»Cally, du hast ganz genau gewusst, dass dies oberhalb deiner Gehaltsstufe war. Ist es dir nie auch nur durch den Kopf gegangen, dass es vielleicht richtig sein konnte, den Stutzpunkt aufzusuchen, das Thema zu diskutieren und eine formelle und offizielle Neubewertung des Status dieses wertlosen Kotzbrockens vorzuschlagen? Ist dir das auch nur durch den Kopf gegangen? Sag mir doch: Worin, glaubst du, besteht deine Rolle in dieser Organisation?«
»Ich sehe mich gern als das Chlor in der Leitung.«
»Wenn du meinst, dass dies der richtige Augenblick fur flapsige Bemerkungen ist, haben wir ein wesentlich gro?eres Problem, als ich angenommen hatte.«
»Okay, genau das glaube ich nicht. Ich glaube, dass es eine sehr fragwurdige Entscheidung war, einen Verrater am Leben zu lassen, der durch seinen Verrat den Tod von Agenten herbeigefuhrt hat. Und das sage ich selbst fur den Fall, dass er eine Informationsquelle von hoher Qualitat gewesen ware. Aber wenn das der Fall gewesen ware, hatte ich ihn auch am Leben gelassen, und er hatte dann lediglich geglaubt, dass meine Befragung routinema?ig erfolgt ist — ein Test, den er bestanden hatte. Ich hatte ihn leben lassen, und dies trotz meiner festen Uberzeugung, dass dies eine falsche Entscheidung war.«
»Was, du bist also jetzt aus eigener Machtvollkommenheit die Entscheidungsinstanz uber den Wert eines Agenten? Wer hat gesagt, dass du der liebe Gott bist, Cally?«
»Mir ist im gleichen Augenblick bewusst geworden, dass er nichts wert ist, als mir bewusst wurde, dass er am Leben ist. Die Befragung hat das nur bestatigt. Trotzdem, wenn er als Informationsquelle auch nur den geringsten Wert besessen hatte, wurde er jetzt noch atmen.«
»Yeah, die undichte Stelle haben wir gefunden. Zum Gluck ist er nicht
»Wurdest du gerne meinen Bericht horen?«
»Ob ich ihn mochte? Nein. Ob ich ihn brauchen werde, um diesen Schlamassel aus der Welt zu schaffen, falls das uberhaupt je moglich ist? Ja. Lad ihn mir ruber.«
»Buckley, Befragungsdaten und Abschlussbericht an AID von Michael O’Neal senior ubertragen.« Ausnahmsweise traf der Buckley diesmal die korrekte Entscheidung, sich eines Kommentars zu enthalten.
»Miss O’Neal, Sie haben sich als unter Hausarrest stehend zu betrachten, dies gilt, bis in dieser Angelegenheit eine Entscheidung getroffen ist«, erklarte er formlich und fugte dann hinzu, »und, Cally — das gilt auch fur irgendwelche elektronischen Freiheiten mit den Computern dieser Basis oder sonst wo. Mahlzeiten werden dir auf das Zimmer gebracht werden. Wenn die Bane Sidhe es fur notwendig halt, dass du irgendeinen anderen Ort auf dieser Basis aufsuchst, wirst du die entsprechenden Anweisungen von mir erhalten. Du wirst ohne direkte Anweisung meinerseits mit sonst niemandem in Verbindung treten. Ist das klar?«
»Yes, Sir.« Callys Gesicht war vollig ausdruckslos, als sie sich so entlassen sah, nach ihrer Handtasche griff und den Raum verlie?, um in ihre Suite zuruckzukehren.
Als sie in ihre Raume zuruckkam, hatten die Reinigungsleute ihr Gepack bereits geliefert. Sie brauchte eine volle Viertelstunde, um sich zu vergewissern, was alles noch da war. Dabei war ihr nicht recht klar, ob sie sich nun wundern sollte oder nicht, dass mit Ausnahme der Plastiktute mit ihren vom Einsatz verschmutzten Kleidern alles da war. Jemand war sogar so aufmerksam gewesen, ihren Musikwurfel aus dem Audiosystem des Wagens dazuzulegen. Daneben lagen ein zweiter Wurfel und eine kleine Flasche mit einer durchsichtigen Flussigkeit. Sie schaltete die KI-Emulation des Buckley vollig ab, um den PDA als dummen Wurfelleser zu benutzen, und schob den Wurfel hinein.
