»In welchem Verhaltnis stehst du zu den Ketzern?«
Der Inquisitor und der Bischof bombardierten ihn mit Fragen. Arnau lie? erneut den Kopf hangen. Er zitterte.
»Gestehst du?«
Arnau ruhrte sich nicht. Das Tribunal lie? die Zeit verstreichen. Arnau hing kraftlos zwischen den Wachen. Schlie?lich gab Nicolau den Soldaten ein Zeichen, den Gefangenen aus dem Saal zu bringen. Arnau merkte, wie sie ihn davonschleiften.
»Wartet!«, befahl der Inquisitor, als sie schon an der Tur standen. Die Soldaten wandten sich zu ihm um. »Arnau Estanyol!«, rief er, und noch einmal: »Arnau Estanyol!«
Arnau hob langsam den Kopf und sah Nicolau an.
»Bringt ihn weg«, sagte der Inquisitor, nachdem er Arnau prufend angesehen hatte. »Notiert, Schreiber«, horte Arnau im Hinausgehen Nicolau sagen: »Der Gefangene leugnete keine der vom Tribunal vorgetragenen Beschuldigungen, verweigerte jedoch ein Gestandnis, indem er einen Schwacheanfall vortauschte. Dass dieser nur gespielt war, zeigte sich, als der Gefangene beim Verlassen des Saales, von weiterer Befragung befreit, durchaus auf die Ansprache des Gerichts reagierte.«
Das kratzende Gerausch der Feder verfolgte Arnau bis in den Kerker.
Guillem wies seine Sklaven an, sein Gepack zum Handelshof ganz in der Nahe des Hostal del Estanyer zu bringen, dessen Besitzer die Nachricht mit Bedauern horte. Guillem musste Mar zurucklassen, doch er konnte es nicht riskieren, von Genis Puig erkannt zu werden. Alle Versuche des Wirtes, den reichen Handler in seinem Haus zu halten, wurde von den beiden Sklaven mit einem Kopfschutteln abgelehnt. »Was will ich mit Adligen, die nicht zahlen?«, murmelte er, als er das Geld zahlte, das ihm Guillems Sklaven uberreicht hatten.
Vom Judenviertel ging Guillem direkt zum Handelshof. Keiner der Handler, die fur die Dauer ihres Aufenthaltes dort Quartier bezogen hatten, wussten von seiner fruheren Beziehung zu Arnau.
»Ich habe ein Unternehmen in Pisa«, antwortete er einem sizilianischen Handler, der sich beim Essen an seinen Tisch setzte und sich fur ihn interessierte.
»Was hat dich nach Barcelona gefuhrt?«, erkundigte sich der Sizilianer.
»Ein Freund von mir ist in Schwierigkeiten«, hatte er beinahe geantwortet. Der Sizilianer war ein kleiner, kahlkopfiger Mann mit markanten Gesichtszugen. Er stellte sich als Jacopo Lercardo vor. Guillem hatte lange und ausfuhrlich mit Jucef gesprochen, aber es war immer gut, eine weitere Meinung zu horen.
»Vor Jahren hatte ich gute Kontakte nach Katalonien, und nun nutze ich eine Reise nach Valencia, um ein wenig den Markt zu erkunden.«
»Da gibt es nicht viel zu erkunden«, sagte der Sizilianer, wahrend er unverdrossen weiter sein Essen loffelte.
Guillem wartete, dass er weitersprach, doch Jacopo widmete sich stattdessen seinem Fleischeintopf. Dieser Mann wurde nur mit jemandem sprechen, der das Geschaft ebenso gut kannte wie er selbst.
»Ich habe festgestellt, dass sich die Situation seit meinem letzten Aufenthalt sehr verandert hat. Auf den Markten fehlen die Bauern; ihre Stande bleiben leer. Ich erinnere mich, dass der Marktaufseher vor Jahren zwischen den konkurrierenden Handlern und Bauern schlichten musste.«
»Heute hat er nichts mehr zu tun«, sagte der Sizilianer lachelnd. »Die Bauern produzieren nichts und kommen nicht mehr auf die Markte, um ihre Waren zu verkaufen. Seuchen haben die Bevolkerung dezimiert und die Erde gibt nichts mehr her. Selbst die Grundherren verlassen ihr Land und lassen ihre Felder veroden. Das Volk stromt dorthin, wo du gerade herkommst: nach Valencia.«
»Ich habe einige alte Bekannte besucht.« Der Sizilianer sah ihn uber seinen Loffel hinweg an. »Sie riskieren ihr Geld nicht mehr im Handel, sondern kaufen stattdessen Anleihen der Stadt. Sie sind zu Rentiers geworden. Ihnen zufolge war die Stadt vor neun Jahren mit etwa 169.000 Libras verschuldet; heute sind es um die 200.000 Libras, und es wird immer mehr. Die Stadt kann die Auszahlung der Rendite nicht langer garantieren. Sie wird sich ruinieren.«
Guillem dachte an die ewige Diskussion um das Zinsverbot der Christen. Nach dem Ruckgang des Handels und damit der lohnenden Warengeschafte war es ihnen erneut gelungen, das gesetzliche Verbot zu umgehen, indem sie die Anleihen erfunden hatten. Dabei gaben die Reichen der Stadt eine Summe Geldes, und diese verpflichtete sich zu einer jahrlichen Ruckzahlung, in der ganz offensichtlich die verbotenen Zinsen enthalten waren. Oft musste bei der Ruckzahlung ein Drittel der ursprunglichen Summe zusatzlich gezahlt werden. Zudem barg das Verleihen von Geld an die Stadt wesentlich weniger Risiken als die Handelsschifffahrt … solange Barcelona zahlen konnte.
»Aber bis es zum Ruin kommt«, riss ihn der Sizilianer aus seinen Gedanken, »ist die Situation im Prinzipat ganz hervorragend, um Geld zu verdienen.«
»Wenn man verkauft«, warf Guillem ein.
»Vor allem.« Guillem merkte, dass der Sizilianer Vertrauen fasste. »Aber man kann auch kaufen, solange man auf die richtige Wahrung setzt. Das Verhaltnis des Goldflorins zum Silbercroat ist vollig abwegig und nicht mit den Wechselkursen auf auslandischen Markten zu vergleichen. Das Silber wird formlich aus Katalonien herausgeschwemmt, der Konig indes halt trotzdem gegen den Markt am Wert des Florins fest. Das wird ihn sehr teuer zu stehen kommen.«
»Weshalb glaubst du, dass er daran festhalten wird?«, fragte Guillem neugierig. »Konig Pedro ist stets ein kluger Herrscher gewesen …«
»Aus rein politischem Interesse«, erklarte Jacopo. »Der Florin ist die konigliche Munze und wird unter direkter Aufsicht des Konigs in Montpellier gepragt. Der Croat hingegen wird mit koniglicher Konzession in Stadten wie Barcelona oder Valencia gepragt. Der Konig will den Wert seiner Munze halten, selbst wenn es ein Fehler ist. Fur uns jedoch ist es der beste Fehler, den er begehen kann. Der Konig hat den Wert des Goldes im Vergleich zum Silber dreizehnmal hoher angesetzt, als dieses tatsachlich auf anderen Markten kostet!«
»Und die koniglichen Schatullen?«
Das war der Punkt, auf den Guillem hinauswollte.
»Dreizehnfach uberbewertet!«, lachte der Sizilianer. »Der Konig befindet sich nach wie vor im Krieg mit
