Kastilien, auch wenn es ganz danach aussieht, als ware er bald beendet. Pedro der Grausame hat Probleme mit seinen Adligen, die sich auf die Seite Heinrich von Trastamaras gestellt haben. Dem hiesigen Konig halten nur die Stadte und, wie es aussieht, die Juden die Treue. Der Krieg gegen Kastilien hat den Konig ruiniert. Vor vier Jahren gewahrten ihm die Cortes von Monzon eine Unterstutzung von 270.000 Libras im Gegenzug fur weitere Zugestandnisse an Adlige und Stadte. Der Konig steckt dieses Geld in den Krieg, verliert dabei aber immer weitere Privilegien. Nun gibt es auch noch einen neuen Aufstand in Korsika. Solltest du Geld im Konigshaus investiert haben – vergiss es.«

Guillem horte dem Sizilianer nicht langer zu und beschrankte sich darauf, mit dem Kopf zu nicken oder zu lacheln, wenn es ihm angebracht erschien. Der Konig war ruiniert und Arnau war einer seiner gro?ten Glaubiger. Als Guillem Barcelona verlassen hatte, hatten die Darlehen an das Konigshaus uber zehntausend Libras betragen. Wie viel mochte es heute sein? Er konnte nicht einmal die Zinsen bezahlt haben. »Sie werden ihn hinrichten.« Joans Urteil kam ihm wieder in den Sinn. »Nicolau wird Arnau benutzen, um seine Macht zu starken«, hatte Jucef zu ihm gesagt. »Der Konig bleibt dem Papst die Abgaben schuldig und Eimeric hat ihm einen Anteil an Arnaus Vermogen versprochen.« Wurde Konig Pedro bereit sein, in der Schuld eines Papstes zu stehen, der soeben einen Aufstand in Korsika unterstutzt hatte, indem er das Recht der aragonesischen Krone an der Insel bestritt? Aber wie sollte er es anstellen, dass der Konig sich mit der Inquisition anlegte?

»Euer Vorschlag interessiert uns.«

Die Stimme des Infanten verlor sich in der Weite des Salon del Tinell. Der Infant war erst sechzehn Jahre alt, stand aber seit Kurzem im Namen seines Vaters dem Parlament vor, das uber den korsischen Aufstand beraten sollte. Guillem betrachtete verstohlen den Thronfolger. Er sa? auf seinem Thron, neben ihm standen seine beiden Ratgeber Juan Fernandez de Heredia und Francesc de Perellos. Es hie? von ihm, er sei schwach, doch vor zwei Jahren hatte dieser Junge einen Mann verurteilen und hinrichten mussen, der von Geburt an sein Vormund gewesen war: Bernat de Cabrera. Nachdem er seine Enthauptung auf dem Marktplatz von Zaragoza angeordnet hatte, musste der Infant das Haupt des Vicomte seinem Vater Konig Pedro ubersenden.

Am Nachmittag hatte Guillem mit Francesc de Perellos sprechen konnen. Nachdem der Ratgeber ihn aufmerksam angehort hatte, bat er ihn, vor einer kleinen Tur zu warten. Als man ihn nach langem Warten vorlie?, stand Guillem auf einmal in dem eindrucksvollsten Raum, den er jemals betreten hatte: Er war uber drei?ig Meter lang, mit sechs machtigen Rundbogen, die fast bis zum Boden reichten. Die Wande waren kahl und von Fackeln erleuchtet. Der Infant und seine Ratgeber hatten ihn am Ende des Saals erwartet.

Einige Schritte vom Thron entfernt hatte er das Knie gebeugt und gewartet, bis Francesc de Perellos ihm mit einem Blick zu verstehen gab, dass er sprechen sollte.

»Euer Vorschlag interessiert uns sogar sehr«, sagte der Infant noch einmal, nachdem Guillem geendet hatte. »Aber denkt daran, dass wir uns nicht mit der Inquisition uberwerfen konnen.«

»Das musst Ihr nicht, hoher Herr.«

»So sei es«, beschloss der Infant. Dann erhob er sich und verlie? den Saal in Begleitung von Juan Fernandez de Heredia.

»Erhebt Euch«, forderte Francesc de Perellos Guillem auf. »Wann soll es so weit sein?«

»Morgen, wenn moglich. Andernfalls ubermorgen.«

»Ich werde dem Stadtrichter Bescheid geben.«

Als Guillem den koniglichen Palast verlie?, wurde es gerade dunkel. Er sah in den klaren Mittelmeerhimmel hinauf und atmete tief ein. Ihm blieb noch viel zu tun.

