Mar betatigte erneut den Turklopfer.
»Hort auf, Senora, oder Dona Elionor wird die Soldaten rufen lassen«, riet ihr der Alte.
»Mach auf, Pere.«
»Sie will Euch nicht sehen, Senora.«
Mar spurte, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte und sie zur Seite schob.
»Vielleicht will sie ja mich sehen«, horte sie eine Stimme sagen. Ein Mann trat an das Guckfenster.
»Guillem!«, rief Mar und sturzte sich auf ihn.
»Erinnerst du dich noch an mich, Pere?«, fragte der Maure, wahrend Mar an seinem Hals hing.
»Naturlich erinnere ich mich.«
»Dann sag deiner Herrin, dass ich sie sprechen mochte.«
Als der alte Diener das Fensterchen schloss, fasste Guillem Mar um die Taille und hob sie hoch. Lachend lie? sich Mar herumwirbeln. Dann stellte Guillem sie wieder auf den Boden, fasste sie bei den Handen und schob sie ein Stuckchen von sich weg, um sie zu betrachten.
»Mein kleines Madchen«, sagte er mit bruchiger Stimme. »Wie oft habe ich davon getraumt, dich so herumzuwirbeln. Aber mittlerweile bist du viel schwerer. Du bist eine Frau geworden …«
Mar machte sich los und schmiegte sich an ihn.
»Warum hast du mich im Stich gelassen?«, fragte sie schluchzend.
»Ich war nur ein Sklave, meine Kleine. Was konnte ein einfacher Sklave schon tun?«
»Du warst wie ein Vater fur mich.«
»Und jetzt nicht mehr?«
»Du wirst es immer sein.«
Mar umarmte Guillem innig. »Du wirst es immer sein«, dachte der Maure. »Wie viel Zeit habe ich in der Ferne vergeudet?« Er sah zu dem Fensterchen.
»Dona Elionor will auch Euch nicht sehen«, war von innen zu horen.
»Sag ihr, dass sie von mir horen wird.«
Die Soldaten brachten ihn ins Verlies zuruck. Wahrend der Kerkermeister ihn wieder ankettete, sah Arnau unverwandt zu der Gestalt hinuber, die am anderen Ende des dusteren Raumes auf dem Boden kauerte. Er blieb auch noch stehen, als der Warter den Kerker verlie?.
»Was hast du mit Aledis zu tun?«, rief er der alten Frau zu, als die Schritte drau?en im Gang verhallten. »Was wollte sie hier? Warum besucht sie dich?«
Die Antwort bestand in Schweigen. Arnau erinnerte sich an jene riesigen, braunen Augen.
»Was haben Aledis und Mar miteinander zu tun?«, bat er die Gestalt.
Arnau versuchte zumindest den Atem der Alten zu horen, doch von uberall ubertonte Keuchen und Rocheln das Schweigen, mit dem Francesca ihm antwortete. Arnau sah an den Wanden des Verlieses entlang. Niemand schenkte ihm die geringste Beachtung.
Als der Gastwirt Mar in Begleitung eines vornehm gekleideten Mauren hereinkommen sah, horte er auf, in dem gro?en Topf zu ruhren, der uber dem Feuer hing. Seine Nervositat stieg, als hinter ihnen zwei Sklaven erschienen, die Guillems Gepack schleppten. Weshalb hatte er sich nicht im Handelshof einquartiert wie die anderen Handler?, uberlegte der Wirt, wahrend er zu ihm ging, um ihn zu begru?en.
»Es ist eine Ehre fur dieses Haus«, sagte er und machte eine ubertriebene Verbeugung.
Guillem wartete, bis der Wirt mit seiner Lobhudelei am Ende war.
»Konnen wir bei dir unterkommen?«
»Ja. Die Sklaven konnen im Stall …«
»Wir sind zu dritt«, unterbrach Guillem ihn. »Zwei Zimmer. Eins fur mich und eins fur sie.«
Der Wirt sah die beiden Jungen mit den gro?en dunklen Augen und dem krausen Haar an, die stumm hinter ihrem Herrn warteten.
»Ganz wie Ihr wunscht«, antwortete er. »Folgt mir.«
»Sie werden sich um alles kummern. Bringt uns ein wenig Wasser.«
Guillem fuhrte Mar zu einem der Tische. Sie waren alleine im Schankraum.
»Heute hat der Prozess begonnen, sagst du?«
»Ja, aber genau wei? ich es nicht. Eigentlich wei? ich gar nichts. Ich konnte ihn nicht einmal sehen.«
Guillem merkte, wie Mars Stimme versagte. Er streckte die Hand aus, um sie zu trosten, doch dann lie? er sie wieder sinken. Sie war kein Kind mehr, und er … letztendlich war er nur ein Maure. Niemand sollte auf falsche Gedanken kommen. Vor Elionors Palast war er schon zu weit gegangen. Mars Hand kam naher und legte sich auf die seine.
»Ich bin noch dieselbe. Fur dich werde ich immer dieselbe sein.«
Guillem lachelte.
»Und dein Mann?«
»Er ist gestorben.«
