Sie gingen zum Hauptaltar.

»Was willst du damit sagen?«

»Dass die Kassen nichts mehr hergeben. Der Konig halt weiter an seinen gro?en Bauprojekten fest: der koniglichen Werft und der neuen Stadtmauer …«

»Aber sie sind notwendig«, unterbrach Joan seinen Bruder.

»Die Werft vielleicht, aber die neue Stadtmauer ist nach der Pest sinnlos geworden. Barcelona braucht keine Erweiterung der Mauer.«

»Und?«

»Der Konig hort nicht auf, seine Mittel auszuschopfen. Er hat alle Dorfer in der Umgebung dazu verpflichtet, ihren Beitrag zum Bau der Mauer zu leisten, fur den Fall, dass sie eines Tages dort Schutz suchen mussen. Au?erdem hat er eine neue Abgabe eingefuhrt: Der vierzigste Teil jeder Erbschaft muss fur die Erweiterung der Stadtmauer aufgebracht werden. Was die Werft angeht, so werden alle Strafen der Konsulate fur ihren Bau verwendet. Und nun noch ein weiterer Krieg.«

»Barcelona ist reich.«

»Nicht mehr, Joan, das ist das Problem. Der Konig hat der Stadt fur die Mittel, die sie ihm zur Verfugung stellte, Privilegien gewahrt, und die Ratsherren haben sich derart in Unkosten gesturzt, dass sie die Ausgaben nicht mehr bezahlen konnen. Nun haben sie die Steuern auf Fleisch und Wein erhoht. Wei?t du, welchen Anteil diese Steuern am stadtischen Haushalt haben?« Joan verneinte. »Funfundfunfzig Prozent, und jetzt werden sie weiter erhoht. Die Schulden der Stadt treiben uns in den Ruin, Joan. Uns alle.«

Die beiden blieben nachdenklich vor dem Hauptaltar stehen.

»Und was ist mit Mar?«, fragte Joan erneut, als sie schlie?lich Santa Maria verlie?en.

»Sie kann machen, was sie will, Joan.«

»Aber …«

»Kein Aber. Das ist meine Entscheidung.«

»Klopf an!«, sagte Arnau.

Guillem lie? den Turklopfer auf das Holz des Portals fallen. Der Schlag hallte durch die menschenleere Stra?e. Niemand offnete.

»Klopf noch einmal!«

Guillem begann, gegen die Tur zu hammern, einmal, zweimal … Beim neunten Mal wurde das Guckfenster geoffnet.

Was soll das?, schienen die Augen zu fragen, die dahinter auftauchten. Wozu dieser Larm? Wer seid ihr?

Mar, die Arnaus Arm umklammerte, merkte, wie dieser sich anspannte.

»Aufmachen!«, befahl Arnau.

»Wer sagt das?«

»Arnau Estanyol«, antwortete Guillem mit Nachdruck, »Besitzer dieses Gebaudes und aller Dinge, die sich darin befinden. Auch deiner Person, falls du ein Sklave bist.«

Arnau Estanyol, Besitzer dieses Gebaudes … Guillems Worte hallten in Arnaus Ohren wider. Wie viel Zeit war vergangen? Zwanzig Jahre? Zweiundzwanzig? Die Augen hinter dem Guckloch blickten verunsichert.

»Aufmachen!«, verlangte Guillem noch einmal.

Arnau sah zum Himmel, in Gedanken bei seinem Vater.

»Was ist?«, fragte das Madchen.

»Nichts, nichts«, antwortete Arnau lachelnd, als sich die kleine Tur offnete, die in die gro?en Flugel des Portals eingelassen war.

Guillem bedeutete ihm einzutreten.

»Die Turflugel, Guillem. Sie sollen beide Turflugel offnen.«

Guillem ging hinein, und Arnau und Mar horten ihn drinnen Befehle erteilen.

»Kannst du mich sehen, Vater? Erinnerst du dich? Hier hat man dir die Geldborse uberreicht, die dich ins Verderben gesturzt hat. Was konntest du damals schon tun?« Der Aufstand auf der Plaza del Blat kam ihm ins Gedachtnis, die Schreie der Leute, die Schreie seines Vaters … Sie alle hatten nach Getreide verlangt! Arnau hatte einen Klo? im Hals. Die Turflugel wurden geoffnet und Arnau trat ein.

Im Eingangshof standen mehrere Sklaven. Rechts fuhrte die Treppe zu den herrschaftlichen Raumen hinauf. Arnau blickte nicht nach oben, aber Mar konnte sehen, wie sich mehrere Schatten hinter den gro?en Fenstern bewegten. Ihnen gegenuber befanden sich die Stallungen, die Pferdeknechte standen vor dem Eingang. Mein Gott! Ein Zittern durchlief Arnaus Korper und er stutzte sich auf Mar. Das Madchen wandte den Blick von den Fenstern.

»Nimm!«, forderte Guillem Arnau auf und hielt ihm eine Pergamentrolle hin.

Arnau nahm sie nicht. Er wusste, was es war. Er hatte den Inhalt auswendig gelernt, seit Guillem sie ihm am Vortag ausgehandigt hatte. Es war die Inventarliste von Grau Puigs Besitz, den der Stadtrichter ihm zur Begleichung seiner Schulden zusprach: der Palast, die Sklaven – Arnau suchte vergeblich nach Estranyas Namen –, mehrere Besitzungen au?erhalb Barcelonas, darunter ein bescheidenes Haus in Navarcles, das er den Puigs als Wohnsitz uberlassen wollte. Einige Schmuckstucke, zwei Pferdegespanne samt Geschirren, eine Kutsche, Kleider und Gewander, Pfannen und Teller, Teppiche und Mobel – alles, was sich in dem Palast befand, war in dieser Pergamentrolle aufgefuhrt, die Arnau in der vergangenen Nacht immer wieder durchgelesen hatte.

Er betrachtete noch einmal die Pferdestalle, dann wanderte sein Blick uber den gepflasterten Hof bis zum Fu? der Treppe.

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