»Ist
Naturlich folgte er ihr nach drau?en.
»Wirklich schade, dass du gehen musst. Wir hatten doch solchen Spa? zusammen. Was ist, darf ich dich zu deinem Wagen bringen, oder so?«
»Ich bin mit dem Zug da.«
Seine Gesichtszuge entgleisten ihm leicht, hellten sich aber schnell wieder auf. »Das ist auf der anderen Stra?enseite. Ich komme mit. Ein hubsches Madchen wie du sollte nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein an einem Stutzpunktort sein. Besonders am Wochenende. Ich meine, ich hoffe, dass dich niemand belastigen wurde, aber du wei?t ja, Matrosen …« Er verstummte, ging neben ihr bis zur Kreuzung und sah sich nach beiden Seiten um, ob die Stra?e frei war.
Auf dem Parkplatz des Bahnhofs gab es ein paar dunkle Stellen, wo eine Lampe ausgebrannt und nicht ersetzt worden war, darunter auch eine bei einem kleinen Gebusch. Sie warf ihm einen prufenden Blick zu, als sie daran vorbeikamen, nahm seine Hand und zog ihn in den Schatten.
Eine Weile spater kamen sie wieder heraus und setzten den kurzen Weg zum Zug fort. Sein Arm lag jetzt uber ihrer Schulter, und er kusste sanft ihr Haar, bemuhte sich, die kurze Strecke Weges moglichst in die Lange zu ziehen.
Cally konzentrierte sich ganz darauf, normal zu gehen.
»Wenn ich, ah … deine Telefonnummer hatte, konnte ich, ah … du wei?t schon, in Verbindung bleiben«, erbot er sich mit einem hoffnungsvollen, albernen Lacheln.
»Gern, hast du einen Stift?« Sie rasselte eine Nummer herunter, die der Vorwahl nach aus Chicago stammen konnte, und kusste ihn leidenschaftlich, ehe sie ihre Marke in den Schlitz schob und durch das Drehkreuz ging. Als sie eine passende Stelle auf dem nur schwach besetzten Bahnsteig suchte, konnte sie das Kreischen der Bremsen eines ankommenden Zugs horen. Der Zug hielt rasselnd an, und als die Turen aufgingen, stieg sie ein und fand einen Sitzplatz. Sie sah sich nicht um.
Um drei Uhr morgens hinauszufahren, um sich einen Download von ihren Kameras zu holen, machte nicht gerade Spa?. Zu wissen, dass sie gerade nahe genug heranfahren musste, um den Download auf Sichtweite vorzunehmen, dann zum Hotel zuruckzukehren und dort zu Bett zu gehen, machte es nicht leichter. Das lohnte nicht einmal eine Tasse Kaffee aus einem Schnellimbiss. Etwa eineinhalb Stunden, nachdem sie ihr Zimmer verlassen hatte, kroch sie ins Bett zuruck und walzte sich dann gute zwei Stunden auf dem zu weichen Kopfkissen und der durchgelegenen Matratze herum, ehe sie schlie?lich wieder einschlief.
Als sie am fruhen Nachmittag aus dem Bett taumelte, hatte sie einen Geschmack im Mund, der sie an Klebstoff und den Inhalt eines Aschenbechers erinnerte. Nach einer Dusche und Kaffee aus der Kaffeemaschine in ihrem Zimmer holte sie einen Beutel Studentenfutter aus dem Koffer und mampfte das Zeug, wahrend sie die Kameraausbeute mit ein paar Suchfiltern auf Szenen einkurzte, auf denen Menschen oder fahrende Fahrzeuge zu sehen waren. Das Ergebnis sah sie sich auf dem Fernseher in ihrem Zimmer an und gab unterdessen eine Mustergrafik auf ihrem PDA ein. Unglucklicherweise war das System zu lange eingeschaltet gewesen und sturzte deshalb ab. Sie fand irgendwo eine Buroklammer und bog sie auf, um an den Resetknopf zu kommen, schnitt dem schreienden Gesicht auf dem Bildschirm eine Grimasse, als das System bootete, und wartete dann ungeduldig, wahrend das Gesicht erstarrte und nach einer Weile verschlafen die Augen aufschlug. »Guten Morgen … okay, dann eben schonen Nachmittag … ich bin dein Buckley, und ich wei? jetzt schon, dass das ein schlimmes Ende nehmen wird.«
»Okay, Buckley, Stimmzugang abschalten.«
»Was? Dann bin ich doch stumm! Du wurdest mir doch das nicht antun, oder?«
»Buckley, Stimmzugang abschalten.«
»Ich sehe schon, du verstehst keinen Spa?. Pfft!« Das Gesicht verabschiedete sich mit einem unflatigen Gerausch von ihr, ehe es verstummte und in die Leiste unten am Bildschirm einschrumpfte. »Okay, ganz wie du willst, lasst dir ja doch nichts einreden. Was nun?«
Sie kritzelte in das Eingabefeld und sah, wie ihre Befehle unter der Bildschirmausgabe des PDA auftauchten. »Gesichtssimulation abstellen.«
»Yeah, na ja, bist ja selbst auch nicht so hubsch«, huschte es uber den Bildschirm, sichtlich verargert, zuckte dann aber ganz oben auf den leeren Bildschirm.