Am Nachmittag, noch wahrend des Gesprachs mit dem Sizilianer Jacopo, hatte er eine Nachricht von Jucef erhalten: »Der Ratgeber Francesc de Perellos wird dich heute Nachmittag nach der Parlamentssitzung im koniglichen Palast empfangen.« Guillem wusste, wie er das Interesse des Infanten wecken konnte. Es war ganz einfach: Indem man der Krone die umfangreichen Schulden erlie?, die in Arnaus Buchern vermerkt waren, damit sie nicht in die Hande des Papstes gelangten. Aber wie konnte man Arnau befreien, ohne dass sich der Herzog von Gerona offen mit der Inquisition uberwerfen musste?

Guillem hatte einen Spaziergang unternommen, bevor er zum koniglichen Palast gegangen war. Sein Weg hatte ihn zu Arnaus Wechselstube gefuhrt. Sie war geschlossen. Die Bucher musste Nicolau Eimeric an sich genommen haben, um Scheinverkaufe zu verhindern. Von Arnaus Angestellten war nichts zu sehen. Guillem blickte zur Kirche Santa Maria, die von Gerusten umgeben war. Wie war es moglich, dass ein Mann, der alles fur diese Kirche gegeben hatte …? Sein Weg fuhrte ihn weiter zum Seekonsulat und zum Strand.

»Wie geht es deinem Herrn?«, horte er eine Stimme hinter sich fragen.

Guillem drehte sich um und stand vor einem Bastaix, der einen riesigen Sack auf dem Rucken trug. Arnau hatte ihm vor Jahren Geld geliehen und er hatte es Munze fur Munze zuruckgezahlt. Guillem hob die Schultern und machte ein ratloses Gesicht. Plotzlich war er von einer ganzen Reihe Bastaixos umringt, die gerade ein Schiff entluden. »Was ist mit Arnau los?«, wurde er gefragt. »Wie kann man ihn der Ketzerei beschuldigen?« Diesem Mann hatte er ebenfalls Geld geliehen. Fur die Aussteuer einer seiner Tochter? Wie viele von ihnen hatten Hilfe bei Arnau gesucht? »Wenn du ihn siehst«, sagte ein anderer, »dann richte ihm aus, dass eine Kerze fur ihn vor dem Gnadenbild brennt. Wir sorgen dafur, dass sie nie verlischt.« Guillem versuchte, sich dafur zu entschuldigen, dass er nichts Naheres wusste, doch die Bastaixos lie?en ihn nicht zu Wort kommen. Nachdem sie auf die Inquisition geschimpft hatten, setzten sie ihren Weg fort.

Die emporten Bastaixos noch vor Augen, war Guillem entschlossenen Schrittes zum koniglichen Palast gegangen.

Nun stand der Maure erneut vor Arnaus Wechselstube, wahrend sich hinter ihm die Umrisse von Santa Maria vor dem Nachthimmel abzeichneten. Er brauchte die Zahlungsbestatigung, die der Jude Abraham Levi seinerzeit unterschrieben und die er selbst hinter einem Mauerstein versteckt hatte. Die Tur war verriegelt, aber im Erdgeschoss befand sich ein Fenster, das nie richtig geschlossen hatte. Guillem spahte in die Dunkelheit. Es schien niemand da zu sein. Arnau hatte nie von diesem Dokument erfahren. Er hatte dieses Geld nicht angenommen. Das Knarren des Fensters drang durch die nachtliche Stille. Guillem erstarrte. Er war ein Maure, ein Unglaubiger, der mitten in der Nacht in das Haus eines Gefangenen der Inquisition einbrach. Dass er getauft war, wurde ihm wenig nutzen, wenn man ihn erwischte. Doch die nachtlichen Gerausche zeigten ihm, dass sich die Welt weiterdrehte. Man horte das Meer, das Knacken der Geruste von Santa Maria, weinende Kinder, Manner, die ihre Frauen anschrien …

Er offnete das Fenster und kroch hinein. Mit dem Geld, das angeblich von Abraham Levi stammte, hatte Arnau gehandelt und gute Gewinne gemacht, doch nach jeder getatigten Transaktion hatte er ein Viertel der Einnahmen Abraham Levi, dem Anleger des Geldes, gutgeschrieben. Guillem wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewohnt hatten und der Mond aufging. Bevor Abraham Levi Barcelona verlassen hatte, war Hasdai mit ihm zu einem Schreiber gegangen und hatte ihn eine Verzichtserklarung uber das angelegte Geld unterschreiben lassen. Das Geld gehorte also Arnau, in den Buchern des Geldwechslers jedoch stand es nach wie vor unter dem Namen des Juden vermerkt.

Guillem kniete neben der Wand nieder. Es war der zweite Stein in der Ecke des Raumes. Er versuchte ihn

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