Der alte Mann zog ihn sanft weiter.
»Es gibt Nachrichten … schlechte Nachrichten. Es geht um Arnau.« Er lie? dem Mauren Zeit, sich auf das einzustellen, was nun kam. »Er wurde von der Inquisition festgenommen.«
Sahat schwieg.
»Die Grunde sind recht unklar«, fuhr Filippo fort. »Seine Angestellten haben damit begonnen, Warenlieferungen zu verkaufen. So wie es aussieht, ist seine Lage ziemlich duster … Doch das sind vermutlich nur bosartige Geruchte. Setz dich«, bat er ihn, als sie das ›Buro‹ des alten Handlers erreichten. Es handelte sich um einen schmucklosen Tisch auf einem Podest, von wo aus er die drei Angestellten beaufsichtigte, die an ahnlichen Tischen die Transaktionen in riesige Rechnungsbucher eintrugen, wahrend er gleichzeitig das stete Kommen und Gehen im Lagerhaus im Auge hatte.
Filippo nahm Platz und seufzte.
»Das ist noch nicht alles«, setzte er hinzu. Sahat sa? ihm wie versteinert gegenuber. »An Ostern haben sich die Burger Barcelonas gegen das Judenviertel erhoben. Sie beschuldigten die Juden, eine Hostie geschandet zu haben. Die Sache endete mit einer hohen Geldstrafe und drei Hingerichteten …« Filippo sah, wie Sahats Unterlippe zu zittern begann. »Darunter war Hasdai.«
Der alte Mann sah weg und uberlie? Sahat fur einen Moment seinen Gefuhlen. Als er sich ihm wieder zuwandte, sah er, dass seine Lippen fest aufeinandergepresst waren. Sahat zog die Nase hoch und fuhr sich mit der Hand uber die Augen.
»Hier«, sagte Filippo und uberreichte ihm einen Brief. »Er ist von Jucef. Eine Kogge aus Barcelona mit Ziel Alexandria hat ihn bei meinem Vertreter in Neapel hinterlegt. Von dort hat ihn mir der Kapitan des Schiffes nach Marseille mitgebracht. Jucef hat das Geschaft ubernommen. In dem Brief erzahlt er alles, was passiert ist. Uber Arnau allerdings sagte er nicht viel.«
Sahat nahm den Brief an sich, offnete ihn jedoch nicht.
»Hasdai hingerichtet, Arnau verhaftet«, sagte er. »Und ich sitze hier …«
»Ich habe dir eine Uberfahrt nach Marseille reserviert«, sagte Filippo. »Das Schiff lauft morgen fruh aus. Von dort wird es nicht schwer sein, nach Barcelona zu gelangen.«
»Danke«, murmelte Sahat.
Filippo schwieg.
»Ich kam hierher, um nach meinen Wurzeln zu suchen«, begann Sahat, »die Familie, die ich verloren zu haben glaubte. Wei?t du, was ich fand?« Filippo sah ihn stumm an. »Als man mich verkaufte – ich war damals noch ein Kind –, blieben meine Mutter und funf Geschwister zuruck. Ich fand nur einen von ihnen wieder. Und ich kann nicht einmal versichern, dass er es wirklich war. Er war Sklave bei einem Stauer im Hafen von Genua. Als er mir gezeigt wurde, vermochte ich in ihm nicht meinen Bruder wiederzuerkennen. Ich erinnerte mich nicht einmal an seinen Namen. Er zog ein Bein nach und ihm fehlten der kleine Finger der rechten Hand sowie beide Ohren. Damals dachte ich, dass sein Besitzer sehr grausam sein musste, um ihn derart zu bestrafen, doch dann …« Sahat machte eine Pause und sah den alten Mann an. Er erhielt keine Antwort. »Ich kaufte ihn frei und lie? ihm eine hubsche Summe Geldes zukommen, ohne ihm zu eroffnen, dass ich hinter all dem steckte. Das Geld reichte nur sechs Tage. Sechs Tage, in denen er standig betrunken war und das Geld, das fur ihn ein Vermogen sein musste, beim Spiel und mit Frauen durchbrachte. Danach verkaufte er sich erneut gegen Kost und Logis als Sklave an seinen fruheren Herrn.« Sahat machte eine abschatzige Handbewegung. »Das war alles, was ich hier fand: einen betrunkenen, streitsuchtigen Bruder.«
»Du hast auch Freunde gefunden«, beschwerte sich Filippo.
»Das ist wahr. Entschuldige. Ich meinte …«
»Ich wei?, was du meintest.«
Die beiden Manner starrten auf die Schriftstucke, die auf dem Tisch lagen. Das rege Treiben im Lagerhaus brachte sie wieder zu sich.
»Sahat«, sagte Filippo schlie?lich, »ich war viele Jahre lang Hasdais Handelsvertreter und werde diese Aufgabe auch fur seinen Sohn wahrnehmen, solange Gott mich noch leben lasst. Spater wurde ich auf Hasdais Wunsch und auf deine Veranlassung auch Arnaus Vertreter. In all dieser Zeit habe ich nur Loblieder auf Arnau gehort, ob nun von Handlern, Matrosen oder Kapitanen. Sogar hier erzahlte man sich, was er fur die unfreien Bauern auf seinen Besitzungen getan hat! Was ist zwischen euch vorgefallen? Wart ihr im Streit geschieden, so hatte er dir nicht die Freiheit geschenkt, und erst recht nicht hatte er mich angewiesen, dir eine solch hohe Geldsumme auszuhandigen. Was ist vorgefallen, dass du ihn verlassen hast und er dich so reich beschenkte?«
Sahats Erinnerungen wanderten zu einem Hugel in der Nahe von Mataro, zu dem Klirren von Schwertern und Armbrusten.
»Ein Madchen … ein au?ergewohnliches Madchen.«
»Aha!«
»Nein«, widersprach Sahat, »nicht, was du denkst.«
Und zum ersten Mal in funf Jahren erzahlte Sahat, was er die ganze Zeit fur sich behalten hatte.
»Wie konntest du es wagen!« Nicolau Eimerics Gebrull hallte durch die Flure des Bischofspalasts. Er wartete nicht einmal ab, bis die Soldaten sein Arbeitszimmer verlassen hatten. Der Inquisitor lief wild gestikulierend im Zimmer auf und ab. »Wie kannst du es wagen, das Vermogen des Sanctum Officium zu gefahrden?« Nicolau fuhr zu Joan herum, der in der Mitte des Raumes stand. »Wie kannst du es wagen, den Verkauf von Warenposten unter Preis anzuordnen?«
Joan gab keine Antwort. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, ubel zugerichtet und gedemutigt, wie er war. Er war meilenweit hinter einem Maultier hergelaufen und sein ganzer Korper schmerzte. Er roch schlecht und der schmutzstarrende Habit kratzte auf seiner Haut. Seit dem Vortag hatte er nichts mehr gegessen und Durst qualte ihn. Nein, er wollte nicht antworten.
Nicolau trat von hinten an ihn heran.
»Was hast du vor, Bruder Joan?«, flusterte er ihm ins Ohr. »Den Besitz deines Bruders zu verkaufen, um ihn vor der Inquisition in Sicherheit zu bringen?«
