»Hast du Kinder?«, fragte sie, als sie sich wieder gefasst hatte.
»Ich hatte einen Sohn.« Aledis druckte ihre Hand. »Er starb vor vier Jahren kurz nach der Geburt an der Pest, die damals unter den Kindern wutete. Sein Vater lernte ihn nie kennen; er wusste nicht einmal, dass ich schwanger war. Er starb in Calatayud, wo er fur einen Konig kampfte, der, anstatt sein Heer anzufuhren, mit dem Schiff von Valencia in den Roussillon floh, um seine Familie vor dem neuerlichen Pestausbruch in Sicherheit zu bringen.« Mar lachelte verachtlich.
»Und was hat das alles mit Joan zu tun?«, fragte Aledis.
»Er wusste, dass ich Arnau liebte … und er mich.«
Als Aledis die ganze Geschichte gehort hatte, schlug sie mit der Faust auf den Tisch. Es war mittlerweile Nacht geworden, und der Schlag hallte durch den Gasthof.
»Wirst du die Verrater anzeigen?«
»Arnau hat diesen Monch immer geschutzt. Er ist sein Bruder und er liebt ihn.« Aledis erinnerte sich an die beiden Jungen, die unten in Peres und Marionas Haus geschlafen hatten. Arnau hatte Steine geschleppt, wahrend Joan studierte. »Ich mochte Arnau nicht wehtun, aber jetzt … Jetzt kann ich nicht zu ihm und wei? nicht einmal, ob er wei?, dass ich hier bin und dass ich ihn immer noch liebe. Man wird ihm den Prozess machen. Vielleicht … vielleicht verurteilen sie ihn zum Tode.«
Und Mar brach erneut in Tranen aus.
»Glaub mir, ich werde das Versprechen nicht brechen, das ich dir gegeben habe, aber ich muss mit ihm reden«, sagte sie, kurz bevor sie ging. Francesca spahte in die Dunkelheit, um in ihrem Gesicht zu lesen. »Vertrau mir«, sagte Aledis.
Arnau war aufgestanden, als Aledis den Kerker betrat, hatte sie jedoch nicht angesprochen. Still sah er zu, wie die beiden Frauen miteinander flusterten. Wo war Joan? Seit zwei Tagen hatte er ihn nicht mehr besucht, dabei musste er ihn so vieles fragen. Er sollte herausfinden, wer diese alte Frau war. Weshalb war sie hier? Warum hatte der Kerkermeister gesagt, sie sei seine Mutter? Was war mit seinem Prozess? Und mit seinen Geschaften? Und Mar? Was war mit Mar? Etwas lief schief. Seit Joans letztem Besuch behandelte ihn der Gefangniswarter wieder wie alle anderen. Das Essen bestand wieder aus Brot und Wasser, und der Eimer war verschwunden.
Arnau sah, wie sich die Frau von der Alten verabschiedete. Den Rucken gegen die Wand gelehnt, wollte er sich zu Boden sinken lassen, doch da merkte er, dass sie auf ihn zukam.
Arnau sah sie in der Dunkelheit naher kommen und richtete sich auf. Die Frau blieb einige Schritte vor ihm stehen, weit weg von den wenigen schwachen Lichtstrahlen, die in das Verlies drangen.
Arnau kniff die Augen zusammen, um sie deutlicher sehen zu konnen.
»Du darfst keinen Besuch mehr empfangen«, horte er die Frau sagen.
»Wer bist du?«, fragte er. »Woher wei?t du das?«
»Wir haben keine Zeit, Arnau.« Sie hatte ihn Arnau genannt! »Wenn der Kerkermeister kommt …«
»Wer bist du?«
Warum es ihm nicht sagen? Warum ihn nicht umarmen und trosten? Sie wurde es nicht ertragen. Francescas Worte klangen ihr in den Ohren. Aledis drehte sich zu ihr um, dann sah sie erneut zu Arnau.
»Wer bist du?«, fragte er noch einmal.
»Das tut nichts zur Sache. Ich wollte dir nur sagen, dass Mar in Barcelona ist und auf dich wartet. Sie liebt dich. Sie liebt dich noch immer.«
Aledis sah, wie sich Arnau gegen die Wand lehnte. Sie wartete einige Sekunden. Dann waren Gerausche auf dem Flur zu horen. Der Kerkermeister hatte ihr nur einige Minuten zugestanden. Erneute Gerausche. Der Schlussel drehte sich im Schloss. Auch Arnau horte es und sah zur Tur.
»Soll ich ihr etwas ausrichten?«
Die Tur offnete sich, und das Licht der Fackeln, die den Gang erleuchteten, fiel auf Aledis.
»Sag ihr, dass ich sie auch …« Der Kerkermeister betrat das Verlies. »Ich liebe sie. Auch wenn ich nicht …«
Aledis wandte sich ab und ging zur Tur.
»Was hast du da mit dem Geldwechsler geredet?«, fragte der dicke Kerkermeister sie, nachdem er die Tur geschlossen hatte.
»Er hat nach mir gerufen, als ich gerade gehen wollte.«
»Es ist verboten, mit ihm zu sprechen.«
»Das wusste ich nicht. Ich wusste auch nicht, dass er der Geldwechsler ist. Ich habe ihm nicht geantwortet. Ich bin nicht einmal naher herangegangen.«
»Der Inquisitor hat verboten …«
Aledis zog die Geldborse hervor und lie? ein paar Munzen klingeln.
»Aber ich will dich hier nicht mehr sehen«, sagte der Kerkermeister, wahrend er das Geld an sich nahm. »Falls doch, wirst du dieses Verlies nicht mehr verlassen.«
Unterdessen versuchte Arnau in dem dusteren Gelass, die Worte der Frau zu begreifen: »Sie liebt dich. Sie liebt dich noch immer.« Doch die Erinnerung an Mar wurde getrubt durch das fluchtige Aufblitzen riesiger brauner Augen im Schein der Fackeln. Er kannte diese Augen. Wo hatte er sie schon einmal gesehen?
Sie hatte ihr versprochen, ihm die Nachricht zu ubermitteln.
»Keine Sorge«, hatte sie versichert. »Arnau wird erfahren, dass du hier bist und auf ihn wartest.«
»Sag ihm auch, dass ich ihn liebe«, rief Mar ihr hinterher, als Aledis bereits auf der Plaza de la Llana war.
