Er wurde bleich.

»Also, Colonel, warum sind Sie zur anderen Seite ubergegangen?« Das war keine Frage, sondern eine Forderung. »Ich will es aus Ihrem Mund horen, Sie minderwertiger Hurensohn.«

»Ich hatte doch keine Wahl! Die hatten mich sonst umgebracht!« Jede Spur von Gelassenheit war von dem Mann abgefallen. »Ich bin doch in diesen Schlamassel hineingeraten, indem ich euch Typen geschutzt habe! Ihr habt gesagt, ihr wurdet fur mich sorgen, und als die dann bei mir auftauchten, wart ihr nirgends zu sehen. Was zum Teufel hatte ich denn tun sollen?«

»Ich vermute, es ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass man auch wie ein Soldat einfach sterben kann«, sagte sie kalt.

»Yeah, das durfen Sie meinetwegen mal versuchen.« Seine Stimme klang bitter und rau.

»Also, fangen wir ganz am Anfang an.« Sie setzte sich auf die Couch und machte eine beilaufige Handbewegung. »Fangen wir einfach da an, als Sie ›in diesen Schlamassel‹ geraten sind, wie Sie es formuliert haben. Fangen Sie dort an. Lassen Sie nichts weg. Das meiste wissen wir. Also brauche ich wohl kaum zu sagen, dass Sie wirklich, ganz wirklich nichts weglassen sollten. Wenn ich sauer bin, bin ich namlich nicht besonders nett.« Sie klappte den PDA auf und tippte den Knopf, unter dem Record stand. Der Abstand zu ihm stimmte ziemlich genau.

»Okay, der Anfang also. Ich war Major, als man mich bei Kriegsbeginn aus der Reserve einberufen hat. Ich hatte ein paar Jobs bei … na ja, Chefs, die meine Leistung nicht zu wurdigen wussten. Vor dem Krieg war ich bei Beforderungen ubergangen worden und deshalb in den Ruhestand getreten. Aber fur eine Kommandostelle stand ich auf der Verjungungsliste nicht weit genug oben, und die Praparate dafur fingen auch an, knapp zu werden, ehe sie zu mir kamen. Aber ich stand auf der Liste, verdammt.« Er rieb sein Kinn am Hemd, weil es ihn offenbar juckte.

»Horen Sie, muss ich das wirklich noch einmal alles runterhaspeln? Ihr wisst das doch alles. Ich war in meiner Loge ziemlich weit oben. Ich war Freimaurer, mein Dad war ebenfalls Freimaurer gewesen und sein Dad auch. Und das waren anstandige Leute, ich habe ihnen vertraut und sie haben mir vertraut, aber dann seid ihr Typen von der Abwehr aufgetaucht …«

»Und haben Sie gekauft.«

»Na ja, ihr habt nach Clubs und nach Verbindungen und Geheimgesellschaften und all dem gefragt, und ich wollte helfen und alles …«

»Im Austausch fur …«, lieferte sie ihm das Stichwort.

»Na schon, ja, ich war euch Typen ja dankbar, dass ihr ein Unrecht ausgeglichen habt, indem ihr die Beurteilung dieses selbstgerechten Arschlochs habt verschwinden lassen, okay? Und ihr wolltet auch standig alle moglichen Albernheiten wissen, und jeder wei?, dass dieses paranoide Gerede, die Freimaurer seien eine Geheimgesellschaft, absoluter Quatsch ist. Jedenfalls wolltet ihr dann wissen, wo denn auswartige Logenmitglieder unterkamen, wenn sie in die Stadt kamen. Und ich wusste das nicht, blo? dass ein jungeres Logenmitglied glaubte, ich sei bereits so weit oben, dass ich es bereits wusste, und sich verplappert hat. Na ja, und dann war ich schon ziemlich sauer, als ich horte, dass da in meiner eigenen Loge unsaubere Dinge im Gange waren, von denen mir keiner etwas gesagt hatte.«

»Und was, dachten Sie, dass wir mit dieser Information anfangen wurden?«

»Horen Sie, ich habe daruber nicht nachgedacht, falls Sie das meinen. Ging mich ja schlie?lich nichts an. Was hatte die Loge denn schon fur mich getan? Als ob die mir die Verjungung fur mich und meine Frau angeboten hatten, und au?erdem hatten wir damals zuhause ziemlichen Arger, und ich sollte sie ohnehin kriegen, jedenfalls war ich dankbar, dass ihr das Ganze beschleunigt habt. Aber uber eure Beweggrunde gro?e Spekulationen anzustellen stand mir ja schlie?lich nicht zu, oder?« Einen Augenblick lang wirkte er verwirrt, und er verstummte, blinzelte ein paarmal.

»Hey, wie kommt es, dass Sie einen Buckley haben und nicht etwa ein AID?«, fragte er.

»Die Verjungung ware doch fur dieselbe Frau, die Sie jetzt gerade betrugen,, oder?« Ihre Handbewegung bezog das ganze Apartment ein.

