Versuchung gefuhrt wird.« Darauf wandte er sich um und ging.
»Hor mal, alter Knabe«, rief ihm Sir Henry nach, »warte noch einen Augenblick. Auch ich habe dir eine kleine Geschichte zu erzahlen.« Und dann berichtete er Good, was sich tags zuvor zwischen ihm und Sorais abgespielt hatte.
Das war einfach zuviel fur den armen Good. Es ist sicher fur keinen Mann angenehm, zu horen, da? man ihn lediglich als ein Mittel zum Zweck mi?braucht hat, aber wenn die Umstande gar noch so schlimm sind wie im vorliegenden Fall, dann ist das schon eine verdammt bittere Pille.
»Wi?t ihr«, sagte er, »ich glaube, ihr Burschen habt euch untereinander schon irgendein Heilmittel ausgedacht.« Und dann drehte er sich wieder um und ging. Ich fur meinen Teil hatte gro?es Mitleid mit ihm. Ach, wenn doch die Motten besser aufpassen konnten, da? sie nicht zu nah ans Licht kommen; wie wenig verbrannte Flugel wurde es dann geben!
Jener Tag war ein sogenannter Hoftag. Die Koniginnen pflegten dann im Palast zu sein und Bittschriften entgegenzunehmen, Gesetze zu besprechen, Zuschusse zu bewilligen usw. Mit einiger Verspatung begaben auch wir uns in die Halle. Unterwegs trafen wir auf Good, der einen au?erst deprimierten Eindruck machte.
Als wir die Halle betraten, sa? Nylephta schon, umringt von Beratern, Hoflingen, Rechtskundigen und Priestern, wie gewohnlich auf ihrem Thron und erledigte ihre Geschafte. Die Leibgarde war jedoch weit starker als sonst. Es war indessen ganz deutlich zu erkennen, da? keiner der Anwesenden so recht mit den Gedanken bei der Sache war; in den Gesichtern aller Anwesenden zeichnete sich Erregung und Erwartung ab. Es hatte sich namlich inzwischen im ganzen Lande herumgesprochen, da? ein Burgerkrieg unmittelbar bevorstand. Wir begru?ten Nylephta und nahmen unsere gewohnten Platze ein. Und fur eine Weile nahm auch alles seinen gewohnten Gang, bis plotzlich von drau?en der Klang von Fanfaren erscholl und unmittelbar darauf die Menge, die sich dort in Erwartung eines au?ergewohnliches Ereignisses versammelt hatte, laut »
Dann horte man das Rumpeln von zahlreichen Streitwagen, und gleich darauf teilte sich der gro?e Vorhang am Eingang der Halle, und herein schritt die >Herrin der Nacht< hochstpersonlich. Sie kam jedoch nicht allein. Ihr voran schritt Agon, der Hohepriester, der seine kostbarsten Gewander trug, und zu ihrer Linken und Rechten befanden sich weitere Priester. Die Grunde fur die Anwesenheit der Priester lagen klar auf der Hand - in dem Falle ware es namlich ein Sakrileg gewesen, sie zu verhaften. In ihrem Gefolge befand sich eine Artzahl machtiger Fursten, und hinter ihnen kamen mehrere sorgsam ausgewahlte Wachsoldaten. Ein kurzer Blick auf Sorais genugte schon, um zu wissen, da? sie nicht in friedlicher Absicht gekommen war; denn sie trug nicht wie gewohnlich ihren goldbestickten »Kaf«, sondern statt dessen ein glitzerndes Gewand aus goldenen Schuppen, und auf ihrem Kopf trug sie einen kleinen goldenen Helm. In der Hand hielt sie einen herrlich gearbeiteten Spielzeugspeer aus reinem Silber. In ihrem Stolz und ihrer Schonheit wirkte sie wie eine Lowin, als sie so erhobenen Hauptes durch die Halle schritt. Als sie naherkam, wichen die Schaulustigen unter tiefen Verbeugungen zuruck und machten ihr Platz. Vor dem heiligen Stein hielt sie an, legte ihre Hand darauf und rief laut Nylephta ihren Gru? zu: »Sei gegru?t, o Konigin!«
»Sei gegru?t, meine konigliche Schwester!« rief Nylephta ebenso laut zuruck. »Komm naher heran zu mir, ich gebe dir freies Geleit.«
Sorais warf ihr als Antwort einen hochmutigen Blick zu, und dann schritt sie durch die Halle, bis sie vor den Thronsesseln stand.
»Ich mu? mit dir sprechen, o Konigin!« rief sie.
»Sprich, meine Schwester; was kann ich dir, die die Halfte unseres Konigreiches besitzt, geben?«
»Du kannst mir die Wahrheit sagen - mir und dem Volke von Zu-Vendis. Willst du also - oder willst du es nicht, diesen fremdlandischen Wolf ...« - dabei zeigte sie mit ihrem Spielzeugspeer auf Sir Henry -»zum Gemahle nehmen, auf da? er dein Bett und deinen Thron mit dir teile?«
Bei diesen Worten zuckte Sir Henry zusammen. Er wandte sich zu Sorais und sagte leise: »Ich erinnere mich gut daran, o Konigin, da? du gestern noch andere Namen als >Wolf< fur mich hattest.« Das Blut scho? ihr in den Kopf, und sie bi? sich wutend auf die Unterlippe.
Als Nylephta merkte, da? es nun ohnehin nichts mehr nutzte, die Affare geheimzuhalten, entschlo? sie sich, die Frage ihrer Schwester auf eine neue und hochst wirkungsvolle Art zu beantworten. Ich bin sicher, da? sie dazu inspiriert worden war aus Koketterie und dem Wunsch, das Gefuhl des Triumphes uber ihre Rivalin voll auszukosten.
