infrage. Keine Ahnung, wo die zuerst nachsehen wurden. Sie biss sich auf die Lippen, als sie zur Tur des ersten Gastezimmers rannte und ware fast hineingehuscht, blieb aber dann wie angewurzelt auf der Schwelle stehen und starrte entsetzt auf den Staub, der das Parkett bedeckte und der jeden ihrer Schritte verraten wurde. Sie konnte das schwache Piepsen des Schlosses an der Hintertur im Erdgeschoss horen und eilte ins Schlafzimmer zuruck. Nicht den begehbaren Kleiderschrank — das war eine todliche Falle. Und niemals ein Badezimmer. Schritte auf der Treppe. Sie verwunschte den elitaren Geschmack der Frau, der dazu gefuhrt hatte, dass es keine Mobel gab, hinter denen man sich verstecken konnte, und zwangte sich unter das Bett, griff unter ihr Hemd und presste sich das Packchen mit dem Isolierband wieder an den Bauch.
Sie fuhr fort, sich lautlos zu verwunschen, und gab sich dabei alle Muhe, nicht niesen zu mussen. Unglucklicherweise musste die Frau der Zielperson im Wagen etwas Parfum aufgelegt haben. Eine Wolke von dem Zeug schwebte mit ihr ins Zimmer, und Cally spurte, wie ihre Augen zu tranen begannen. Jetzt bewegten sich die hohen Absatze zu dem begehbaren Schrank. Die Turen wurden geoffnet. Ein Kleiderbugel klapperte, dann fiel etwas Weiches auf das Bett. Die Frau klick-klackte ins Bad, dann wurde Wasser eingelassen. Anscheinend fullte sie das Waschbecken. Cally riskierte es, sich ganz leise zu rauspern. Das Wassergerausch verstummte. Jetzt wieder die klickenden Absatze, bis sie neben dem Bett stehen blieben. Cally konzentrierte sich darauf, ganz langsam und gleichma?ig und moglichst lautlos zu atmen. Die Versuchung, in solchen Fallen den Atem anzuhalten, war immer gro?, aber das war keine gute Idee. Am Ende musste man dann doch Luft holen, und das war dann lauter als gleichma?ig langsamer Atem.
Gerade setzte die Frau sich wieder in Bewegung; und Cally lauschte, wie die Schlafzimmertur geschlossen wurde, und unterdruckte ein erleichtertes Aufseufzen, als das Absatzklappern sich uber den Flur entfernte, leiser wurde und schlie?lich die Treppe hinunter verklang. Jetzt atmete sie ein wenig leichter, als die hintere Tur sich schloss, bewegte sich aber erst wieder, als sie horte, wie der Wagen drau?en auf der Einfahrt anfuhr. Sie rutschte unter dem Bett heraus, aber noch ehe sie sich aufrichtete, zog sie ihren PDA aus der Tasche und druckte die Knopfe, um den KI-Simulator und den Stimmzugang zu aktivieren.
»Alles im Eimer, oder?«, fragte der Buckley murrisch.
»Buckley, beobachte die Kameras auf den Stra?en der Umgebung nach den beiden Autos, die zu diesem Haus gehoren.« Jetzt richtete sie sich auf und ging zur Tur, um ein
»Ich sehe eines.«
Sie knallte die Tur zu und war halb unter dem Bett, ehe sie sich ganz beruhigt hatte. »Buckley, kam es auf uns zu oder hat es sich von uns entfernt?«
»Hat wer was?«
»Das Auto, das du gerade gesehen hast.«
»Welches Auto?«
Die Knochel der Hand, die den PDA hielten, wurden wei?. »Das Auto, das zu diesem Haus gehort, von dem du gesagt hast, dass du es gesehen hast.«
»Oh, das. Das ist jetzt weg.« Die Stimme klang fast vergnugt.
Sie richtete sich langsam und bedachtig auf, so als furchte sie sich davor, was sie tun konnte, falls sie auch nur einen Augenblick lang die Kontrolle uber sich verlor, und ging zur Tur, uber den Flur die Treppe hinunter; unten sah sie ins Esszimmer. Da. Der Sessel mit der hohen Lehne am Piano wurde ihr Deckung bieten. Wahrscheinlich staubig, aber wenn sie ihn benutzen musste, konnte sie die ganze Flache hinter dem Sessel sauber wischen, dann wurde niemand etwas bemerken. Ausgezeichnet. Sie uberlegte grundlich, ehe sie redete.
