Hawkwood war zwar nicht unempfanglich fur die offen zur Schau gestellten Reize dieser Damen, doch die Arbeit kommt vor dem Vergnugen, ermahnte er sich. Meistens jedenfalls.
Zweimal im Verlauf des Abends hatte er in der Menge den Comte de Rochefort entdeckt. Einmal am anderen Ende des Saals, wo der Comte mit einem stattlichen Mann in Generalsuniform sprach. Und beim zweiten Mal hatte er einen Blick de Rocheforts aufgefangen, und der Ausdruck in dessen blauen Augen hatte ihn auf seltsame Weise beunruhigt. Ihre Blicke waren sich nur fur ein paar Sekunden begegnet, dann hatte der Comte den Kopf abgewandt.
Vor allem in den schmalen Gangen zu den Unterkunften war die Luft derart schwulwarm und druckend, dass Hawkwood Platzangst befiel. Um einen klaren Kopf zu bekommen, ging er die Hintertreppe hinunter und auf die Terrasse mit Blick uber den Green Park hinaus.
Eine von Efeu uberrankte Mauer trennte Haus und Garten von der weiten Grunflache, doch sie war derart geschickt hinter Baumen und Strauchern verborgen, dass man den Eindruck hatte, der Garten reiche uber seine tatsachlichen Grenzen hinaus und sei der Park eines weitlaufigen Landsitzes.
Die Familie Mandrake war immer in der Lage gewesen, sich das Beste von allem leisten zu konnen, auch hinsichtlich Architektur und Landschaftsgestaltung. Zur Freude des Betrachters war viel Sorgfalt fur die Anlage dieses Gartens aufgewendet worden: Rasenflachen und terrassenformig angelegte, von Rosen uberrankte Blumenbeete wurden durch Kieswege miteinander verbunden oder waren von hohen Hecken unterteilt. Kleine Waldchen und Lauben verbargen sich hinter den Hecken. Es gab mehrere Springbrunnen, und in einer Ecke konnte man sich sogar in einem Irrgarten verlaufen.
Damit die Gaste an diesem warmen Sommerabend auch die kuhle Nachtluft genie?en konnten, hatte Lord Mandrake zur Beleuchtung entlang der Kieswege Kohlebecken aufstellen und chinesische Laternen an die Aste hangen lassen.
Hawkwood ging die Terrassentreppe hinunter zur Ruckseite des Hauses. Dort blickte er auf seine Uhr. Es war kurz nach Mitternacht. Bisher hatte es keine besonderen Vorkommnisse gegeben, wofur Hawkwood dankbar war, denn die letzten Tage waren doch sehr anstrengend gewesen, und er freute sich auf sein Bett. Da fielen ihm die kecken Augen des Madchens im Korridor ein, und er musste lacheln.
In diesem Augenblick riss ihn das Gerausch eiliger Schritte aus seinen Gedanken. Im Licht eines Kohlebeckens sah er einen Lakai uber den Rasen auf sich zueilen. Als der Mann Hawkwood sah, blieb er abrupt stehen und berichtete au?er Atem: »Officer Hawkwood? Da hinten gibt’s Arger. Ein paar junge Gentlemen, Lord Mandrakes Gaste …« Ein gequalter Ausdruck huschte uber das Gesicht des Dienstboten, ehe er hinzufugte: »Sie sind betrunken. Und bei ihnen ist eine junge Lady … Bitte, kommen Sie schnell …«
Hawkwood stohnte innerlich und dachte: Das hat mir gerade noch gefehlt! »Ja, gut. Wo sind die Kerle?«
Der Lakai drehte sich um und deutete mit zitternder Hand in den Garten. »Beim Pavillon. Ich furchte um die Ehre der Lady … ich …«
Hawkwood seufzte. »Bring mich hin.«
Nach etwa funfzig Schritten bemerkte Hawkwood aus den Augenwinkeln eine Bewegung rechts unter den Baumen. Er sah nur einen dunklen Schatten, der sofort wieder mit der Dunkelheit verschmolz. Oder war es nur eine Sinnestauschung?, uberlegte er. Haben mir meine Augen einen Streich gespielt? Plotzlich war die Nacht unnaturlich still. Einem Instinkt folgend drehte er sich um. Der Lakai war verschwunden.
Da horte er am Boden einen Zweig knacken. Jemand entfernte sich unter dem dichten Laubwerk der Baume. Hawkwood konnte nicht erkennen, ob die Person ein Mann oder eine Frau war. Vielleicht der Lakai? Er wollte gerade rufen, als er prustendes Gelachter und einen verzweifelten Aufschrei in einiger Entfernung horte.
Schnell ging er darauf zu und stand plotzlich vor einer mit Gei?blatt uberrankten Pergola. Schwer hing der Duft der Bluten in der Nachtluft. Durch eine Lucke im Spalier sah er dahinter eine Lichtung und die Umrisse einer kleinen wei? gestrichenen Laube.
Er ging am Spalier vorbei und trat auf die Lichtung. Jetzt konnte er den Pavillon, ein rechteckiges, von einer Veranda umgebenes Gebaude mit flach abfallendem Dach, deutlich erkennen. An Haken in den Stutzbalken hingen mehrere Laternen.
