Ausbildung und wei? Gott was fur Manipulationen. Adrenalin loste eine Art Zeitdehnung aus, steigerte die Konzentration und stumpfte einen emotional ab. Aber Cally hatte Grund zu der Annahme, dass ihre eigene atypische Adrenalinreaktion etwas ganz Naturliches war, einfach weil sie sie schon Jahre vor der Schule gehabt hatte. Das war moglicherweise ein Familienerbstuck.

Aber gegen Langweile half das uberhaupt nicht. Jeder Agent hatte eigene Methoden, um damit klarzukommen. Einige von ihnen lasen. Andere spielten Spiele auf ihren PDAs. Einige sammelten die kompliziertesten Kreuzwortratsel, die sie in die Finger bekommen konnten. Und Cally ging zum Shoppen. Oh, naturlich nicht, wenn es strategisch von Vorteil war, unterzutauchen. Sie hatte fur alle Falle eine riesige Sammlung von bunten Katalogen. Aber hauptsachlich beobachtete sie die Leute, probierte Kleider oder Schuhe an und lie? sich die neuesten technischen Spielsachen erklaren. Jemand hatte ihr einmal erklart, dass dies eine Reaktion auf die Entbehrungen ihrer Kindheit war. Sie selbst war freilich der Ansicht, dass die Gehirnklempner totalen Blodsinn verzapften. Fur eine junge, attraktive Frau gab es einfach keinen anonymeren und unauffalligeren Ort als eine Mall. Im Lauf einer Stunde wurde sie bestimmt von mindestens hundert Leuten gesehen, aber niemand wurde sich an sie erinnern. Sie achtete darauf, nie so viel zu kaufen, dass die Verkauferin eine nennenswerte Provision bekam, reagierte nie auf Augenkontakt mit irgendwelchen mannlichen Wesen, reagierte praktisch uberhaupt nicht, abgesehen von einem vollig unpersonlichen, beilaufigen Lacheln. Ebenso gut hatte sie unsichtbar sein konnen, und indem sie von Geschaft zu Geschaft ging, wurde sie ein wenig von ihrer Nervositat los und konnte ihre Energie umsetzen. Und au?erdem fand sie manchmal wirklich gute Schnappchen. Heute war das eine wirklich hubsche Bluse mit viereckigem Ausschnitt im Sonderangebot. Sie war blau und wurde klasse zu den sandfarbenen Slacks und dem Blazer passen, die sie heute Abend tragen wollte. Die Bluse war deshalb reduziert, weil sie am Rucken ein kleines Loch hatte, das man gleich sehen wurde, wenn sie den Blazer auszog. Aber das war ideal, weil sie sie ohnehin nur einmal tragen wurde.

Mitten am Nachmittag war die kleine Toilette leer genug, dass sie sich dort umziehen und Make-up auflegen konnte, ohne sonderlich Aufmerksamkeit zu erregen. Dank der Dauerwelle brauchte sie ihre Locken nur kurz auszubursten.

Kurz vor vier hielt sie auf einem Parkplatz vor einem Laden in der Nahe der Wohnanlage an. Sie tippte auf die Knopfe, um den KI-Simulator zu wecken. »Hey, Buckley.«

»Jetzt geht alles in die Bruche, oder?«

»Nein, Buckley. Ich mochte blo?, dass du die drei wahrscheinlichsten Routen vom Fleet Strike Tower zu dem Apartmentgebaude an der Lucky Avenue Nr. 2256, die auf den Verhaltensmustern der Zielperson basieren, ausarbeitest.«

»Das ist alles, was du kannst? Geht nicht.«

»Was soll das hei?en, geht nicht? Buckley, du arbeitest jetzt die Routen aus, okay?«

»Sorry, geht nicht.«

»Buckley, ich bin jetzt wirklich nicht fur so etwas in der Stimmung.«

»Um meine Stimmung kummert sich nie einer. Da stehen wir jetzt, unser Einsatz fliegt uns gleich um die Ohren, und ohne Zweifel werden wir gleich von den Posleen uberrannt oder jemand wirft ein Nuke auf uns oder ein K-Dek fallt uns auf den Kopf oder ein Gebaude bricht …«

»Jetzt reicht’s, Buckley.« Sie ballte verargert die Fauste. »Warum kannst du keine wahrscheinliche Route fur das Subjekt vom Tower zum Apartmentgebaude ausarbeiten?«

»Wer hat denn gesagt, dass ich das nicht kann? Ich habe nie gesagt, dass ich das nicht kann.« Das klang unertraglich selbstgefallig.

Sie zahlte ganz langsam bis zehn. »Buckley, bestimme die wahrscheinlichste Route vom Tower zum Apartmentgebaude, basierend auf den Bewegungsmustern der Zielperson. Auf dem Bildschirm anzeigen.«

»Okay.« Ein Teil des Stadtplans von Chicago mit einer rot markierten Route erschien auf dem Bildschirm. Sie sah wie die aus, an die sie sich vom Freitag erinnerte, aber sie wollte sichergehen.