Sie erhob sich von ihrem Thron und rauschte in der ganzen Pracht ihrer koniglichen Anmut zu dem Platz, an dem sich ihr Geliebter befand. Sie blieb vor ihm stehen und loste die goldene Schlange von ihrem Arm. Dann bat sie ihn, sich niederzuknien. Als nachstes nahm sie die goldene Schlange in beide Hande und legte ihm das weiche Metall sanft um den Hals. Als es fest sa?, ku?te sie ihn bedachtig auf die Stirn und nannte ihn ihren »geliebten Herrn«.
»Du siehst«, sagte sie, nachdem das aufgeregte Gemurmel der Zuschauer verebbt war, »ich habe meinen Kragen um den Hals des >Wolfes< gelegt und siehe! Er soll mein Wachhund sein. Das ist meine Antwort fur dich, meine Schwester, und fur die, welche in deinem Gefolge sind. Furchte dich nicht«, fuhr sie fort, indem sie ihren Geliebten sanft anlachelte und mit dem Finger auf die goldene Schlange deutete, die sie um seinen starken Hals geschlungen hatte. »Wenn mein Joch auch schwer ist, so ist es doch aus purem Golde, und es soll dich nicht peinigen.«
Dann wandte sie sich der Menge zu und verkundete mit klarer, stolzer Stimme: »Herrin der Nacht, Fursten, Priester und alle anderen, die ihr hier versammelt seid, horet, was ich euch zu sagen habe: Hiermit, mit diesem Zeichen, nehme ich den Fremden zum Manne, hier, vor euch allen. Ich bin eine Konigin; sollte ich nicht frei den Mann wahlen durfen, den ich lieben will? Sollte ich weniger Rechte haben als das einfachste Madchen aus meinen Provinzen? Nein! Er hat mein Herz gewonnen, und mit ihm meine Hand und meinen Thron und alles, was ich habe. Ja, und ware er ein Bettler gewesen und nicht der gro?e und schone Herr, der starker und schoner ist als jeder von euch, und der mehr Weisheit besitzt und Kenntnisse von fremdartigen Dingen, als jeder einzelne von euch, auch dann hatte ich ihm alles zu Fu?en gelegt. Um wieviel lieber jedoch gebe ich ihm erst alles, da er so ist, wie er ist!« Und dann nahm sie seine Hand und blickte ihn voller Stolz an. Und mutig stellte sie sich mit ihm an der Hand vor die Menge. So gro? waren der Liebreiz und die Kraft und die Wurde, die ihre Person ausstrahlte, und so bezaubernd schon sah sie aus, wie sie da Hand in Hand an der Seite ihres geliebten Mannes stand, seiner und ihrer selbst so sicher, und so bereit, alle Gefahren auf sich zu nehmen und alle Leiden fur ihn zu erdulden, da? die meisten von jenen, die Zeuge dieses Anblicks waren - und sicherlich wird keiner von jenen diesen Anblick jemals vergessen -, von dem Feuer, das aus ihren Augen leuchtete und von dem Liebreiz, der auf ihren geroteten Wangen loderte, ergriffen wurden und ihr frenetisch zujubelten. Es war ein kuhner Streich, zu dem sie da ausgeholt hatte, und er appellierte stark an das Gefuhl; aber die menschliche Natur ist nun einmal so beschaffen (und Zu-Vendis bildet da keine Ausnahme), da? sie die Kuhnheit liebt und den, der sich nicht scheut, althergebrachte Regeln zu brechen, und daruber hinaus reagiert sie besonders empfindlich im positiven Sinne, wenn man an den poetischen Bereich ihres Wesens ruhrt.
Und also jubelten die Menschen, da? der Palast in seinen Grundfesten zu zittern schien.
Und Sorais, die Herrin der Nacht, stand da mit gesenktem Blick, konnte sie es doch nicht ertragen, zusehen zu mussen, wie ihre Schwester in vollen Zugen den Triumph geno?, der sie des Mannes beraubte, den zu erringen sie gehofft hatte. Und in ihrer rasenden Eifersucht und ihrem lodernden Ha? zitterte sie wie Espenlaub, und ihr Gesicht wurde wei? wie eine Wand. Ich glaube, ich erwahnte schon einmal, da? sie mich an die See an einem ruhigen Tag erinnerte, an jenen Eindruck schlummernder Gewalt. Und nun war diese Kraft erwacht, und wie das Gesicht des wutenden Ozeans erfullte sie mich mit Furcht und faszinierte mich zugleich. Eine schone Frau in heiligem Zorn ist von jeher ein bezaubernder Anblick gewesen, doch solche Wut, gepaart mit solcher Schonheit, hatte ich nie zuvor gesehen, und ich kann nur sagen: die so entstandene Wirkung war in der Tat beider wurdig.
Sie hob ihr wei?es Gesicht, ihre Zahne waren zusammengebissen, und unter ihren gluhenden Augen waren purpurfarbene Ringe. Dreimal hub sie an zu sprechen, und dreimal versagte ihr die Stimme den Dienst; doch schlie?lich gelang es ihr, wieder Herr ihrer Stimme zu werden. Sie hob ihren silbernen Speer und schuttelte ihn, und das Licht blitzte an ihm und an den goldenen Schuppen ihres Harnisches auf.
»Und glaubst du, Nylephta«, sagte sie mit einer Stimme, die durch die gro?e Halle schmetterte wie ein Fanfarensto?, »glaubst du, da? ich, Sorais, eine der Koniginnen der Zu-Vendi, dulden werde, da? dieser hergelaufene Fremdling auf dem Throne meines Vaters sitzen wird und Mischlinge heranzieht, die eines Tages
