Sahat befahl den beiden Sklaven, die sein Gepack trugen, voranzugehen. Dann ging er selbst an Bord. Als er das Deck der Galeere erreicht hatte, war Filippo verschwunden.

Das Meer lag ruhig da. Es war windstill, und die Galeere wurde durch die Muskelkraft der hundertzwanzig Ruderer bewegt.

»Ich hatte nicht den Mut«, schrieb Jucef in seinem Brief, nachdem er die Situation nach dem angeblichen Hostienraub geschildert hatte, »das Judenviertel zu verlassen und meinen Vater in seinen letzten Momenten zu begleiten. Ich hoffe, er wird es verstehen, dort, wo er jetzt ist.«

Sahat stand im Bug der Galeere. Er blickte zum Horizont. ›Dass ihr unter Christen lebt, ist Beweis genug fur deinen, fur euren Mut‹, dachte er bei sich. Er hatte den Brief immer und immer wieder gelesen:

Raquel wollte nicht fliehen, aber wir haben sie davon uberzeugt.

Sahat ubersprang den Rest des Briefes und las erst am Ende weiter:

Gestern wurde Arnau von der Inquisition verhaftet. Heute konnte ich durch einen Juden in Erfahrung bringen, dass er sich im Bischofspalast befindet und dass es seine Frau Elionor war, die ihn der Judenfreundlichkeit bezichtigt hat. Da die Inquisition zwei Zeugen braucht, welche die Anzeige bestatigen, benannte Elionor dem Sanctum Officium mehrere Priester von Santa Maria del Mar, die Zeugen eines Streits zwischen den Eheleuten wurden. Es sieht ganz so aus, als konnten Arnaus Aussagen als gotteslasterlich ausgelegt werden und genugten, um Elionors Anzeige zu stutzen.

Die Angelegenheit, so Jucef weiter, sei ziemlich verfahren. Zum einen sei Arnau ein sehr reicher Mann, dessen Vermogen fur die Inquisition von gro?em Interesse sei, und zum anderen befinde er sich in den Handen eines Mannes wie Nicolau Eimeric. Sahat erinnerte sich an den hochfahrenden Inquisitor, der sechs Jahre, bevor er selbst das Prinzipat verlassen hatte, ins Amt gekommen war. Er hatte ihn einmal bei einer Messfeier gesehen, zu der er Arnau begleiten musste.

Seit du fortgegangen bist, hat Eimeric mehr und mehr Macht angehauft. Dabei scheute er nicht einmal davor zuruck, sich offentlich mit dem Konig anzulegen. Der Konig bleibt dem Papst seit Jahren seine Abgaben schuldig, und so hat Urban V. dem Herrn von Arborea, dem Anfuhrer des Aufstands gegen die Katalanen, Sardinien als Lehen angeboten. Nach dem langen Krieg gegen Kastilien herrscht nun erneut Unruhe unter den korsischen Adligen. Das alles hat Eimeric, der unmittelbar dem Papst unterstellt ist, dazu genutzt, den Konig direkt anzugreifen. Unter anderem fordert er gro?ere Befugnisse fur die Inquisition gegenuber Juden und anderen Nichtchristen, was der Konig als Besitzer der Judengemeinden Kataloniens rundheraus ablehnt. Doch Eimeric setzt den Papst immer wieder unter Druck, und diesem liegt nicht eben viel daran, die Interessen unseres Konigs zu verteidigen. Aber nicht genug damit, dass er gegen die Interessen des Konigs Einflussnahme in den judischen Gemeinden verlangt, hat Eimeric es gewagt, die Werke des katalanischen Theologen Ramon Llull als ketzerisch zu brandmarken, nachdem diese mehr als ein halbes Jahrhundert lang von der katalanischen Kirche anerkannt wurden. Der Konig hat Juristen und Gelehrte mit seiner Verteidigung betraut, denn fur ihn kommt die Angelegenheit einer personlichen Beleidigung durch den Inquisitor gleich.

