Und mahnt' ihn seiner Treue, die er ihm gab zum Pfand, Bevor er Brunhilden daheim gesehn in Isenland. (623) Er sprach: “Ihr sollt gedenken, es schwur mir eure Hand, Wenn wir Frau Brunhilden brächten in dies Land, Ihr gäbt mir eure Schwester: Wo blieb nun euer Eid? Ihr wisst, bei eurer Reise war keine Mühe mir Leid.” (624) Da sprach der Wirt zum Gaste: “Ihr habt mich wohl ermahnt: Des soll nicht meineidig werden meine Hand; Ich wills euch fügen helfen, so gut ich immer kann.” Da lud er Kriemhilden zu Hofe freundlich heran (625) Mit viel schönen Maiden. Sie kamen vor den Saal; Da sprang von einer Stiege Geiselher zu Tal: “Heißet wiederkehren diese Mägdelein: Meine Schwester soll alleine hier bei dem Könige sein.” (626) Hin führten sie Kriemhilden wo man den König fand. Da standen edle Ritter von mancher Fürsten Land In dem weiten Saale. Man hieß sie stille stehn: Da sah man Brunhilden eben zu den Tischen gehn. (627) * Sie wusste nicht die Märe, was da sollt ergehn. Da sagte König Gunther denen in seinem Lehn: “Helft mir, dass meine Schwester Siegfrieden nimmt zum Mann.” Sie sprachen einhellig: “Das wäre gar wohl getan.” (628) Da sprach der König Gunther: “Schwester, hehre Maid, Um deiner Tugend willen, löse meinen Eid. Ich versprach dich einem Recken: Nimmst du ihn zum Mann, So hast du meinen Willen mit aller Treue getan.” (629) Da sprach das edle Mägdelein: “Lieber Bruder mein, Ihr sollt mich nicht bitten, ich will euch folgsam sein; Wie ihr mir gebietet, so soll es sein getan: Dem will ich mich verloben, den ihr, Herr, mir gebt zum Mann.” (630) Vor Freuden und vor Liebe wurde Siegfried rot: Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot. Man ließ sie miteinander in einem Kreise stehn, Und frug sie, ob sie wolle diesen Recken ausersehn? (631) Mit mädchenhafter Scheue schämte sie sich ein Teil; Doch war Siegfrieden so günstig Glück und Hell, Dass sie ganz nicht wollte verschmähen seine Hand. Auch versprach sich ihr zum Manne der edle Fürst von Niederland. (632) Da er sich ihr verlobte und sich ihm die Maid, Ein gütliches Umfangen war da gleich bereit Von Siegfriedens Armen dem schönen Mägdlein zart: Die edle Königin küsst' er in der Helden Gegenwart. (633) Sich teilte das Gesinde, als das vor ihm geschah; Auf dem Ehrenplatze man Siegfrieden sah Bei Kriemhilden sitzen: Ihm diente mancher Mann; Man sah die Nibelungen Siegfrieden auch untertan. (634) Der König saß am Tische bei Brunhild der Maid: Da sah sie Kriemhilden (wie war ihr das so leid!) Bei Siegfrieden sitzen; zu weinen hub sie an, Dass ihr manche Träne über lichte Wangen rann. (635) Da sprach der Wirt des Landes: “Was ist euch, Fraue mein, Dass ihr so trüben lasset der lichten Augen Schein? Nun solltet ihr euch freuen, euch ist untertan Mein Land und meine Burgen und mancher waidliche Mann.” (636) “Wohl hab ich Grund zu weinen,” sprach die schöne Maid: “Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid; Ich sehe sie da sitzen bei dem Eigenholden dein: Wohl muss ich immer weinen, soll sie so verderbet sein.” (637) Da sprach der König Gunther: “Das mögt ihr still ertragen: Ich will euch diese Märe zu andern Zeiten sagen, Warum ich meine Schwester an Siegfrieden gegeben; Wohl mag sie mit dem Recken immer in Freuden leben.” (638) Sie sprach: “Mich reuet immer ihre Schöne und Sittsamkeit; Wüsst ich wohin ich sollte, ich flöhe gerne weit, Und wollt euch eher nimmer nahe liegen bei, Bis ich wüsste weshalb Kriemhild die Braut von Siegfrieden sei.” (639)