»Wenn er einen der Zeugen benennt, die ihn angezeigt haben, konnte das Tribunal anerkennen, dass es sich bei der Anzeige um einen Racheakt handelt.«
»Aber Arnau wei? nicht, wer ihn angezeigt hat«, warf Mar ein.
»Vorerst nicht. Danach konnte er es erfahren … falls Eimeric ihm dieses Recht zugesteht. Eigentlich musste er es erfahren«, setzte er angesichts der emporten Gesichter der beiden Frauen hinzu. »So hat es Bonifaz VIII. verfugt, doch der Papst ist weit weg, und letzten Endes fuhrt jeder Inquisitor die Verhandlung so, wie er es fur richtig halt.«
»Ich glaube, meine Frau hasst mich«, antwortete Arnau auf Eimerics Frage.
»Aus welchem Grund sollte Dona Elionor dich hassen?«, fragte der Inquisitor nach.
»Wir haben keine Kinder bekommen.«
»Hast du es versucht? Hast du mit ihr geschlafen?«
Er hatte auf die vier Evangelien geschworen.
»Hast du mit ihr geschlafen?«, wiederholte Eimeric seine Frage.
»Nein.«
Die Feder des Schreibers eilte uber die Prozessakten, die vor ihm lagen. Nicolau Eimeric wandte sich an den Bischof.
»Weitere Feinde?«, ubernahm nun Berenguer d'Erill.
»Die Adligen auf meinen Besitzungen, insbesondere der Vogt von Montbui.« Der Notar schrieb mit. »Au?erdem habe ich als Seekonsul zahlreiche Urteile gefallt, glaube jedoch, gerecht gewesen zu sein.«
»Hast du Feinde beim Klerus?«
Wozu diese Frage? Er hatte sich stets gut mit der Kirche gestanden.
»Abgesehen von einigen der Anwesenden …«
»Die Mitglieder dieses Tribunals sind unparteiisch«, fiel ihm Eimeric ins Wort.
»Davon bin ich uberzeugt.« Arnau sah den Inquisitor fest an.
»Noch jemand?«
»Wie Euch wohl bekannt ist, bin ich seit Langem als Geldwechsler tatig. Vielleicht …«
»Es geht nicht darum, daruber zu spekulieren, wer dein Feind sein konnte und warum«, unterbrach Eimeric ihn erneut. »Hast du Feinde, so nenne ihre Namen; hast du keine, dann verneine die Frage. Hast du weitere Feinde oder nicht?«
»Ich glaube, nicht.«
»Und dann?«, fragte Aledis.
»Dann beginnt das eigentliche Inquisitionsverfahren.« Joans Gedanken wanderten zu den Dorfplatzen, den Hausern der Dorfschulzen, den schlaflosen Nachten … Ein heftiger Schlag auf den Tisch riss ihn aus seinen Gedanken.
»Was bedeutet das?«, schrie ihn Mar an.
Joan seufzte und sah ihr in die Augen.
»Das Wort Inquisition bedeutet so viel wie ›Suche‹. Der Inquisitor sucht nach der Haresie, nach der Sunde. Auch wenn Anzeigen vorliegen, beschrankt sich der Prozess nicht auf diese Aussagen. Legt der Angeklagte kein Gestandnis ab, muss man nach dieser verborgenen Wahrheit suchen.«
»Auf welche Weise?«, fragte Mar.
Joan schloss die Augen, bevor er antwortete.
»Falls du die Folter meinst: Ja, sie ist eines der Mittel.«
»Was geschieht mit ihm?«
»Moglicherweise kommt es gar nicht zur Folter.«
»Was geschieht mit ihm?«, wiederholte Mar ihre Frage.
»Weshalb willst du das wissen?«, sagte Aledis und nahm ihre Hand. »Es wird dich nur noch mehr qualen.«
»Das Gesetz verbietet, dass die Folter zum Tod oder zum Verlust von Gliedma?en fuhrt«, erklarte Joan. »Und sie darf nur einmal angewendet werden.«
Joan sah, wie sich die beiden Frauen mit Tranen in den Augen gegenseitig zu trosten versuchten. Doch Eimeric hatte einen Weg gefunden, sich uber diese rechtliche Vorgabe hinwegzusetzen.
»Was geschieht, wenn sie ihn foltern und er immer noch nicht gesteht?«, fragte Mar, nachdem sie die Nase hochgezogen hatte.
»Sein Verhalten wird bei der Urteilsfindung berucksichtigt werden«, antwortete Joan unumwunden.
»Und das Urteil fallt Eimeric?«, wollte Aledis wissen.
»Ja, es sei denn, die Strafe lautet auf lebenslange Haft oder Tod auf dem Scheiterhaufen. In diesem Fall braucht er die Zustimmung des Bischofs. Befindet das Tribunal indes, dass es sich um einen schwierigen Fall handelt«, kam der Monch der nachsten Frage der Frauen zuvor, »so berat es sich zuweilen mit den
