»Pater Juli Andreu gehort nicht zu deinen Feinden, nicht wahr?«, warf der Bischof ein.
»Ich habe ihn nicht fur einen solchen gehalten.«
Nicolau wandte sich erneut an den Schreiber.
»Aussage von Pere Salvete, Kanoniker an der Kirche Santa Maria del Mar. ›Ich, Pere Salvete, Kanoniker an der Kirche Santa Maria del Mar, erklare auf Befragen des Generalinquisitors von Katalonien, dass wahrend der Ostermesse des Jahres 1367 einige Burger in die Kirche kamen, um von dem Raub einer Hostie durch Ketzer zu berichten. Die Messe wurde unterbrochen, und die Glaubigen verlie?en die Kirche, mit Ausnahme des Seekonsuls Arnau Estanyol und seiner Gemahlin Dona Elionor.‹«
»Geh doch zu deiner judischen Geliebten!« Elionors Worte klangen ihm wieder in den Ohren, und auch jetzt lief es ihm kalt uber den Rucken, genau wie damals. Arnau sah auf. Nicolau lie? ihn nicht aus den Augen … Und er lachelte. Hatte er seine Reaktion bemerkt?
Der Schreiber las weiter: »… worauf der Konsul ihr zur Antwort gab, dass Gott ihn nicht zwingen konne, mit ihr zu schlafen …«
Nicolau bat den Schreiber zu schweigen. Sein Lacheln erstarb.
»Lugt der Kanoniker ebenfalls?«
»Geh doch zu deiner judischen Geliebten!« Weshalb hatte er den Schreiber nicht zu Ende lesen lassen? Was hatte Nicolau vor? Deine judische Geliebte, deine judische Geliebte … die Flammen, die an Hasdais Korper emporzungelten, die Stille, die aufgebrachte Menge, die stumm Genugtuung forderte, Worte schreiend, die ihre Munder nicht verlie?en, Elionor, die mit dem Finger auf ihn zeigte, Nicolau und der Bischof, die zu ihm herubersahen … und Raquel, die sich an ihn klammerte.
»Lugt der Kanoniker ebenfalls?«, wiederholte Nicolau.
»Ich habe niemanden der Luge beschuldigt«, verteidigte sich Arnau. Er musste nachdenken.
»Stellst du die gottlichen Gebote in Abrede? Verweigerst du dich den Pflichten eines christlichen Ehemannes?«
»Nein … nein«, stotterte Arnau.
»Also?«
»Also was?«
»Stellst du die gottlichen Gebote in Abrede?« Nicolau erhob die Stimme.
Die Worte hallten von den steinernen Wanden des gro?en Saales wider. Arnaus Beine waren taub, nach so vielen Tagen im Verlies.
»Das Tribunal kann dir dein Schweigen als Gestandnis auslegen«, erklarte der Bischof.
»Nein. Ich stelle sie nicht in Abrede.« Seine Beine begannen zu schmerzen. »Weshalb hat das Sanctum Officium solches Interesse an meinem Verhaltnis zu Dona Elionor? Ist es etwa eine Sunde, sich …«
»Damit das klar ist, Arnau«, unterbrach ihn der Inquisitor, »die Fragen stellt das Tribunal.«
»Nun, so fragt.«
Nicolau beobachtete, wie Arnau unruhig von einem Fu? auf den anderen trat und immer wieder seine Haltung anderte.
»Es fangt an, ihm wehzutun«, flusterte er Berenguer d'Erill ins Ohr.
»Lassen wir ihn daruber nachdenken«, antwortete der Bischof.
Sie begannen erneut zu tuscheln und Arnau spurte wieder die vier Augenpaare der Dominikaner auf sich ruhen. Seine Beine schmerzten, aber er musste durchhalten. Er durfte nicht vor Nicolau Eimeric in die Knie gehen. Was wurde geschehen, wenn er zusammenbrach? Er brauchte … einen Stein! Einen Stein auf seinem Rucken, einen langen Weg, den er mit einem Stein fur seine Madonna zurucklegen musste. ›Wo bist du jetzt? Sind diese Manner wirklich deine Stellvertreter auf Erden?‹ Er war noch ein Kind gewesen … Warum sollte er jetzt nicht durchhalten? Er hatte einen Stein durch ganz Barcelona geschleppt, der mehr wog als er selbst, er hatte geschwitzt und geblutet, wahrend er die aufmunternden Rufe der Leute horte. War ihm nichts mehr von dieser Starke geblieben? Sollte ihn ein fanatischer Pfaffe bezwingen? Ihn, den jungen
Nicolau Eimeric und Berenguer d'Erill wechselten einen Blick, als sie sahen, wie Arnau sich straffte. Zum ersten Mal schaute einer der Dominikaner zur Mitte des Tisches.
»Er bricht nicht ein«, flusterte der Bischof nervos.
»Wo befriedigst du deine Instinkte?«, fragte Nicolau mit donnernder Stimme.
Deshalb hatte sie seinen Namen gewusst. Ihre Stimme … ja, naturlich. Das war die Stimme, die er so oft am Hang des Montjuic gehort hatte.
»Arnau Estanyol!« Die Stimme des Inquisitors brachte ihn in die Realitat zuruck. »Ich fragte, wo du deine Instinkte befriedigst.«
»Ich verstehe Eure Frage nicht.«
»Du bist ein Mann. Du unterhaltst seit Jahren keine fleischlichen Beziehungen zu deiner Frau. Es ist ganz einfach: Wo befriedigst du deine Bedurfnisse als Mann?«
»Seit ebenso vielen Jahren habe ich keinerlei Kontakt zu einer Frau.«
Er hatte geantwortet, ohne zu uberlegen. Der Kerkermeister hatte behauptet, sie sei seine Mutter.
»Du lugst!« Arnau zuckte zusammen. »Das Tribunal selbst hat dich in Umarmung mit einer Ketzerin gesehen.
