Die Florida Keys.
Der Wecker schrillte, und sie brachte ihn mit einem Schlag ihrer Hand zum Verstummen, schaltete zugleich das System aus und schnappte reflexartig nach dem Waschlappen, um sich das Gesicht abzutrocknen.
Sie warf den gebrauchten Waschlappen in den Korb und trug ihn in die Kuche, streckte der leeren Kaffeemaschine, die sie am Vorabend einzuschalten vergessen hatte, die Zunge heraus und druckte im Vorbeihasten mit dem Ellbogen den Einschalteknopf. Dann, vor der Kuchentur, klappte sie den Deckel der Waschmaschine auf, warf die Kleider hinein und dazu ein Packchen duftfreien Stoffpfleger, ehe sie den Deckel wieder zuklappte. Die Maschine registrierte das zusatzliche Gewicht, analysierte den Inhalt, und dann konnte sie horen, wie sie sich fullte, wahrend sie die Tur wieder hinter sich schloss.
Sie wuhlte im Kuhlschrank herum, bis sie einen Riegel Schoko-Kasekuchen als Fruhstuck fand, schaltete die Nachrichten ein und warf wieder einen finsteren Blick auf die Kaffeemaschine, die
»Ah, endlich.« Sie schnappte sich ihre Tasse und fullte sie mit Kaffee, tat einen Wurfel Zucker dazu und sah sich das Wetter und die Berichte uber Wilde an, ehe sie sich anziehen ging.
Im Schlafzimmer schlupfte sie in einen roten Bikini und ein T-Shirt und Jeans daruber, schlupfte in ein altes Paar Sneakers, stopfte saubere Unterwasche und ein Handtuch in einen ziemlich ramponierten khakifarbenen Rucksack und band sich das Haar zu einem Pferdeschwanz. Sie wuhlte in den vielen Geldborsen in der untersten Schublade, bis sie eine khakifarbene mit Klettverschluss fand, in der ein sehr aufrichtiger Ausweis und Kreditkarten auf den Namen von Cally Neilsen steckten. Die Geldborse war ein wenig altmodisch. Es war eine von denen, die sie nur ganz selten benutzte und die daher kaum strapaziert wurde — und daher auch nur ganz selten ersetzt werden musste. Samtliche Brieftaschen zeigten kunstvolle Gebrauchsspuren. Diese hier hatte sich die ihren auf die altmodische Tour erworben, obwohl der Inhalt ebenso haufig auf den neuesten Stand gebracht werden musste wie die anderen, um auf dem Laufenden zu bleiben, nur der Familienname hatte sich, wie das auch bei den anderen der Fall war, im Laufe der Zeit mehrmals geandert. Zum Gluck waren die Darhel ebenso wenig wie die Bane Sidhe daran interessiert, dass die Computeridentifikationsprozeduren in den USA wirklich sicher waren.
Wahrend sie dabei war, den Colt.45 und drei Zusatzmagazine im Wagen zu verstauen, wunschte sie sich, sie hatte fur ihr Picknick mehr als blo? eine kleine Kuhlbox mit Bier besorgt. Klar, sie hatte ihren Notvorrat — sie verlie? den Wall nie, ohne ihn mitzunehmen -, aber dabei handelte es sich nicht gerade um die Art von Erfrischungen, die einem Appetit machten. Ihre Augen hellten sich auf, als sie Justines Beutel mit Kasekringeln entdeckte. Genau das Richtige. Wendys Kinder wurden ihre Freude daran haben.
