Guillem erhob sich vom Tisch, an dem er mit Jucef gesessen hatte.
»Es tut mir leid, Raquel.«
Die Frau verzog schmerzlich das Gesicht. Guillem stand einige Schritte entfernt, aber eine kaum merkliche Bewegung von ihr genugte, damit er zu ihr trat und sie umarmte. Guillem druckte sie an sich und wollte sie trosten, doch seine Stimme versagte. »Lass den Tranen freien Lauf, Raquel«, dachte er, »damit das Brennen in deinen Augen aufhort.«
Nach wenigen Momenten machte sich Raquel von Guillem los und wischte ihre Tranen weg.
»Du bist wegen Arnau hier, nicht wahr?«, fragte sie, nachdem sie sich wieder gefasst hatte. Als Guillem nickte, setzte sie hinzu: »Du musst ihm helfen. Wir konnen nicht viel tun, ohne alles noch schlimmer zu machen.«
»Ich sagte deinem Bruder gerade, dass ich ein Empfehlungsschreiben fur den Hof brauche.«
Raquel sah ihren Bruder, der am Tisch sitzen geblieben war, fragend an.
»Und wir werden es bekommen«, beteuerte er. »Infant Don Juan und sein Gefolge, Mitglieder des koniglichen Hofstaats und weitere fuhrende Manner des Landes haben sich zum Parlament in Barcelona versammelt, um die Sardinienfrage zu erortern. Es ist ein guter Augenblick.«
»Was hast du vor, Sahat?«, fragte Raquel.
»Ich wei? es noch nicht. Du hast mir geschrieben, der Konig sei mit dem Inquisitor verfeindet«, setzte er dann, an Jucef gewandt, hinzu. Dieser nickte. »Und was ist mit seinem Sohn?«
»Der noch viel mehr«, sagte Jucef. »Der Infant ist ein Mazen der Kunst und der Kultur. Er liebt Musik und Poesie und an seinem Hof in Gerona versammeln sich Dichter und Philosophen. Keiner von ihnen hei?t Eimerics Angriff auf Ramon Llull gut. Die Inquisition genie?t bei den katalanischen Denkern kein hohes Ansehen. Anfang des Jahrhunderts wurden vierzehn Werke des Arztes Arnau de Vilanova als ketzerisch verurteilt. Eimeric selbst erklarte das Werk des Nicolas de Calabria zur Haresie, und nun verfolgen sie mit Ramon Llull einen weiteren gro?en Gelehrten. Aus Angst davor, wie Eimeric ihre Texte auslegen konnte, wagen es nur noch wenige, uberhaupt zu schreiben. Nicolas de Calabria endete auf dem Scheiterhaufen. Und wenn jemand etwas gegen die Plane des Inquisitors haben konnte, seine Rechtsprechung auf die judischen Gemeinden Kataloniens auszuweiten, so ist es der Infant, bedenkt man, dass dieser von den Steuern lebt, die wir ihm zahlen. Er wird dich anhoren«, sagte Jucef uberzeugt. »Doch mach dir nichts vor. Er wird sich kaum direkt mit der Inquisition anlegen.«
Guillem nickte still.
Nicolau stand vor Arnau, die Hande auf die Tischplatte gestutzt. Sein Gesicht war rot angelaufen.
»Dein Vater«, zischte er, »war ein Teufel, der das Volk aufhetzte. Deshalb wurde er hingerichtet, und deshalb hast du ihn verbrannt, damit er wie ein Teufel stirbt.«
Mit diesen Worten endete Nicolau, wahrend er mit dem Finger auf Arnau zeigte.
Woher wusste er das? Nur eine Person wusste davon … Die Feder des Schreibers kratzte uber das Pergament. Es konnte einfach nicht sein. Nicht Joan … Arnau spurte, wie seine Beine nachgaben.
»Bestreitest du, den Leichnam deines Vaters verbrannt zu haben?«, fragte Berenguer d'Erill.
Joan konnte ihn nicht denunziert haben!
»Bestreitest du es?«, donnerte Nicolau.
Die Gesichter der Tribunalsmitglieder verschwammen. Arnau kampfte mit der Ubelkeit.
»Wir hatten Hunger!«, brach es aus ihm heraus. »Habt Ihr schon einmal gehungert?« Das violett verfarbte Gesicht seines Vaters mit der heraushangenden Zunge verschwamm mit den Gesichtern derer, die ihn nun ansahen. Hatte Joan ihn verraten? War er deshalb nicht mehr zu ihm gekommen?
»Wir hatten Hunger!« Ich an deiner Stelle wurde mich nicht unterwerfen, horte Arnau seinen Vater sagen. »Habt Ihr schon einmal gehungert?«
Arnau wollte sich auf Nicolau sturzen, der immer noch selbstherrlich vor ihm stand und ihn durchdringend ansah, doch bevor er ihn zu packen bekam, waren die Soldaten zur Stelle und schleiften ihn wieder in die Mitte des Raumes.
»Hast du deinen Vater verbrannt wie einen Damon?«, brullte Nicolau noch einmal.
»Mein Vater war kein Damon!«, brullte Arnau zuruck, wahrend er sich zwischen den Soldaten aufbaumte, die ihn festhielten.
»Aber du hast seinen Leichnam verbrannt.«
Warum hast du das getan, Joan? Du warst mein Bruder, und Bernat … Bernat hat dich geliebt wie einen Sohn. Arnau lie? den Kopf hangen und gab seinen Widerstand auf. Warum?
»Hast du auf Befehl deiner Mutter gehandelt?«
Arnau hob willenlos den Kopf.
»Deine Mutter ist eine Hexe, die das damonische Leiden der Fallsucht weitergibt«, erklarte der Bischof.
Was redeten diese Manner da?
»Dein Vater hat einen Jungen ermordet, um dich zu befreien. Gestehst du das?«, schrie Nicolau.
»Was?«, brachte Arnau heraus.
»Auch du« – mit diesen Worten deutete Nicolau auf ihn – »hast einen Christenjungen getotet. Was hattest du mit ihm vor?«
»Haben deine Eltern es dir befohlen?«, fragte der Bischof.
»Wolltest du sein Herz?«, drang Nicolau in ihn.
»Wie viele Kinder hast du ermordet?«
