Mars Gesicht lie? keinen Kummer erkennen. Guillem wechselte das Thema.
»Wurde etwas fur Arnau unternommen?«
Mar verzog den Mund, ihre Augen verengten sich.
»Wie meinst du das? Wir konnten nichts tun …«
»Und Joan? Joan ist Inquisitor. Hast du etwas von ihm gehort? Ist er nicht fur Arnau eingetreten?«
»Dieser Pfaffe?« Mar lachelte nur mude und schwieg. Warum sollte sie ihm davon erzahlen? Die Sache mit Arnau genugte, und schlie?lich war Guillem seinetwegen hier. »Nein, er hat nichts unternommen. Schlimmer noch: Er hat den Generalinquisitor gegen sich. Er wohnt hier bei uns.«
»Bei euch?«
»Ja. Ich habe eine Witwe namens Aledis kennengelernt, die mit ihren beiden Tochtern hier wohnt. Sie ist eine Freundin von Arnau aus Kindertagen. Offensichtlich war sie zufallig auf der Durchreise in Barcelona, als er verhaftet wurde. Ich teile das Zimmer mit ihnen. Sie ist eine sehr angenehme Frau. Beim Essen wirst du alle kennenlernen.«
Guillem druckte Mars Hand.
»Und wie ist es dir ergangen?«, fragte sie ihn.
Mar und Guillem erzahlten sich, was in den funf Jahren, die sie getrennt gewesen waren, geschehen war, wobei Mar es vermied, uber Joan zu sprechen. Als die Sonne bereits hoch am Himmel uber Barcelona stand, erschienen zunachst Teresa und Eulalia. Sie waren erhitzt, aber glucklich, doch das Lacheln verschwand von ihren hubschen Gesichtern, als sie Mar sahen und wieder an Francesca dachten, die im Kerker sa?.
Sie waren durch die ganze Stadt gelaufen und hatten die neue Identitat genossen, die ihnen ihre Verkleidung als jungfrauliche Waisenmadchen verschaffte. Noch nie zuvor hatten sie sich so frei bewegen konnen, denn sie waren von Gesetz wegen gezwungen, farbige Seidenstoffe zu tragen, damit sie fur jeden als Huren zu erkennen waren. »Sollen wir?«, schlug Teresa vor und deutete auf den Eingang der Kirche Sant Jaume. Sie flusterte, als befurchtete sie, allein der Gedanke konne den Zorn von ganz Barcelona entfesseln. Doch nichts geschah. Die Glaubigen, die sich in der Kirche befanden, schenkten ihnen genauso wenig Beachtung wie der Pfarrer, an dem sie mit gesenktem Blick und eng aneinandergedruckt vorbeihuschten.
Von der Calle de la Boqueria gingen sie plaudernd und lachend in Richtung Meer. Waren sie die Calle del Bisbe entlanggegangen bis zur Plaza Nova, hatten sie dort Aledis getroffen, die zu den Fenstern des Bischofspalasts hinaufsah und in jeder Gestalt, die sich hinter den Scheiben abzeichnete, Arnau oder Francesca zu erkennen versuchte. Sie wusste nicht einmal, hinter welchen Fenstern Arnau der Prozess gemacht wurde! Ob Francesca ausgesagt hatte? Joan wusste nichts von ihr. Aledis blickte von Fenster zu Fenster. Bestimmt, aber wozu ihm von ihr erzahlen, wenn er doch nichts tun konnte. Arnau war stark, und Francesca … Diese Leute kannten Francesca nicht.
»Was lungerst du hier herum?« Neben Aledis stand ein Soldat der Inquisition. Sie hatte ihn nicht kommen sehen. »Was schaust du so neugierig?«
Aledis fuhr zusammen und lief davon, ohne zu antworten. »Ihr kennt Francesca nicht«, dachte sie. »Keine Folter wird sie dazu bringen, das Geheimnis zu verraten, das sie ein Leben lang fur sich behalten hat.«
Bevor Aledis den Gasthof erreichte, traf Joan ein. Er trug einen sauberen Habit, den er im Kloster Sant Pere de les Puelles erhalten hatte. Als er Guillem bei Mar und den beiden Madchen sitzen sah, blieb er mitten im Schankraum stehen.
Guillem sah ihn aufmerksam an. War das eben ein Lacheln gewesen oder ein Ausdruck des Missfallens?
Joan hatte es selbst nicht sagen konnen. Ob Mar ihm von der Entfuhrung erzahlt hatte?
Guillem kam wieder in den Sinn, wie der Monch ihn behandelt hatte, als er noch bei Arnau gewesen war, doch dies war nicht der richtige Moment, um nachtragend zu sein. Sie mussten gemeinsam handeln, um Arnau zu helfen.
»Wie geht es dir, Joan?«, erkundigte er sich und fasste den Monch bei den Schultern. »Was ist denn mit deinem Gesicht passiert?«, setzte er hinzu, als er die blauen Flecke bemerkte.
Joan blickte zu Mar heruber, doch die sah ihn genauso hart und ausdruckslos an wie stets, seit er sie aufgesucht hatte. Aber Guillem konnte nicht so zynisch sein zu fragen, obwohl er wusste …
»Eine unangenehme Begegnung«, antwortete er. »So etwas kommt auch bei Monchen vor.«
»Ich vermute, du hast die Missetater bereits exkommuniziert – steht es so nicht im Landfrieden?«, sagte Guillem lachelnd, wahrend er den Monch zum Tisch fuhrte. Joan und Mar wechselten einen Blick. »Ist es nicht so, dass jeder aus der Kirche ausgeschlossen wird, der den Frieden gegen unbewaffnete Geistliche bricht? Du warst doch nicht etwa bewaffnet, Joan?«
Guillem hatte keine Gelegenheit, die Spannung zwischen Mar und dem Monch zu bemerken, denn in diesem Moment erschien Aledis. Die Vorstellung fiel kurz aus, denn Guillem wollte mit Joan sprechen.
»Du bist Inquisitor«, sagte er zu ihm. »Wie schatzt du Arnaus Lage ein?«
»Ich glaube, Nicolau will ihn unbedingt verurteilen, aber er kann nicht viel gegen ihn in der Hand haben. Meiner Meinung nach wird er mit offentlicher Bu?e und einer empfindlichen Geldstrafe davonkommen, denn das ist es, was Eimeric interessiert. Ich kenne Arnau. Er hat niemandem etwas zuleide getan. Selbst wenn Elionor ihn angezeigt haben sollte, konnen sie nicht …«
»Und wenn Elionors Aussage von mehreren Priestern gestutzt wurde?« Joan erschrak. »Wurde ein Priester eine Nichtigkeit zur Anzeige bringen?«
»Was genau meinst du damit?«
»Das tut nichts zur Sache«, sagte Guillem und dachte an Jucefs Brief. »Antworte mir. Was geschieht, wenn die Anzeige von mehreren Priestern gestutzt wird?«
Aledis horte nicht, was Joan antwortete. Sollte sie erzahlen, was sie wusste? Konnte dieser Maure etwas unternehmen? Er war reich, und offenbar … Eulalia und Teresa sahen sie an.
»Es geht noch um viel mehr«, unterbrach Aledis Joans Mutma?ungen.