»Buckley, wenn irgendjemand au?er dir und mir dieses Haus betritt, solange wir hier drinnen sind, wirst du keinen Laut von dir geben, angefangen bei dem Augenblick, wo er, sie, es das Haus betritt, bis mindestens eine volle Minute, nachdem er, sie, es wieder gegangen ist. Ist das klar?«
»Schlie?t das den Wurfelleser im Arbeitszimmer mit ein?«
Sie verdrehte die Augen. »Nein.«
»Und was ist mit dem Schloss und der Mikrowelle?«
»Nein!«
»Und mit dem AID auf dem Beistelltisch dort druben?«
Sie fuhr herum, ihre Augen weiteten sich erschreckt, und dann stie? sie eine Verwunschung aus.
»War blo? ein Witz.«
»Buckley! Halt die Klappe. Sofern du nicht wieder einen Wagen siehst, der zu diesem Haus gehort, haltst du einfach die Klappe.« Sie biss sich auf die Lippen und gab sich alle Muhe, die Treppe nach oben nicht hinaufzurasen, sondern ging langsam und mit gemessenen Schritten. Im Bad schwamm eine Seidenbluse mit einem Kaffeeflecken im Waschbecken, der allmahlich in der Seifenlosung verblasste.
Sie warf einen Blick in den Spiegel, pickte sich angewidert ein paar Flusen aus dem Haar und spulte sie die Toilette hinunter.
Es dauerte nur ein paar Augenblicke, das Packchen mit dem kleinen Beutel voll wei?em Pulver, dazu einen Loffel, ein kleines Flaschchen Ather und eine Nadel herauszuholen, eine winzige Menge Koks auf den Boden fallen zu lassen und dann das Packchen mit frischem Isolierband hinten an der Unterseite des Waschbeckens zu befestigen. Sanft blies sie auf die winzige Menge von dem wei?en Zeug, um es zu verteilen. Jetzt konnte man nichts mehr sehen, aber der Hund wurde es mit Sicherheit riechen. Und sobald die toxikologischen Tests der Leiche da waren, wurden sie einen Hund einsetzen.
Als sie gerade im Begriff war, die hintere Tur zu offnen und hinauszugehen, hielt sie inne. »Buckley, Stimmzugang abschalten.«
»Aber dann kann ich ja nicht einmal um Hilfe schreien, wenn alles hochgeht!«
»Buckley, Stimmzugang abschalten.«
»Hab mir’s gleich gedacht.« Der PDA gab ein ubertrieben langes, leidvolles Seufzen von sich und verstummte.
Cally klinkte sich in die Kommandoleitung ein und nahm einen Reset der KI-Emulation vor. Buckleys brachten nicht die beste Leistung, wenn man die Emulation zu hoch schaltete; sie lie?en sich dann zu viele Grunde einfallen, um in Panik zu geraten. Gleich darauf streifte sie die Handschuhe ab und stopfte sie unter ihren schwarzen Sport- BH, den das zu weite T-Shirt verdeckte, und atmete tief durch.
Als sie um das Haus herumging, unterdruckte sie eine Verwunschung. Sie war gesehen worden! Von einem kleinen, blonden Jungen von etwa vier Jahren, der ganz ruhig bemuht war, einen sehr geduldig aussehenden Golden Retriever an einen kleinen, grunen Wagen zu binden. Der Junge betrachtete sie ernst und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Schsch …« Ein etwas gequaltes Kichern unterdruckend, legte Cally ebenfalls einen Finger auf die Lippen, ging die Einfahrt zur Stra?e hinunter und joggte dann um den Block herum zu ihrem Wagen. Sie sah sich nicht um. So wie sich das anlie?, war dies nicht gerade ihr Tag.
Nachdem sie drei verschiedene Geschafte aufgesucht hatte, verfugte sie uber mehrere Paar Strumpfhosen, Kabelbinder und ein Packchen billige Stofftaschentucher. Dann suchte sie eine Mall in der Nahe des Apartments der Freundin auf und machte dort bis zum Mittagessen einen Schaufensterbummel. Das war einer der Aspekte ihres Jobs, an den man sich nie gewohnte. Sie hatte das zumindest bis jetzt nicht geschafft. Stunden um Stunden hektischer Hast, dann wieder Warten und dazwischen kurze Perioden hektischer Adrenalinsto?e. Ihr Korper reagierte naturlich atypisch auf Adrenalin, ganz so, wie das bei den anderen Kolleginnen und Kollegen in der Sonderklasse ihrer Schule auch der Fall gewesen war. Wenn nicht zu Anfang, dann ganz sicherlich nach der
