’s mit den Mahlzeiten?«
»Wir haben ein Restaurant, aber Mrs Cloade und Mr Hunter nutzen dessen Angebot nicht oft. Meist gehen sie zum Essen aus.«
»Und das Fruhstuck?«
»Das wird aufs Zimmer serviert.«
»Konnen Sie sich erkundigen, ob heute Morgen Fruhstuck in Mrs Cloades Appartement gebracht wurde?«
»Gewiss, Inspektor, das kann mir der Kellner sagen, der Zimmerdienst hatte.«
Spence nickte zufrieden.
»Finden Sie das heraus. Ich gehe jetzt hinauf. Wenn ich wieder herunterkomme, sagen Sie mir Bescheid.«
»Selbstverstandlich, Inspektor. Sie konnen sich auf mich verlassen.«
Spence betrat den Fahrstuhl und fuhr in den dritten Stock hinauf. Es befanden sich nur zwei Appartements auf jeder Seite. Der Inspektor klingelte bei Nummer 9.
David Hunter offnete. Er kannte den Beamten nicht und fragte unwirsch:
»Was ist los?«
»Mr Hunter?«, sagte Spence fragend.
»Ja.«
»Ich bin Inspektor Spence von der Oastshire County Polizei. Kann ich Sie einen Moment sprechen?«
»Entschuldigung, Inspektor.« David grinste. »Ich dachte, Sie wollten mir irgendwas verkaufen.«
Er fuhrte den Inspektor in den modern eingerichteten Salon. Rosaleen hatte am Fenster gestanden und drehte sich beim Eintritt der beiden Manner um.
»Das ist Inspektor Spence, Rosaleen«, stellte David vor. »Setzen Sie sich, Inspektor, und machen Sie sich’s bequem. Wie steht’s mit einem Whisky?«
»Danke, Mr Hunter.«
Rosaleen hatte sich gesetzt. Die Hande ineinander verkrampft, beobachtete sie den Inspektor.
»Rauchen Sie?«
David bot Zigaretten an.
»Danke.«
Spence nahm eine der Zigaretten und wartete. David fuhr mit der Hand in die Tasche, runzelte die Stirn und sah sich dann suchend nach Zundholzern um. Er nahm eine Schachtel vom Tisch und gab dem Inspektor Feuer.
»Na?«, meinte David zwischen zwei Zugen, nachdem auch er sich eine Zigarette angezundet hatte. »Was ist passiert in Warmsley Vale? Hat sich unsere Kochin etwa bei Einkaufen auf dem schwarzen Markt erwischen lassen? Sie tischt uns wunderbare Mahlzeiten auf, und ich habe mich schon langst gefragt, ob sie nicht uber irgendwelche dunklen Quellen verfugt.«
»Leider geht es um etwas Schlimmeres als das. Gestern Nacht starb ein Mann im Hotel ›Hirschen‹. Sie haben vielleicht daruber in der Zeitung gelesen.«
David schuttelte verneinend den Kopf.
»Ich habe nichts gesehen. Was war mit ihm?«
»Genauer gesagt, er starb nicht, sondern er wurde ermordet«, berichtigte der Inspektor. »Er wurde erschlagen.«
Ein halb erstickter Schreckenslaut entrang sich Rosaleens Lippen. David sagte schnell:
»Verschonen Sie uns mit Einzelheiten, Inspektor, ich bitte Sie. Meine Schwester ist sehr empfindlich. Sie kann nichts dafur, aber sobald von Blut und Schreckenstaten die Rede ist, wird sie ohnmachtig.«
»Entschuldigen Sie bitte.« Der Inspektor deutete eine kleine Verbeugung an, fuhr jedoch unverdrossen fort: »Von Blut kann auch eigentlich nicht die Rede sein. Obwohl es ganz eindeutig Mord war.«
Er schaltete eine Pause ein. Davids Augenbrauen hoben sich fragend. Als der Inspektor nicht fortfuhr, fragte er sehr freundlich.
