hatte, eingetreten war.

»Damit sind Sie jetzt etwa drei?ig Jahre zu spat dran, Colonel. Wie viele Leute haben in diesen drei?ig Jahren Ihretwegen den nachsten Tag nicht mehr erlebt? Wissen Sie das uberhaupt? Wie zum Teufel haben Sie je die Grundausbildung geschafft?« Sie schnitt ihm das Wort ab, ehe er etwas sagen konnte. »Nein, geben Sie keine Antwort, sonst muss ich mich vielleicht ubergeben.« Sie griff in die Tasche und holte ein mit einem Rei?verschluss verschlossenes Packchen heraus.

»Schauen Sie, ich bin es leid, mit Ihnen rumzualbem — mir reicht es jetzt.« Sie holte eine Injektionsspritze heraus. »Sind Sie immun gegen Natrium-Pent, Colonel? Mal sehen.«

Sein Blick erinnerte sie an einen verangstigten Cockerspaniel, und sie seufzte, als sie ihm eine Injektion in den Arm gab.

Drei Testspritzen spater fand sie ein Verhorpraparat, gegen das er nicht immun war. Es war eines der Standardpraparate, zu denen Fleet Strike Zugang hatte.

»Was denn, die hatten nie vor, Ihnen etwas wirklich Geheimes zu sagen, wie? Was fur ein wichtiger Mann.«

Das Verhor dauerte drei Stunden. Normalerweise hatte sie wahrend der Arbeit nicht gegessen, aber irgendwie musste sie die Pizza ja loswerden, und da sich im Magen der Freundin nichts davon finden wurde, hatte es auch keinen Sinn, ihm welche aufzuzwingen. Die Pizza war ein Problem, aber falls davon je etwas herauskam, wurde sie ohnehin an einem anderen Ort ein anderes Gesicht tragen. Manchmal konnte man da einfach nichts machen. Herrgott, dass heute auch alles schiefgehen musste.

Schlie?lich hatte sie aus Petane so viele Informationen herausgepresst, wie er in seinem Gehirn hatte. Wie Robertson gesagt hatte, war nichts davon von einer Gro?enordnung, die es gerechtfertigt hatte, einen Verrater drei?ig Jahre am Leben zu lassen. Und wenn niemand im Establishment von Fleet Strike sich die Muhe gemacht hatte, ihn gegen die Verhordrogen hoheren Niveaus zu immunisieren, wurde man ihm auch nichts anvertrauen, was wichtig genug war, um wirklich nutzlich zu sein. Er war nicht wachsam genug, um abzulehnen, als sie ihm einen der unmarkierten Weinkartons anbot, und trank durstig aus dem Glas, das sie einem der Schranke entnommen hatte.

Zeit, hier sauber zu machen. Meine Meinung uber Team Hector ist jetzt wirklich auf dem Tiefpunkt. Dass die das mitgemacht haben! Eine andere Spritze in dem Packchen enthielt eine winzige Menge eines Farbstoffs, der sich biologisch schnell abbaute, aber bei geschicktem Einsatz sehr echt wirkende Nadelspuren hinterlie?.

Unglucklicherweise baute sich das Praparat nur dann richtig ab, wenn das Subjekt noch lebte, also musste sie sich sein Wimmern anhoren, wahrend sie ihm mehrfach in die Venen stach und jeweils eine winzige Menge von dem Zeug injizierte. Als sie das auf der Schule hatte uben mussen, war das alles andere als erfreulich gewesen. Ihre Nervositat gegenuber Nadeln hatte ihr das genommen, aber der Farbstoff brannte ziemlich.

Als sie genugend Stiche angebracht hatte, um uberzeugend zu wirken, wartete sie funf Minuten und fesselte ihm dann die Hande und die Fu?e aneinander statt an den Stuhl. Die Wirkung der Verhorpraparate lie? jetzt nach, aber er stand immer noch hinreichend unter Drogen, um wenig Widerstand zu leisten, als sie ihn sich uber die Schulter legte und ihn ins Schlafzimmer trug. Fur ihre aufgewertete Muskulatur stellte sein Gewicht kein Problem dar, aber seine Gro?e war hinderlich — insbesondere weil er nicht vollig reglos war und immer wieder zuckte.

Im Schlafzimmer tat sie die geschmacklosen, aber notwendigen Dinge, derer es bedurfte, um den Schauplatz fur die Leute von der Gerichtsmedizin vorzubereiten, und gab ihm dann seine abschlie?ende Injektion, bereitete ein zweites Glas mit den Lippenspuren der Freundin und mit Schlafmittel versetztem Wein vor und stellte die beiden Glaser auf den Nachttisch neben das Bett. Den Inhalt des zweiten Weinkartons spulte sie in den Ausguss und hatte dann zwei saubere, leere Behalter fur den Kuchenabfall.

