Ist das kein Kontakt mit einer Frau?«

»Nicht jener, von dem Ihr spracht.«

»Was kann einen Mann und eine Frau dazu treiben, sich in der Offentlichkeit zu umarmen, au?er …« Nicolau fuchtelte mit den Handen, »au?er der Wollust?«

»Schmerz.«

»Welcher Schmerz?«, fragte der Bischof.

»Welcher Schmerz?«, setzte Nicolau angesichts seines Schweigens nach. Arnau schwieg. Die Flammen des Scheiterhaufens erhellten den Raum. »Wegen der Hinrichtung eines Ketzers, der eine geweihte Hostie schandete?«, fragte der Inquisitor und richtete seinen beringten Finger auf ihn. »Ist das der Schmerz, den du als guter Christ empfindest? Wegen der gerechten Vergeltung an einem ruchlosen Verbrecher, einem Gotteslasterer, einem gemeinen Dieb?«

»Er war es nicht!«, schrie Arnau.

Samtliche Mitglieder des Tribunals, auch der Schreiber, fuhren auf ihren Stuhlen hoch.

»Die drei haben ihre Schuld eingestanden. Weshalb verteidigst du die Ketzer? Die Juden …«

»Die Juden! Die Juden!«, entgegnete er. »Was haben die Juden denn verbrochen?«

»Wei?t du das nicht?«, fragte der Inquisitor und erhob die Stimme. »Sie haben Jesus Christus ans Kreuz geschlagen!«

»Haben sie nicht oft genug mit ihrem eigenen Leben dafur gebu?t?«

Arnau sah die Blicke samtlicher Tribunalsmitglieder auf sich gerichtet. Alle hatten sich auf ihren Stuhlen aufgerichtet.

»Du pladierst dafur zu verzeihen?«, fragte Berenguer d'Erill.

»Hat es uns der Herr nicht so gelehrt?«

»Der einzige Weg ist die Bekehrung! Man kann niemandem vergeben, der nicht bereut«, brullte Nicolau.

»Ihr sprecht von etwas, das vor mehr als dreizehnhundert Jahren geschah. Was soll ein Jude bereuen, der in unserer Zeit geboren wird? Er tragt keine Schuld an dem, was damals geschehen sein mag.«

»Jeder, der dem judischen Glauben anhangt, ist fur das verantwortlich, was seine Vorfahren taten. Er nimmt ihre Schuld an.«

»Sie folgen nur ihrem Glauben, ihren Uberzeugungen, genau wie wir …« Nicolau und Berenguer zuckten zusammen. »Genau wie wir«, wiederholte Arnau mit fester Stimme.

»Du setzt den christlichen Glauben mit der Haresie gleich?«, entfuhr es dem Bischof.

»Solche Vergleiche stehen mir nicht zu. Diese Aufgabe uberlasse ich Euch, den Mannern Gottes. Ich habe lediglich gesagt …«

»Wir wissen genau, was du gesagt hast!«, unterbrach ihn Nicolau Eimeric. »Du hast den einzig wahren, den christlichen Glauben mit den haretischen Lehren der Juden gleichgesetzt.«

Arnau sah das Tribunal an. Der Notar schrieb weiter in seinen Akten. Sogar die Soldaten, die reglos hinter ihm an der Tur standen, schienen zuzuhoren, wie die Feder uber das Pergament kratzte. Nicolau lachelte, und das Kratzen der Feder verursachte Arnau eine Gansehaut. Ein Zittern durchlief seinen gesamten Korper. Der Inquisitor bemerkte es und lachelte unverhohlen. Ja, schien sein Blick zu sagen, das ist deine Aussage.

»Sie sind genau wie wir«, beteuerte Arnau.

Nicolau bedeutete ihm zu schweigen.

Der Notar schrieb noch eine Weile weiter. Das sind deine Worte, schien ihm der Blick des Inquisitors noch einmal zu sagen. Als der Schreiber die Feder hinlegte, lachelte Nicolau erneut.

»Der Prozess wird auf morgen vertagt«, verkundete er und erhob sich von seinem Platz.

Mar hatte keine Lust mehr, Joan langer zuzuhoren.

»Wo gehst du hin?«, fragte Aledis. Mar sah sie an. »Schon wieder? Du warst jeden Tag dort und hast es nicht geschafft …«

»Sie wei?, dass ich dort bin und dass ich nicht vergessen werde, was sie mir angetan hat.« Joan lie? den Kopf hangen. »Ich sehe sie durch das Fenster und gebe ihr zu verstehen, dass Arnau mir gehort. Ich sehe es in ihren Augen, und ich habe vor, sie jeden Tag ihres Lebens daran zu erinnern. Ich will, dass sie in jedem Augenblick merkt, dass ich gewonnen habe.«

Aledis sah ihr hinterher, als sie den Gasthof verlie?. Mar ging denselben Weg wie jeden Tag, seit sie in Barcelona war, bis sie vor dem Portal des Stadtpalasts in der Calle Monteada stand. Dort betatigte sie mit Nachdruck den Turklopfer. Elionor wurde sich weigern, sie zu empfangen, aber sie sollte wissen, dass sie dort unten stand.

Wie jeden Tag offnete der alte Diener das Guckloch.

»Senora«, sagte er durch das Fensterchen hindurch, »Ihr wisst doch, dass Dona Elionor …«

»Offne die Tur. Ich will sie nur sehen, und sei es lediglich durch das Fenster, hinter dem sie sich versteckt.«

»Aber sie will das nicht, Senora.«

»Wei? sie, wer ich bin?«

Mar sah, wie Pere sich zu den Fenstern des Palasts umwandte.

»Ja.«

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату