»Aussage von Jaume de Bellera, Herr von Navarcles«, begann der Schreiber zu lesen.

Arnaus Augen verengten sich, als er den Namen Bellera horte. Sein Vater hatte ihm von ihm erzahlt. Neugierig horte er die Geschichte seines Lebens an, die sein Vater zum gro?en Teil mit in den Tod genommen hatte. Wie seine Mutter auf die Burg bestellt worden war, um den neugeborenen Sohn Llorenc de Belleras zu stillen. Eine Hexe? Aus dem Mund des Schreibers horte er Jaume de Belleras Version uber die Flucht seiner Mutter, nachdem dieser noch als Saugling die ersten Anfalle von Fallsucht erlitten hatte.

»Bernat Estanyol«, fuhr der Schreiber fort, »nutzte einen unaufmerksamen Moment der Wachen, um seinen Sohn Arnau zu befreien, nachdem er zuvor einen unschuldigen Jungen ermordet hatte. Die beiden lie?en ihr Land im Stich und flohen nach Barcelona. In der graflichen Stadt angekommen, fanden sie Unterschlupf bei der Familie des Handlers Grau Puig. Der Zeuge hat Beweise dafur, dass aus der Hexe eine offentliche Frau wurde. Arnau Estanyol ist der Sohn einer Hexe und eines Morders«, schloss er.

»Was hast du dazu zu sagen?«, fragte Nicolau Francesca.

»Dass Ihr die falsche Hure erwischt habt«, sagte die Alte ungeruhrt.

»Du, eine Metze, wagst es, die Erkenntnisse der Inquisition in Zweifel zu ziehen?«, brullte der Bischof, wahrend er mit dem Finger auf sie zeigte.

»Ich stehe nicht als Dirne hier«, entgegnete Francesca, »noch, um als solche zur Verantwortung gezogen zu werden. Der heilige Augustinus schreibt, es sei an Gott, uber die Dirnen zu richten.«

Der Bischof lief rot an.

»Wie kannst du es wagen, dich auf den heiligen Augustinus zu berufen?«

Berenguer brullte weiter, doch Arnau horte nicht hin. ›Der heilige Augustinus schreibt, es sei an Gott, uber die Dirnen zu richten.‹ Der heilige Augustinus … Vor vielen Jahren hatte er diese Worte schon einmal von einer Hure in einem Gasthof in Figueras gehort. Hie? sie nicht Francesca? Der heilige Augustinus … Konnte es sein?

Arnau wandte sich Francesca zu. Er hatte sie zweimal in seinem Leben gesehen, beide Male an entscheidenden Wendepunkten. Alle Mitglieder des Tribunals sahen, wie er die Frau anstarrte.

»Sieh deinen Sohn an!«, donnerte Eimeric. »Bestreitest du, seine Mutter zu sein?«

Arnau und Francesca horten seine Worte von den Wanden des Saales widerhallen. Er auf Knien, das Gesicht der alten Frau zugewandt, sie den Blick starr geradeaus auf den Inquisitor gerichtet.

»Sieh ihn an!«, brullte Nicolau erneut.

Ein leichtes Zittern durchlief Francescas Korper angesichts des Hasses, mit dem der Inquisitor anklagend auf Arnau deutete. Nur Arnau konnte sehen, wie die pergamentene Haut, die sich uber ihren Hals spannte, leise bebte. Doch Francesca sah den Inquisitor unverwandt an.

»Du wirst gestehen«, versicherte ihr Nicolau, jedes Wort betonend. »Ich versichere dir, dass du gestehen wirst.«

»Via fora!«

Der Ruf storte die Ruhe auf der Plaza Nova. Ein Junge lief vorbei und wiederholte ein ums andere Mal das »Via fora!«, das die Burger zu den Waffen rief. Aledis und Mar sahen sich an, dann sahen sie zu Joan.

»Die Glocken lauten gar nicht«, stellte dieser schulterzuckend fest.

Santa Maria besa? noch keine Glocken.

Dennoch verbreitete sich das »Via fora!« in der ganzen Stadt, und die Menschen sammelten sich uberrascht auf der Plaza del Blat, wo sie erwarteten, das Banner des Stadtpatrons Sant Jordi neben dem Stein in der Mitte des Platzes vorzufinden. Stattdessen wurden sie von zwei mit Armbrusten bewaffneten Bastaixos zur Kirche Santa Maria gefuhrt.

Auf dem Vorplatz der Kirche versammelte sich das Volk vor dem Gnadenbild der Schutzpatronin des Meeres, das die Bastaixos unter einem Baldachin auf ihren Schultern trugen. Vor der Madonna standen die Zunftmeister der Bastaixos mit ihrem Banner und erwarteten die Menge, die durch die Calle de la Mar herbeistromte. Einer von ihnen hatte den Schlussel des Marienschreins um den Hals hangen. Die Leute drangten sich immer zahlreicher um das Gnadenbild. Etwas abseits stand Guillem in der Tur zu Arnaus Wechselstube und beobachtete aufmerksam das Geschehen.

»Die Inquisition hat einen Burger dieser Stadt entfuhrt, den Seekonsul von Barcelona«, erklarten die Zunftmeister.

»Aber die Inquisition …«, wandte eine Stimme ein.

»Die Inquisition gibt nichts auf unsere Stadt«, entgegnete einer der Zunftmeister, »ja, nicht einmal auf den Konig. Sie ist weder dem Rat der Hundert noch dem Stadtrichter unterstellt. Ihre Mitglieder werden nicht von einer dieser Autoritaten ernannt, sondern vom Papst, einem fernen Papst, der nur das Geld unserer Burger will. Wie konnen sie einen Mann der Ketzerei bezichtigen, der sein Leben fur die Schutzpatronin des Meeres gegeben hatte?«

»Sie wollen nur das Geld unseres Konsuls«, rief einer der Versammelten.

»Sie lugen, um an unser Geld zu kommen!«

»Sie hassen das katalanische Volk«, erklarte ein zweiter Zunftmeister.

Die Leute erzahlten sich weiter, was dort vorne gesprochen wurde. Die Rufe schallten durch die Calle de la Mar.

Guillem sah, wie die Zunftmeister der Bastaixos den Zunftmeistern der ubrigen Innungen die Lage erklarten. Wer furchtete nicht um sein Geld? Andererseits war auch die Inquisition zu furchten … Es brauchte nur eine absurde Beschuldigung …

»Wir mussen unsere Rechte verteidigen«, sagte einer, nachdem er mit den Bastaixos gesprochen hatte.

Das Volk begann sich zu emporen. Schwerter, Dolche und Armbruste wurden uber den Kopfen geschwenkt, wahrend immer lauter der Schlachtruf »Via fora!« erklang.

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