Sie war dabei, den diversen Mull — gebrauchte Plastikfesseln, Knebel, Spritzen — beiseite zu schaffen, als sie plotzlich das unerwartete Bedurfnis verspurte, ins Bad zu eilen. Sie ubergab sich heftig in die Toilette und fluchte halblaut vor sich hin, als sie sich nachher das Gesicht mit Toilettenpapier sauberte und sich vergewisserte, dass jeder noch so winzige Rest des unwillkommenen Beweismaterials grundlich hinuntergespult worden war. Anschlie?end schrubbte sie noch die Toilettenschussel aus. Dass die Freundin fur ihren Besuch ein wenig sauber gemacht hatte, wurde durchaus plausibel sein und daher nicht auffallen.

Genau der richtige Zeitpunkt fur eine Darmgrippe. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal krank war. Und schwanger bin ich ganz sicher nicht, Gott sei Dank. Sie kehrte in die Kuche zuruck und setzte ihre Sauberungsarbeiten fort.

»Du kannst mit der Aufzeichnung aufhoren, Buckley. Lege es unter … sagen wir mal ›Hector-Archiv‹ ab.«

»Jetzt mussen wir uns beeilen, oder? Nicht, dass es viel Sinn hatte.«

»Nein, Buckley. Ich bin hier praktisch fertig. Du kannst die KI Emulation auf Stufe zwei zuruckstellen.«

»Aber … aber … aber … na schon …« Der Buckley verstummte. Wenn die Dinge gut liefen, war er nie sonderlich begeistert.

Vor elf zu Hause. Cally sah auf die Uhr und nahm sie vom Handgelenk. Fur eine Solomission war das zumindest gar nicht schlecht.

Die Aktentasche mit all dem belastenden Beweismaterial wanderte mit ihr ins Motelzimmer, genau nach Vorschrift, falls keine Crew zur Verfugung stand. Sie wurde sie selbst tragen, wenn sie morgen Meldung machte, und sie der Reinigungsabteilung ubergeben. Au?erst grundlich hatte sie daruber nachgedacht, wie sie sich ihren Vorgesetzten gegenuber au?ern wurde, falls die Schwierigkeiten wegen ihres Urlaubs machen sollten, und war zu dem Entschluss gelangt, es auf die harte Tour zu machen. Sie wollte uber die Prioritaten reden, die es ermoglicht hatten, dass ein Verrater, der den Tod eines ganzen Agententeams verursacht hatte, nach seinem Verrat noch jahrzehntelang am Leben geblieben war. Das sollte ein guter Anfang fur das Gesprach sein.

Sie schminkte sich langsam ab und fuhlte sich eigenartig mude. Nun ja, das ist absolut und endgultig und ohne Frage die letzte Position auf meiner »Besser tot«-Liste. Ich hatte eigentlich gedacht, dass Worth das ware, aber okay, dann war es eben Petane. Halleluja. Irgendwie werde ich das feiern mussen. Sie schuttelte den Kopf, wie um Klarheit in ihre Gedanken zu bekommen, und holte sich ein sauberes Nachthemd. Keine Lust, noch mal auszugehen? Ich? Anscheinend braut sich da wirklich etwas in mir zusammen. Na ja, da ist fruh zu Bett gehen wohl am besten.

Beim Umziehen betrachtete sie sich im Spiegel und fuhr sich mit der Hand durch die braunen Locken. Bis morgen um diese Zeit wurden die vermutlich weg sein. Sinda Makepeace hatte so platinblondes Haar und einen derart hellen Teint, dass sie wie ein typisches schwedisches Skihaschen aussah. Es kam selten vor, dass sie eine Tarnidentitat mit hellerer Farbe annahm. Jetzt fang ich gleich wieder an zu bruten. Du liebe Gute, ich muss wirklich mude sein. Auf ins Bett. Sie griff sich einen Waschlappen, ohne daruber nachzudenken, und klatschte ihn auf den Nachttisch, schaltete den Wecker und anschlie?end das Licht ab.

Am nachsten Morgen ware sie gern noch ein wenig liegen geblieben. Es war ein so wunderschoner Traum gewesen. Sie hatte schworen konnen, tatsachlich eins der kostlichen Conch-Omelettes zu schmecken und sogar ein Stuck frischen Key Lime Pie. Sie hatte auf Moms Scho? gesessen, und Dad hatte gerade ein frisches Glas Limonade hereingebracht, frisch gepresst und eiskalt.

Das Eis in der Limonade war nicht das einzig Kalte. Reflexartig griff sie nach dem Waschlappen und wuhlte sich aus den verschwitzten Laken; diese stanken nach saurem Schwei?. Hastig streifte sie ihr Nachthemd ab, lie? es mit dem Laken auf dem Boden liegen und ging in die Dusche, um hei? zu duschen und dabei warm zu werden. Puh. Anscheinend war das Fieber. Ich hasse es, krank zu sein.

Dienstag, 21. Mai

Nachdem sie aus dem Motel ausgecheckt hatte, holte sie ihr Handy heraus und wahlte eine Nummer. »Ich brauche ein Taxi.« Sie gab die Adresse an.

Als das Taxi kam, lie? sie ihren Koffer und den Rucksack im Kofferraum ihres Wagens und nahm nur die Aktentasche sowie ihre Handtasche mit. Der Taxifahrer redete kein Wort mit ihr, bis sie vor einer Munzwascherei anhielten.

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