Sahat befahl den beiden Sklaven, die sein Gepack trugen, voranzugehen. Dann ging er selbst an Bord. Als er das Deck der Galeere erreicht hatte, war Filippo verschwunden.
Das Meer lag ruhig da. Es war windstill, und die Galeere wurde durch die Muskelkraft der hundertzwanzig Ruderer bewegt.
»Ich hatte nicht den Mut«, schrieb Jucef in seinem Brief, nachdem er die Situation nach dem angeblichen Hostienraub geschildert hatte, »das Judenviertel zu verlassen und meinen Vater in seinen letzten Momenten zu begleiten. Ich hoffe, er wird es verstehen, dort, wo er jetzt ist.«
Sahat stand im Bug der Galeere. Er blickte zum Horizont. ›Dass ihr unter Christen lebt, ist Beweis genug fur deinen, fur euren Mut‹, dachte er bei sich. Er hatte den Brief immer und immer wieder gelesen:
Sahat ubersprang den Rest des Briefes und las erst am Ende weiter:
Die Angelegenheit, so Jucef weiter, sei ziemlich verfahren. Zum einen sei Arnau ein sehr reicher Mann, dessen Vermogen fur die Inquisition von gro?em Interesse sei, und zum anderen befinde er sich in den Handen eines Mannes wie Nicolau Eimeric. Sahat erinnerte sich an den hochfahrenden Inquisitor, der sechs Jahre, bevor er selbst das Prinzipat verlassen hatte, ins Amt gekommen war. Er hatte ihn einmal bei einer Messfeier gesehen, zu der er Arnau begleiten musste.
Damit endete Jucefs Brief:
Auf einen Wink von Aledis zogen sich Eulalia und Teresa zuruck. Joan war bereits vor einer Weile schlafen gegangen. Mar hatte seinen Abschiedsgru? nicht erwidert.
»Warum behandelst du ihn so?«, fragte Aledis, als sie alleine im Schankraum zuruckblieben. Nur das Knacken der heruntergebrannten Holzscheite war zu horen. Mar schwieg. »Immerhin ist er sein Bruder …«
»Dieser Monch hat es nicht anders verdient.«
Mar starrte unverwandt auf die Tischplatte, wahrend sie einen vorstehenden Astknoten auszubrechen versuchte. Sie ist schon, dachte Aledis. Das seidige Haar fiel ihr in weichen Wellen uber die Schultern und ihre Gesichtszuge waren fein modelliert: sanft geschwungene Lippen, hohe Wangenknochen, festes Kinn, gerade Nase. Aledis war erstaunt, als sie ihre makellos wei?en Zahne sah, und auf dem gesamten Weg vom Bischofspalast zum Gasthof hatte sie ihren straffen, wohlgeformten Korper bewundert. Ihre rauen, schwieligen Hande allerdings waren die eines Menschen, der harte Feldarbeit verrichtet hatte.
Mar lie? von dem Astloch ab und sah Aledis an, die ihren Blick stumm erwiderte.
»Es ist eine lange Geschichte«, erklarte sie.
»Ich habe Zeit«, sagte Aledis.
Mar verzog das Gesicht und lie? einige Sekunden verstreichen. Sie hatte seit Jahren nicht mehr mit einer Frau gesprochen. Seit Jahren lebte sie nur fur sich und schuftete auf den kargen Feldern, stets in der Hoffnung, das Korn und die Sonne hatten ein Einsehen mit ihrem Elend und wurden sich gnadig zeigen. Warum nicht? Aledis schien eine anstandige Frau zu sein.
»Meine Eltern starben wahrend der Gro?en Pest. Ich war damals noch ein kleines Madchen …«
Sie lie? kein Detail aus. Aledis durchfuhr ein Schauder, als Mar von der Liebe erzahlte, die sie auf dem freien Feld vor der Burg Montbui durchstromt hatte. »Ich verstehe dich«, hatte sie beinahe gesagt, »mir ging es genauso …« Arnau, Arnau, Arnau – jedes funfte Wort war Arnau. Aledis erinnerte sich, wie der Seewind seinen jugendlichen Korper liebkost hatte, der ihr Verlangen weckte. Mar erzahlte ihr die Geschichte ihrer Entfuhrung und ihrer Ehe. Bei der Schilderung brach sie in Tranen aus.
»Danke«, sagte Mar, als sie wieder sprechen konnte.
Aledis ergriff ihre Hand.