In Anbetracht dieser Umstande glaube ich, dass Eimeric versuchen wird, den Prozess gegen Arnau, einen katalanischen Baron und Seekonsul von Barcelona, als neuerlichen Affront gegen den Konig zu nutzen, um seine eigene Position weiter auszubauen und ein betrachtliches Vermogen fur die Inquisition zu sichern. Soweit ich wei?, hat Eimeric bereits an Papst Urban geschrieben, um ihm mitzuteilen, dass er den Anteil des Konigs an Arnaus Besitz einbehalten werde, um damit die ausstehenden Kirchensteuern Konig Pedros zu begleichen. Auf diese Weise racht sich der Inquisitor mittels eines katalanischen Barons am Konig und sichert gleichzeitig seine eigene Stellung beim Papst.

Auch Arnaus personliche Situation ist schwierig, wenn nicht gar verzweifelt. Sein Bruder Joan ist Inquisitor, beruchtigt fur seine Grausamkeit. Seine eigene Frau hat ihn angezeigt. Mein Vater ist tot, und in Anbetracht der Anklage wegen Judenfreundlichkeit konnen wir ihm zu seinem eigenen Besten unsere Wertschatzung nicht zeigen. Er hat nur noch dich.

Damit endete Jucefs Brief: Er hat nur noch dich. Sahat legte das Schreiben in das Kastchen, in dem er die Briefe aufbewahrte, die er funf Jahre lang mit Hasdai gewechselt hatte. Er hat nur noch dich. Das Kastchen in den Handen, stand er im Bug und blickte erneut zum Horizont. »Legt euch in die Riemen, Marseiller! Er hat nur noch mich.«

Auf einen Wink von Aledis zogen sich Eulalia und Teresa zuruck. Joan war bereits vor einer Weile schlafen gegangen. Mar hatte seinen Abschiedsgru? nicht erwidert.

»Warum behandelst du ihn so?«, fragte Aledis, als sie alleine im Schankraum zuruckblieben. Nur das Knacken der heruntergebrannten Holzscheite war zu horen. Mar schwieg. »Immerhin ist er sein Bruder …«

»Dieser Monch hat es nicht anders verdient.«

Mar starrte unverwandt auf die Tischplatte, wahrend sie einen vorstehenden Astknoten auszubrechen versuchte. Sie ist schon, dachte Aledis. Das seidige Haar fiel ihr in weichen Wellen uber die Schultern und ihre Gesichtszuge waren fein modelliert: sanft geschwungene Lippen, hohe Wangenknochen, festes Kinn, gerade Nase. Aledis war erstaunt, als sie ihre makellos wei?en Zahne sah, und auf dem gesamten Weg vom Bischofspalast zum Gasthof hatte sie ihren straffen, wohlgeformten Korper bewundert. Ihre rauen, schwieligen Hande allerdings waren die eines Menschen, der harte Feldarbeit verrichtet hatte.

Mar lie? von dem Astloch ab und sah Aledis an, die ihren Blick stumm erwiderte.

»Es ist eine lange Geschichte«, erklarte sie.

»Ich habe Zeit«, sagte Aledis.

Mar verzog das Gesicht und lie? einige Sekunden verstreichen. Sie hatte seit Jahren nicht mehr mit einer Frau gesprochen. Seit Jahren lebte sie nur fur sich und schuftete auf den kargen Feldern, stets in der Hoffnung, das Korn und die Sonne hatten ein Einsehen mit ihrem Elend und wurden sich gnadig zeigen. Warum nicht? Aledis schien eine anstandige Frau zu sein.

»Meine Eltern starben wahrend der Gro?en Pest. Ich war damals noch ein kleines Madchen …«

Sie lie? kein Detail aus. Aledis durchfuhr ein Schauder, als Mar von der Liebe erzahlte, die sie auf dem freien Feld vor der Burg Montbui durchstromt hatte. »Ich verstehe dich«, hatte sie beinahe gesagt, »mir ging es genauso …« Arnau, Arnau, Arnau – jedes funfte Wort war Arnau. Aledis erinnerte sich, wie der Seewind seinen jugendlichen Korper liebkost hatte, der ihr Verlangen weckte. Mar erzahlte ihr die Geschichte ihrer Entfuhrung und ihrer Ehe. Bei der Schilderung brach sie in Tranen aus.

»Danke«, sagte Mar, als sie wieder sprechen konnte.

Aledis ergriff ihre Hand.

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