Hawkwood konnte nur einen fluchtigen Blick auf den Pavillon werfen, denn plotzlich flog eine schlanke Gestalt aus den Schatten formlich auf ihn zu. Vage vernahm er noch ein Paar dunkle Augen, ein ovales Gesicht unter einer Krone von rabenschwarzem Haar, hob abwehrend die Hande – doch zu spat. Schon hatte sich die Frau in seine Arme geworfen.
Wenn ich bedenke, wie mich die Witwe Gant an ihren Busen gedruckt und mir ihrem stinkenden Atem ins Gesicht geblasen hat, so ist dies hier ein weitaus angenehmeres Gefuhl, dachte Hawkwood unwillkurlich. Er hatte Muhe, das Gleichgewicht wiederzugewinnen, loste sich aus der Umarmung und schob die Lady etwas von sich. In diesem Augenblick sah er den Grund fur ihre panikartige Flucht.
Ein Blick genugte, um diese Sorte Manner an ihren seidenen Kniehosen und Schnallenschuhen zu erkennen: Aristokratensohne, jung und gut aussehend. Beim Militar war er vielen dieser Typen begegnet. Im Offizierskorps wimmelte es von diesen eitlen, arroganten jungen Mannern, die ihren Rang nur dem Namen ihrer Familien und dem Vermogen ihrer Vater zu verdanken hatten. Fur diese Gecken war der Wehrdienst nichts als ein Spiel, fur die unteren Range hatten sie nur Verachtung ubrig, und Beforderungen betrachteten sie als ein rechtma?iges Privileg, in dem irrtumlichen Glauben, die Welt schulde ihnen diese Bevorzugung. Und im zivilen Leben benahmen sie sich nicht anders.
Von den drei jungen Mannern war der Rechte offensichtlich betrunken. Auch wenn er keine Flasche in der Hand gehabt hatte, ware Hawkwood das sofort an seinen glasigen Augen und seinem einfaltigen Grinsen aufgefallen. Die beiden anderen wirkten weniger beschwipst, hatten jedoch ihrem Benehmen nach ebenfalls reichlich Lord Mandrakes Weinen zugesprochen.
Der mit der Flasche brach schlie?lich das Schweigen. »Sag mal, Ruthers, alter Junge, haben wir etwa Gesellschaft bekommen? Ein verdammter Dienstbote, niedriger geht’s wohl nicht! Bist wohl ein Spanner, wie? Na los, verpiss dich! Sonst trete ich dir in den Arsch!« Die bauchige Weinflasche schwenkend, taumelte er nach vorn.
Hawkwood blieb schweigend stehen. Er merkte, dass die junge Frau jetzt an seiner Seite stand und seinen Arm umklammert hielt, als suchte sie physischen Schutz. Er fragte sich kurz, warum sie ohne Begleitung im Garten war, und musste an die Gestalt denken, die zwischen den Baumen verschwunden war. Wer auch immer der Fluchtende gewesen sein mochte, war von den drei jungen Mannern vielleicht vertrieben worden, oder er wollte Hilfe holen. Doch welcher Mann wurde in einer derartigen Situation eine Frau mit diesen drei Trunkenbolden allein lassen?
»Ich glaube, der Kerl hat dich nicht gehort, Giles!«, sagte der Linke mit dem pausbackigen Gesicht und der kurzbeinigen, gedrungenen Statur. »Er ist offensichtlich taub und blod dazu!«
Dann hielt er seine Hande trichterformig vor den Mund und rief: »Hast du nicht gehort, Mann? Er hat gesagt, du sollst dich verpissen!« Lachend sah er seine Freunde um Beifall heischend an.
Hawkwood schenkte den dreien keine Beachtung, sondern fragte die junge Dame: »Sind Sie verletzt?«
Die Lady schuttelte nur schweigend den Kopf. Wie schon sie ist, dachte Hawkwood bewundernd. Noch nie habe ich derart ausdrucksvolle dunkle Augen gesehen. Im Haar trug sie eine Perlenschnur, die im Schein der Laterne schimmerte. Ihr Busen bebte unter dem feinen Musselingewebe ihres Kleides. Nur widerstrebend wandte Hawkwood den Blick ab.
Sein Instinkt sagte ihm, dass der mittlere der drei der Wortfuhrer war. Er schatzte den jungen Mann mit den scharfen Gesichtszugen und dem schmalen Mund auf Anfang zwanzig. Er war es zweifelsohne gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Mit einem Ausdruck au?erster Verargerung musterte er jetzt Hawkwood und sagte barsch: »Nun?«
»Nun, was?«, erwiderte Hawkwood gelassen. »Offensichtlich ist die junge Lady Ihrer Gesellschaft uberdrussig geworden. Ich schlage vor, Sie und Ihre Freunde suchen woanders Ihr Vergnugen.«
Dann herrschte absolute Stille. Nur vom Herrenhaus her drang gedampft durch die Baume und Straucher leise Musik, Stimmengewirr und frohliches Gelachter.
»
»Sollte ich mich unverstandlich ausgedruckt haben?«, sagte Hawkwood.
»Wei?t du uberhaupt, wer ich bin?«, konterte der Schnosel herrisch.