»So, und jetzt fuge dieser Route, ohne sie zu loschen, die zweitwahrscheinlichste Route fur die Zielperson vom Tower zu dem Apartmentgebaude hinzu.«

»Warum hangt man mir immer die Idioten an? Das geht nicht.« Dem Tonfall nach zu schlie?en war der PDA daruber ziemlich erfreut.

»Warum kannst du diesen letzten Befehl nicht befolgen, Buckley?«, fragte sie mit zusammengebissenen Zahnen.

»Es gibt keine Daten uber die Bewegungen der Zielperson, die mit der ersten Route nicht kongruent waren.«

»Er nimmt diese Route jedes Mal?« Sehnt sich dieser Kerl nach dem Tod oder was?

»Brillant. Wenn du so weitermachst, wirst du moglicherweise sogar einige von den vielen Dingen begreifen, die in dieser Situation schief gehen, konnten. Nicht, dass es viel nutzen wurde«, erklarte das Gerat murrisch.

»Na gro?artig. Dann hackst du dich jetzt ein und beobachtest die Kameras entlang seiner Route. Pass aber auf, dass der Server dich nicht erwischt. Wenn er sich jetzt auf dieser Route bewegt oder wann auch immer er damit anfangt, sagst du mir Bescheid und platzierst einen Punkt auf dem Bildschirm, um seine mutma?liche Position anzuzeigen, und aktualisierst diese Information immer dann, wenn du von den Kameras neue Daten bekommst.«

»Und du bist sicher, dass du das wissen willst?«

»Warum, ist er schon unterwegs?«, fragte sie bissig.

»Nein. Ich dachte nur, falls du zu den Leuten gehoren solltest, die besser mit Katastrophen klarkommen, wenn sie nicht wissen, dass sie kommen …«

»Buckley, du wirst mir jetzt nur sagen, wenn die Zielperson den Tower nach hierher verlasst oder wenn er ein anderes Ziel ansteuert. Ansonsten haltst du die Klappe.«

»Heute sind wir aber empfindlich, wie?« Der Buckley verstummte.

Cally warf einen Blick in den billigen Aktenkoffer, den sie in einem Burobedarfsgeschaft in der Mall erstanden hatte. Kleider zum Wechseln, in Plastik eingeschwei?t, gut. Okay, Drogen, Weinkuhler, Kabelbinder, mehrere Paar Strumpfhosen, Handschuhe, Knebel, Klappmesser, Soundbox … Sie nahm die kleine graue Box mit dem Schalter oben und knipste sie an. »Test, Test, Test.« Die Verkehrsgerausche wurden gedampft, und ihre Stimme klang hohl. Sie schaltete das Gerat ab und hangte es sich an den Gurtel, ehe sie das Klappmesser herausnahm und es in die Tasche schob. Wenn man vermeiden wollte, jemanden zu toten, war das eine nutzliche Waffe, weil das Messer sie meist sofort davon uberzeugte, dass man sie wirklich toten wurde und auf die Weise dafur sorgte, dass sie mit einem kooperierten. Na ja, bei bestimmten Typen wirkte es jedenfalls. Im Augenblick war die gesunde Angst der Nicht-Zielperson die beste Uberlebenschance der Frau.

Sie offnete den Weinkarton und trank ein paar Schlucke, damit oben etwas Platz wurde. Dann nahm sie die Flasche mit der roten Markierung und goss die Drogen vorsichtig in den Wein. Anschlie?end wanderte die Drogenflasche wieder in eine Tasche des Aktenkoffers, dann schraubte sie die Plastikkappe auf den Weinkarton und schuttelte ihn leicht. Zum Mischen braucht es nicht viel, aber wir wollen nicht, dass etwas herausspritzt.

Mit einem der Marker machte sie ein rotes Zeichen auf das Etikett und verstaute den Weinkarton wieder in dem Koffer neben einem ungeoffneten und holte dann ein kleines rosafarbenes Namensschild heraus und steckte es sich an das Revers ihrer Jacke. Auf dem Namensschild stand, dass sie Lisa Johnson war, und darunter war das vertraute Logo einer bekannten Kosmetikfirma zu erkennen. Sie sah auf die Uhr. Zwolf Minuten nach vier.

»Buckley.«

»Wir werden jetzt gleich sterben, oder?«

»Nein, Buckley. Halte weiter Ausschau nach dem Wagen der Zielperson, aber au?erdem musst du die Kameras anzapfen, die ich in Apartment 302C untergebracht habe und mir sagen, ob jemand zu Hause ist und wo sie sich befinden.«

»Ah, das Vertrauen der Jugend. Zwei in dem Apartment.«

»Zwei?!«

»Eine in der Kuche, eine unter der Couch.«

»Unter der …« Den bringe ich noch um. »Buckley, kummere dich nicht um die

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