sollte man es dem Madchen beibringen? Joan erbot sich, diese Aufgabe zu ubernehmen, doch als Arnau Guillem davon erzahlte, war der Maure strikt dagegen.
»Das musst du tun«, sagte er, »nicht ein Monch, den sie kaum kennt.«
Seit Guillem das gesagt hatte, verfolgte Arnau Mar auf Schritt und Tritt mit Blicken. Kannte er sie wirklich? Sie lebten seit Jahren unter einem Dach, aber eigentlich hatte sich Guillem um sie gekummert. Er hatte einfach nur ihre Gesellschaft genossen, ihr Lachen und ihre Scherze. Nie hatte er mit ihr uber eine ernste Angelegenheit gesprochen. Und nun stand er jedes Mal, wenn er zu dem Madchen gehen und sie bitten wollte, mit ihm einen Spaziergang am Strand oder nach Santa Maria zu machen, jedes Mal, wenn er ihr sagen wollte, dass sie etwas Ernstes zu besprechen hatten, vor einer unbekannten Frau. Dann zogerte er so lange, bis sie ihn ertappte und ihn anlachelte. Wo war das kleine Madchen geblieben, das auf seinen Schultern geritten war?
»Ich will keinen von ihnen heiraten«, gab sie ihnen zur Antwort.
Arnau und Guillem sahen sich an. Arnau hatte sich schlie?lich an den Sklaven gewandt.
»Du musst mir helfen«, bat er ihn.
Mars Augen begannen zu strahlen, als die beiden ihr von Ehe erzahlten. Sie sa? ihnen gegenuber am Wechseltisch, als ginge es um ein Geschaft. Doch dann schuttelte sie bei jedem der funf Kandidaten, die ihnen Bruder Joan vorgeschlagen hatte, den Kopf.
»Aber Madchen«, wandte Guillem ein, »du musst dich fur einen entscheiden. Jedes Madchen ware stolz bei den Namen, die wir dir genannt haben.«
Mar schuttelte erneut den Kopf.
»Sie gefallen mir nicht.«
»Nun, etwas muss geschehen«, sagte Guillem, an Arnau gewandt.
Arnau betrachtete das Madchen. Es war kurz davor zu weinen. Mar verbarg ihr Gesicht, aber das Zittern ihrer Unterlippe und der hastige Atem verrieten sie. Weshalb reagierte ein Madchen so, dem man soeben solche Heiratskandidaten vorgeschlagen hatte? Immer noch herrschte Schweigen. Schlie?lich sah Mar Arnau an. Es war ein kaum merklicher Augenaufschlag. Warum sie leiden lassen?
»Wir werden weitersuchen, bis wir einen finden, der ihr gefallt«, sagte er zu Guillem. »Bist du damit einverstanden, Mar?«
Das Madchen nickte, stand auf und ging. Die beiden Manner blieben allein zuruck.
Arnau seufzte.
»Und ich dachte, die Schwierigkeit bestunde darin, es ihr zu sagen!«
Guillem antwortete nicht. Er sah immer noch zu der Kuchentur hinuber, durch die Mar verschwunden war. Was war hier los? Was verbarg das Madchen? Als es das Wort Heirat horte, hatte es gelachelt, ihn mit funkelnden Augen angesehen, und dann …
»Mal sehen, was Joan sagt, wenn er davon erfahrt«, sagte Arnau.
Guillem sah Arnau an, aber er beherrschte sich rechtzeitig. Was tat es zur Sache, was der Monch dachte?
»Du hast recht. Am besten, wir sehen uns weiter um.«
Arnau wandte sich zu Joan um.
»Bitte«, sagte er. »Das ist nicht der richtige Moment.«
Er war in die Kirche Santa Maria gegangen, um zur Ruhe zu kommen. Es gab schlechte Nachrichten, und hier bei seiner Jungfrau, wo stets das Hammern der Handwerker zu horen war und alle, die an dem Bau mitwirkten, ein Lacheln fur ihn hatten, fuhlte er sich wohl. Doch Joan hatte ihn aufgespurt und sich an seine Fersen geheftet. Mar hier, Mar dort, Mar und noch einmal Mar. Au?erdem ging es ihn gar nichts an!
»Welche Grunde kann sie haben, sich einer Heirat zu widersetzen?« Joan lie? nicht locker.
»Das ist nicht der richtige Moment«, sagte Arnau noch einmal.
»Warum?«
»Weil man uns erneut den Krieg erklart hat.« Der Monch erschrak. »Wusstest du das nicht? Konig Pedro der Grausame von Kastilien hat uns den Krieg erklart.«
»Weshalb?«
Arnau schuttelte den Kopf. »Weil ihm schon seit geraumer Zeit danach war«, schimpfte er, wahrend er die Arme hob. »Als Vorwand diente ihm die Tatsache, dass unser Admiral Francesc de Perellos vor der Kuste von Sanlucar zwei genuesische Schiffe aufgebracht hat, die Ol geladen hatten. Der Kastilier forderte ihre Freilassung, und als der Admiral nicht darauf einging, hat er uns den Krieg erklart. Dieser Mann ist gefahrlich«, murmelte Arnau. »Soweit ich wei?, hat er sich seinen Beinamen redlich verdient; er ist nachtragend und rachsuchtig. Ist dir bewusst, Joan, dass wir uns zur Zeit mit Genua und Kastilien gleichzeitig im Krieg befinden? Findest du, dass dies der geeignete Moment ist, sich Gedanken um das Madchen zu machen?«
Joan zogerte. Sie standen unter dem Schlussstein des zweiten Mittelschiffjochs, inmitten der Geruste, von denen aus das Rippenwerk emporwuchs.
»Erinnerst du dich?«, fragte Arnau, wahrend er zu dem Schlussstein hinaufdeutete. Joan blickte nach oben und nickte. Sie waren noch Kinder gewesen, als sie zugesehen hatten, wie der allererste Schlussstein – der des Chores – nach oben gezogen wurde! Arnau wartete einen Augenblick, dann sprach er weiter. »Katalonien wird das nicht tragen konnen. Wir zahlen immer noch fur den Feldzug gegen Sardinien, und schon eroffnet sich eine neue Front.«
»Ich dachte, ihr Handler wurdet die Eroberungen befurworten?«
»Kastilien bietet uns keine neuen Handelswege. Es sieht schlecht aus, Joan. Guillem hatte recht.« Der Monch verzog das Gesicht, als er den Namen des Mauren horte. »Wir haben Sardinien noch nicht erobert, und die Korsen haben sich bereits erhoben, kaum dass der Konig die Insel verlassen hat. Wir befinden uns im Krieg gegen zwei Machte und die Mittel des Konigs sind erschopft. Sogar die Ratsherren der Stadt scheinen verruckt geworden zu sein!«