»KI-Emulation auf Level zwei einstellen.«
»Was? Hor zu, du Schlampe, als ob ich nicht schon genug Arger hatte! Zuerst hangst du mir einen Maulkorb um, dann knallst du mir die Tur vor der Nase zu und dann noch eine Lobotomie … bereit zur Befehlseingabe.«
Sie tippte den Okay-Button und rief dann wieder das Video auf, um es uber die improvisierte Labelverbindung auf den Fernseher zu ubertragen, schob es dann in den Hintergrund, rief ihr Musterprogramm auf und seufzte. »Ich hasse Booten.«
»Du hasst Booten!«, scrollte es unten uber den Bildschirm.
»Klappe halten, Buckley.« Sie griff sich wieder eine Hand voll Studentenfutter und fuhr fort, die Leerstellen auszufullen. Die simulierte Personlichkeit wurde Tage brauchen, bis sie wieder schlafen konnte.
In gewisser Weise waren die Samstagsdaten der Kamera nicht sonderlich nutzlich, da die Leute am Wochenende gewohnlich ihre Verhaltensmuster grundlich andern. Trotzdem musste es sein. Ihre Zimmerkollegin auf der Schule hatte eine Ubung geschmissen, blo? weil sie bei ihrer Uberwachungsaufgabe nicht aufgepasst und deshalb nicht bemerkt hatte, dass die Zielperson einen Hausgast hatte. Die achtzigjahrige, blauhaarige Mutter der Zielperson war plotzlich ins Zimmer geplatzt, als sie gerade damit beschaftigt war, einen Haufen schmutziger Unterwasche und Socken zu durchwuhlen, und hatte sie anschlie?end die Treppe hinunter und nach drau?en geprugelt und ihr dabei lautstark eine Predigt uber verkommene Schlampen gehalten. Bei der Abschlussbesprechung hatte sie dann erfahren, dass die Mutter eine verjungte Agentin mit einem kosmetischen Alterungspaket gewesen war, was die ungewohnliche Lebhaftigkeit der alten Dame erklarte. Cally sah immer noch Cheryls entsetzten Gesichtsausdruck auf dem Bildschirm der Uberwachungskamera, als sie aus dem Haus geflohen war und mit beiden Handen versucht hatte, die Stockschlage der alten Dame abzuwehren.
Die Lektion hatte sie sich gemerkt.
Diese Videos hier zeigten einen au?erst beruhigenden Mangel an Uberraschungen, und als sie zum Mittagessen ging, fuhlte sie sich einigerma?en sicher, dass diese Solooperation recht glatt ablief.
Den Rest des Sonntags gab sie sich alle Muhe, nicht zu sehr unter den Nachteilen jeglicher Art von Uberwachungstatigkeit zu leiden — namlich der Langeweile. Glucklicherweise hatten ihr die Kameras so viel Arbeit abgenommen, dass sie wesentlich mehr Freiheiten hatte, als das in der Zeit vor dem Krieg der Fall gewesen ware. Sie sah sich einen Film an und verbrachte einige Stunden in einem Fitnessstudio mit Hip-Hop.
Nach dem Abendessen legte sie sich schlafen. Es gab eine Unzahl chemischer Ersatzmoglichkeiten fur Schlaf, und fur einige davon war sie nicht einmal immun, aber keine davon war so wirksam wie das einzig Wahre. Morgen wurde es ein langer Tag werden.
Um vier Uhr morgens kampfte sie immer noch mit der Mudigkeit, als die erste Krise des Tages einsetzte und
