herauszuziehen. Er hatte nie den richtigen Moment gefunden, Arnau von diesem ersten Geschaft zu erzahlen, das er hinter seinem Rucken, aber in seinem Namen getatigt hatte, und so war Abraham Levis Vermogen immer weiter angewachsen. Der Stein lie? sich nicht bewegen. »Sei unbesorgt«, hatte ihm Hasdai einmal gesagt, als Arnau in seiner Gegenwart den Juden erwahnte. »Ich habe Anweisungen, dass du genauso weitermachen sollst. Mach dir keine Gedanken.« In einem unbeobachteten Moment hatte Hasdai Guillem angesehen, der nur seufzte und mit den Schultern zuckte. Der Stein lockerte sich. Nein, Arnau hatte niemals eingewilligt, mit Geld zu arbeiten, das aus dem Verkauf von Sklaven stammte.
Der Stein gab nach, und dahinter fand Guillem das sorgfaltig in Tuch gewickelte Dokument. Er machte sich nicht die Muhe, es zu lesen. Er wusste, was darin stand. Er setzte den Stein wieder in die Mauerlucke und trat ans Fenster. Als er nichts Ungewohnliches horte, schloss er das Fenster und verlie? Arnaus Wechselstube.
55
Die Soldaten der Inquisition mussten in das Verlies kommen, um ihn zu holen. Zwei von ihnen packten ihn unter den Armen und schleiften den stolpernden Arnau hinter sich her. Er stie? mit den Knocheln gegen die Treppenstufen, die zum Verlies hinabfuhrten, und lie? sich durch die Gange des Bischofspalasts schleifen. Er hatte nicht geschlafen. Er bemerkte nicht einmal die Monche und Priester, die zusahen, wie man ihn zu Nicolau brachte. Wie hatte Joan ihn nur verraten konnen?
Seit man ihn in den Kerker zuruckgebracht hatte, weinte Arnau. Er schrie und schlug den Kopf gegen die Wand. Warum Joan? Und wenn Joan ihn denunziert hatte, was hatte Aledis mit alldem zu tun? Und die gefangene Frau? Aledis hatte allen Grund, ihn zu hassen. Er hatte sie verlassen und war dann vor ihr geflohen. Ob sie mit Joan unter einer Decke steckte? War Joan wirklich zu Mar gegangen? Und falls ja, warum war sie nicht gekommen? War es so schwierig, einen einfachen Kerkermeister zu bestechen?
Francesca horte ihn schluchzen und toben. Als sie ihren Sohn so horte, sank ihr Korper noch mehr in sich zusammen. Zu gerne hatte sie ihn angesehen und mit ihm gesprochen, um ihn zu trosten, und sei es durch Lugen. »Du wirst ihm nicht widerstehen konnen«, hatte sie Aledis gewarnt. Und sie selbst? Wurde sie diese Situation noch lange ertragen? Francesca presste sich gegen die kalten Steine der Mauer, wahrend Arnau weiter mit dem Schicksal und der Welt haderte.
Die Turen des Gerichtssaals offneten sich und Arnau wurde hineingezerrt. Das Tribunal war bereits versammelt. Die Soldaten schleiften Arnau in die Mitte des Raumes und lie?en ihn los. Arnau sank zu Boden. Er horte, wie Nicolau in die Stille hineinsprach, doch er war unfahig, seine Worte zu verstehen. Was konnte ihm dieser Monch noch antun, nachdem ihn sein eigener Bruder bereits verdammt hatte? Er hatte niemanden mehr. Er hatte nichts.
»Du tauschst dich«, hatte ihm der Kerkermeister geantwortet, als er ihm ein kleines Vermogen anbot, um ihn zu bestechen. »Du hast kein Geld mehr.« Geld! Geld war der Grund dafur gewesen, dass der Konig ihn mit Elionor verheiratet hatte. Geld steckte hinter dem Verhalten seiner Ehefrau, die seine Festnahme in die Wege geleitet hatte. Sollte Geld Joan dazu bewogen haben …?
»Bringt die Mutter herein!«
Angesichts dieses Befehls war Arnau auf einmal hellwach.
Mar und Aledis standen auf der Plaza Nova, gegenuber dem Bischofspalast. Joan hielt sich ein wenig abseits. »Infant Don Juan wird heute Nachmittag meinen Herrn empfangen«, hatte ihnen einer von Guillems Sklaven tags zuvor mitgeteilt. Heute Morgen in aller Fruhe war derselbe Sklave zu ihnen gekommen, um ihnen von seinem Herrn auszurichten, dass sie auf der Plaza Nova warten sollten.
Und da standen die drei nun und spekulierten daruber, warum Guillem ihnen diese Botschaft geschickt hatte.
Arnau horte, wie hinter ihm die Tur geoffnet wurde. Die Soldaten kamen herein und stellten jemanden neben ihn, dann nahmen sie wieder ihren Posten an der Tur ein.
Er spurte ihre Gegenwart. Er sah ihre nackten, runzligen Fu?e. Sie waren schmutzig und schwielig, und sie bluteten. Nicolau und der Bischof lachelten, als sie sahen, wie Arnau die Fu?e seiner Mutter anstarrte. Dann hob er den Kopf und sah zu ihr auf. Obwohl er kniete, uberragte ihn die alte Frau um hochstens eine Spanne, so gebeugt war sie. Die Tage im Kerker waren nicht spurlos an Francesca vorubergegangen. Ihr schutteres graues Haar stand wirr in die Hohe. Sie hatte den Blick starr auf das Tribunal gerichtet, die Haut war pergamenten und eingefallen. Ihre Augen lagen tief in violett verfarbten Hohlen.
»Francesca Esteve«, sagte Nicolau, »schworst du auf die vier Evangelien?«
Die feste Stimme der Greisin uberraschte alle Anwesenden.
»Ich schwore«, antwortete sie, »doch Ihr sitzt einem Irrtum auf. Ich hei?e nicht Francesca Esteve.«
»Wie dann?«, fragte Nicolau.
»Mein Name ist Francesca, doch nicht Esteve, sondern Ribes. Francesca Ribes«, sagte sie laut und vernehmlich.
»Mussen wir dich an deinen Eid erinnern?«, mahnte der Bischof.
»Nein. Wegen dieses Eids sage ich die Wahrheit. Mein Name ist Francesca Ribes.«
»Bist du nicht die Tochter von Pere und Francesca Esteve?«, fragte Nicolau.
»Ich habe meine Eltern nie kennengelernt.«
»Warst du die Ehefrau von Bernat Estanyol aus Navarcles?«
Arnau richtete sich auf. Bernat Estanyol?
»Nein. Ich bin nie an diesem Ort gewesen und ich war auch nicht verheiratet.«
»Hattest du keinen Sohn namens Arnau Estanyol?«
»Nein. Ich kenne keinen Arnau Estanyol.«
Arnau sah Francesca an.
Nicolau Eimeric und Berenguer d'Erill flusterten miteinander. Dann wandte sich der Inquisitor an den Schreiber.
»Hor genau hin«, forderte er Francesca auf.