»Nicht alle sind der Ansicht, dass Sie etwas Unrechtes getan haben. Die Kacke ist nun mal am Dampfen, aber Sie sollen wenigstens Ihre Sachen zuruckbekommen. Diese Nachricht wird sich in zehn Sekunden selbst zerstoren, aber Sie sollten den Wurfel trotzdem loschen und wegspulen. Danke, dass Sie den Glauben bewahren, Miss O’Neal.« Sie las den Text von einem Hologramm auf einem altmodischen Videoschirm ab. Anschlie?end holte sie den Wurfel heraus und lie? ihn in den Essig fallen, den ihr anonymer Bewunderer ihr mitgeliefert hatte. Dann schuttete sie den Essig in die Toilette und spulte. Wenn sie nicht ganz speziell darauf achteten, wurde damit die Nachricht ein fur alle Mal beseitigt sein.
Naturlich konnte das Ganze ein Test sein, aber genau betrachtet war sie nicht so jung, wie sie aussah, und viel zu alt, um so paranoid zu sein. Sie schaltete die KI-Emulation wieder ein.
»Also, Buckley, gibt es fur Leute mit Stubenarrest eine Bane-Sidhe-Vorschrift, wonach das Downloaden von ein paar Buchern und Filmen aus der Stutzpunktbibliothek als ›elektronische Freiheiten‹ angesehen werden konnte?«
»Man wird dich wahrscheinlich erschie?en und mich loschen und anschlie?end irgendeinem Halbwuchsigen als Video-Gamebox ubergeben.«
»Gibt es eine solche Vorschrift, Buckley?«, wiederholte sie kuhl.
»Nein, aber du glaubst doch nicht etwa wirklich, dass das
»Halt die Klappe, Buckley.«
»Wirklich, es wurde mir gar keine Muhe machen.«
»Halt die
»Geht in Ordnung.«
Unter den Gegenstanden von ihrer Reise, die sich in ihrem Rucksack fanden, war auch der Wurfel mit den Aufzeichnungen ihrer Recherchen uber Sinda Makepeace. Dort war zu finden, dass sie in Wisconsin aufgewachsen war. Neben einer ziemlich gro?en Auswahl wirklich alter Filme verfugte die Stutzpunktbibliothek uber ein Schulbuch mit einer Geschichte des Staates Wisconsin auf dem Niveau Oberstufe Volksschule, und dort fand sie auch einen ziemlich dicken Band mit dem Titel
Falls sie ihre Entscheidung anderten und sie nicht auf ihren Einsatz schickten, wurde das nichts ausmachen. Wenn sie es doch taten, konnte es echt unangenehm werden, nicht vorbereitet zu sein. Somit vor die Wahl gestellt, die Vorbereitungen in Angriff zu nehmen oder sich einen Schwarzwei?film mit Fred Astaire und Ginger Rogers anzusehen, entschied sie sich fur Ersteres und verbrachte damit einige Stunden, bis es an ihrer Tur klopfte und man ihr das Mittagessen brachte.
Sie musterte mit unglaubiger Miene das Maisbrot, das Maispuree sowie den Plastikbehalter mit Milch und den Apfel auf ihrem Tablett.
»Ich kann’s einfach nicht glauben. Ich denke, die sind wirklich sauer auf mich, Buckley.«
»Das kriegst du jetzt erst mit? Fruher warst du intelligenter. Eingehende Nachricht von Michael O’Neal senior. Willst du die schlechten Nachrichten jetzt oder nach dem Essen?«
»Abspielen, Buckley.«
Ein drei?ig Zentimeter hohes Hologramm ihres Gro?vaters von den Schultern aufwarts baute sich uber dem PDA auf. Sie musste um den Tisch herumgehen, um sein Gesicht zu sehen. Der Buckley war nicht intelligent genug, um die Nachricht auf Gesprachsdistanz vor ihr darzustellen, wie das ein echtes AID getan hatte.
»Cally, du hast einen Termin um funfzehn Uhr funfzehn in der Medizinischen Abteilung. Bitte komme ein paar Minuten vorher.«
Na ja, das klang immerhin nicht danach, dass er selbst kommen und sie personlich hinbringen oder eine Eskorte schicken wurde. Immerhin etwas.
Doktor Albert Vitapetroni hatte ein gut trainiertes Pokergesicht und ein mitfuhlendes Wesen. Fur einen Psychiater war das berufsnotwendig. Als Chef der Psychiatrie der Klinik der Basis Chicago wurde er moglicherweise samtliche menschlichen Angehorigen der Gro?en Organisation betreuen mussen. Es ware menschlich unmoglich, ganz zu schweigen in speziellen Fallen sogar unvernunftig, von ihm zu verlangen, seine samtlichen Patienten auch zu mogen.
Der drahtige Mann mit dem schutteren Haar, der jetzt in seinem Buro auf und ab schritt und dabei mit einem seiner Schreibtischutensilien spielte, war nicht gerade einer seiner Lieblingskollegen. Als Patienten konnte man den Mann eigentlich nicht bezeichnen, denn als Computerspezialist geriet der Mann so gut wie nie ins Schussfeld und benotigte daher Vitapetronis Dienste nicht. Und dieser Dienste wegen war er naturlich auch nicht