Sie fuhr zur Ausfahrt James River, einmal, weil sie nahe lag, zum andern aber auch, weil man weniger Muhe hatte, durch das schlichte Schiebetor aus massivem Stahl und dann uber die sich daran anschlie?ende Zugbrucke zu kommen. An einigen der anderen Tore waren die Wachen manchmal richtig eklig. Sie brauchte blo? ein paar Minuten, um den Checkpoint zu passieren. Die.45 und drei Ersatzmagazine sowie ihre Bestatigung vom Schie?platz reichten aus, um sie von der stadtischen Konvoivorschrift und der entsprechenden Gebuhr zu befreien. Selbst in der Nachkriegswelt konnten Haftungsfragen recht lastig sein. Die Stadtbehorden von Charleston, gewahlt von einer uberwiegend aus Sudstaatlern bestehenden Bevolkerung, die aus den Urbs zuruckgekehrt war, sowie der ortlichen Miliz und den Kadetten von Fleet Strike, hatten sich fur eine echte Sudstaatenlosung entschieden. Da Touristen aus den Urbs im Allgemeinen von vorne herein mutiger
Die Stra?e nordlich des vom Wall umgebenen Teils von Folly war nicht so gepflegt wie die Stra?e zu dem vom Wall geschutzten stadtischen Strand, aber sie war wenigstens nicht so schlimm, wie man nach Jahrzehnten offentlicher Vernachlassigung und zwei ausgewachsenen Hurrikanen hatte glauben konnen. Besonders unternehmungslustige Burger Charlestons, die den nicht vom Wall geschutzten Teil des Strandes benutzten, hatten sich angewohnt, im Kofferraum eimerweise gereinigte Muscheln als eine Art inoffiziellen Wegzoll fur den Gebrauch am Strand mitzubringen. Die Kadetten der Zitadelle machten ein paarmal im Jahr Strandpicknicks, und dabei herrschte die inoffizielle Tradition, dass man dicke Bleche sowie Vorschlaghammer mitbrachte und improvisierte Wettbewerbe abhielt, um festzustellen, wer die meisten Muschelschalen pulverisieren konnte (den augenblicklichen Rekord hielt die Golf-Kompanie mit dreiundzwanzig Eimern). Mit den so produzierten Uberresten fullten die Kadetten sorgfaltig alle gro?eren Sprunge und Schlaglocher, sodass die Stra?e im Lauf der Zeit fur den lokalen Verkehr einigerma?en brauchbar geworden war, auch wenn sie nicht so glatt und dauerhaft wie Asphalt war.
Sie bog in den Parkplatz ein, uberprufte ihr Halfter, ging an den Kofferraum, schleppte zwei gro?e Eimer gesauberte Muscheln zu den Stahlbehaltern und kippte sie hinein. Zum Gluck betrachteten selbst wilde Posleen leere Muschel- und Austernschalen nicht als essbar. Sie war ein paar Minuten zu fruh dran, und der Strand war noch leer, wie das an Wochentagen haufig der Fall war, und deshalb fing sie an, die normalen Vorkehrungen zu treffen und an den am Rand des Parkplatzes aufgestellten Fahnenstangen ein paar tragbare Postie-Alarme hochzujagen. Im Notfall konnte man sie auch auf das Wagendach oder einen Felsbrocken legen, aber um genugend Warnzeit zu bekommen, war es besser, sie etwas hoher anzuordnen. Ihren PDA schaltete sie so, dass er die individuell programmierbaren Alarmfrequenzen abhorte, und gab die Sensorpositionen auf dem Bildschirm ein. Wenn jetzt ein Wilder auftauchte, wurde sie nicht nur alarmiert werden, sondern auch gleich seine Position haben.
»Sag mir bitte, dass du mehr als diese lappische.45 mitgebracht hast und nicht etwa vorhast,
»Buckley, registrierst du die Anwesenheit eines einzigen wilden Posleen?«
»Nein, die haben sich diesmal recht gut versteckt. Wenn du willst, kann ich Verstarkung anfordern. Wird uns zwar nichts nutzen, aber wenn du willst …« Der Buckley redete nicht weiter.
»Rufe niemanden, Buckley«, befahl sie.
»Gute Idee. Gibt ja schlie?lich keinen Grund, dass die auch alle sterben sollten«, sagte der Buckley.
»Halt die Klappe.«
»Geht in Ordnung.«
Nachdem das erledigt war, konnte sie sich darum kummern, die Kuhlbox und ihre Tasche zum Strand hinunter zu tragen, Jeans und Hemd auszuziehen, eine Dose Bier zu knacken und sich damit zu amusieren, den Mowen ein paar Kasekringel hinzuwerfen. Dann tauchten Shari, Wendy und die Kinder auf. Alle kamen sie