»Hey, ich liebe meine Frau«, protestierte er, »aber aktive, dominante Manner waren nie fur Jahrhunderte der Monogamie geschaffen. Das ist etwas, was Frauen einfach nicht an uns Mannern verstehen, falls Sie begreifen, was ich damit meine. Wir Manner sind schlie?lich das, was wir sind. Aber ich liebe meine Frau. Und Sie haben mir immer noch nicht gesagt, weshalb Sie kein AID haben.« Das sagte er mit der selbstgefalligen Miene eines Menschen, der es raffiniert geschafft hat, plotzlich die Oberhand zu bekommen.

»Sie sind schon wirklich ein armseliger Wicht, oder? Ich stelle hier die Fragen.«

»Augenblick mal, da brauchen Sie nicht gleich pampig zu werden. Ihr habt mir immer den Ausweis gezeigt, ehe …«

Sie sah, wie seine Gesichtszuge erstarrten, als schlie?lich der Groschen fiel und seine Lippen sich zusammenpressten. Was fur ein totaler Schwachkopf. Ein ganzes Team wegen dieses Idioten verbrannt, wegen ihm und den anderen Schwachkopfen, die versucht haben, ihre Fehler im Einsatz zu vertuschen, indem sie ihn rekrutiert haben.

»Ohne Ausweis sage ich jetzt kein Wort mehr«, erklarte er.

»Naturlich werden Sie das«, erklarte Cally im Gesprachston, »denn wer auch immer ich bin, ich bin immer noch dieses verdammt unangenehme Miststuck, das Sie an einen Stuhl gefesselt und einen Dampfer aufgestellt hat.«

»Hey, Baby, es gibt Schlimmeres, als von einer schonen Frau gefesselt zu werden«, feixte er.

Cally war so schnell aufgesprungen und hatte ihm zwischen die Beine getreten, dass er es kaum wahrgenommen hatte, ehe er die Besinnung verlor.

Unglucklichweise horte sie, gerade als er wieder zu sich kam, ganz schwach durch das Dampfungsfeld die Turklingel und eine Stimme, die etwas rief, was moglicherweise wie »Akropolis Pizza« klang. Sie funkelte Petane an.

»Au.« Er zuckte zusammen, blickte auf die Turglocke und versuchte vor ihr wegzukriechen, so weit der Stuhl das zulie?.

»Verdammte Schei?e. Muss denn heute alles schief gehen?« Sie zog ein paar Taschentucher aus der Aktentasche und knebelte ihn schnell, zerrte den Stuhl in die Kuche. Als sie schlie?lich die Tasche hinter der Tur versteckt, ihre Geldborse herausgezogen hatte und zur Tur gegangen war, wusste sie nicht, ob es ein zweites Mal geklingelt hatte.

Die Augen des Pizzamannes erfassten ihr zerzaustes Haar und ihr leicht verschmiertes Make-up, und er zog sofort den falschen, wenn auch fur sie jetzt durchaus bequemen Schluss; seine Augen funkelten wissend, als er auf seinen Lieferschein sah.

»Ich habe eine Pizza fur ›Charles‹ an diese Adresse. Das waren dann vierundfunfzig siebenundneunzig.«

Sie zog ein paar Geldscheine heraus und gab sie ihm und lachelte leicht benommen. »Danke.«

Sie sah ihm nach, wie er vor sich hin pfeifend die Treppe hinuntereilte. Sie behielt ihr Lacheln im Gesicht, bis sie die Tur verschlossen und neu versperrt hatte.

»Okay, Arschloch, wir machen weiter.« Sie schob ihr Gesicht auf funfzehn Zentimeter an das seine heran. »Oh, und lassen Sie sich blo? nicht in den Sinn kommen, dass ich jemals auch nur in Betracht ziehen wurde, mich irgendwie mit Ihnen einzulassen. Das sollten Sie wirklich nicht. Ist das klar?«

Er nickte schnell.

»Bitte, nicht noch einmal treten. Ich … ich … und zwingen Sie mich blo? nicht zu reden und bringen Sie mich auch nicht um, ja? Diese Typen sind brutal. Freimaurer konnen Sie nicht sein und von der Abwehr schatze ich auch nicht, also wei? ich nicht, wer oder was in drei Teufels Namen Sie sind, aber diese Typen kennen keine Gnade. Soweit mir bekannt ist, bin ich der Einzige aus dieser Loge oder von den ursprunglichen Abwehrheinis, der noch am Leben ist. Bitte, Lady, Sie konnen mir zwar wehtun, aber ich kann Ihnen unmoglich etwas sagen, sonst ist das mein Tod. Bitte, bringen Sie mich nicht um.« Er fing an zu zittern.

»Ich wunsche mir sehnlich, dass sich das alles anders entwickelt hatte, aber ich kann es nun nicht mehr andern. Uber drei?ig Jahre lebe ich jetzt und habe jeden Tag gehofft, den nachsten Tag noch zu erleben. Wenn Sie mir wehtun oder mich umbringen, dann kann ich Sie nicht daran hindern, aber bitte, bitte, tun Sie’s nicht.«

Ihr langsames Klatschen durchbrach die Stille, die ein paar Augenblicke, nachdem er zu Ende gesprochen

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