»Und was haben wir damit zu tun?«
»Ich hoffte, Sie konnten mir etwas uber den Ermordeten erzahlen, Mr Hunter?«
»Ich?«
»Ja. Sie haben ihn doch am letzten Sonnabend besucht. Sein Name – oder jedenfalls der Name, unter dem er sich eingetragen hatte – war Enoch Arden.«
»Ach ja, naturlich. Jetzt erinnere ich mich.«
David sprach ruhig, ohne jede Nervositat.
»Aber ich furchte, ich kann Ihnen wenig helfen, Inspektor. Ich wei? so gut wie nichts von dem Mann.«
»Wieso suchten Sie ihn dann auf?«
»Ach, die ubliche Geschichte. Er hatte sich an mich gewandt, weil es ihm schlecht ging. Er erwahnte ein paar Stadte, in denen ich auch gelebt habe, nannte Bekannte von mir, mit denen er zusammengetroffen war, erzahlte vom Krieg, packte Erlebnisse aus – wie das so zu sein pflegt.« David zuckte die Achseln. »Es war ein Pumpversuch, nichts weiter, und was er mir auftischte, war reichlich fadenscheinig.«
»Haben Sie ihm Geld gegeben?«
Fur den Bruchteil einer Sekunde schien David zu zogern, dann erwiderte er:
»Nur eine Funfernote, mehr als Glucksbringer gemeint. Der Mann hatte schlie?lich den Krieg mitgemacht.«
»Und er nannte Namen von Bekannten?«
»Ja.«
»Nannte er auch Captain Robert Underhay?«
Diesmal hatte der Inspektor die Genugtuung, eine Wirkung seiner Frage beobachten zu konnen. David richtete sich auf. Seine Haltung wurde steif. Rosaleen, die hinter ihm sa?, stie? einen kleinen Schrei aus.
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte David schlie?lich. Seine Augen versuchten den anderen zu durchdringen.
»Wir haben eine dahingehende Information erhalten«, gab Spence vage Auskunft.
Es entstand eine kleine Pause. Der Inspektor spurte Davids forschenden Blick auf sich ruhen.
»Wissen Sie, wer Robert Underhay war, Inspektor?«, fragte David schlie?lich.
»Wie war’s, wenn Sie es mir erzahlten?«, kam die Gegenfrage.
»Robert Underhay war der erste Mann meiner Schwester. Er starb vor ein paar Jahren in Afrika.«
»Sind Sie dessen ganz sicher?«, erkundigte sich Spence sachlich.
»Ganz sicher. Stimmt’s, Rosaleen?«
David drehte sich zu seiner Schwester um.
»Ja… ja, naturlich.« Sie sprach hastig und kurzatmig. »Robert starb an Sumpffieber. Es war sehr traurig.«
»Es muss nicht unbedingt alles wahr sein, was gesagt wird, Mrs Cloade. Manchmal wird von Ereignissen berichtet, die gar nicht stattgefunden haben.«
Rosaleen gab keine Antwort. Ihre Augen hingen an David. Nach einer angstlichen Pause stammelte sie:
»Robert ist tot.«
»Wie ich erfahren habe, behauptete dieser Enoch Arden, ein Freund von Captain Robert Underhay zu sein. Au?erdem hat er Ihnen mitgeteilt, dass sich Underhay noch am Leben befande.«
David schuttelte den Kopf.
»Unsinn«, erklarte er. »Absoluter Unsinn.«
»Sie bleiben also dabei, dass der Name Robert Underhay in Ihrer Unterhaltung mit Enoch Arden nicht gefallen ist?«
David lachelte entwaffnend.
»O doch, der Name wurde erwahnt. Der Mann kannte Underhay.«
»Handelte es sich vielleicht um eine kleine – Erpressung, Mr Hunter?«
