und kluge Linie. Sie aufzugeben ware wirklich dumm. Und fur uns Agenten gefahrlich.« Das klang eiskalt, aber sie blieb geduldig.

»Selbst wenn die betreffende Person der Organisation immer noch wichtige Informationen liefern kann?«

»Horen Sie, damit kann ich umgehen. Womit ich nicht umgehen kann ist, dass Petane keine wertvollen Informationen geliefert hat und das auch nicht vorhatte und dass keiner von den Leuten in der Verwaltung und in der Einsatzplanung, die ursprunglich diesen Fehler gemacht hatten, den Mumm hatte, die Verantwortung zu ubernehmen und das Problem zu losen. Stattdessen haben sie einfach alle funfe gerade sein lassen und den Typen ohne guten Grund weiterhin am Leben gelassen.« Ihre Hande zitterten jetzt, als sie wieder an ihrer Zigarette zog und schlie?lich die Beine ubereinander schlug.

»Und woher wollen Sie wissen, dass seine Informationen wertlos waren oder dass er nicht vielleicht in Zukunft bessere Informationen liefern wurde?«, bohrte er.

»Schauen Sie, ich habe ihn verhort, ja? Er war nicht einmal gegen samtliche Verhordrogen immun, die Fleet Strike zur Verfugung hat. Daraus kann man doch schlie?en, dass die nie vorhatten, diesem Mann wirklich wichtige Informationen anzuvertrauen. Und zwar niemals«, sagte sie.

»Hatten Sie ihn am Leben gelassen, wenn Ihr Verhor ein anderes Ergebnis gehabt hatte? Und welche Folgen hatte dieses Verhor Ihrer Ansicht nach fur seine Nutzlichkeit und Kooperationsbereitschaft gehabt?« Interessant.

»Die Befragung war lediglich eine Bestatigung, ja? Ich wusste bereits, dass er als Informationsquelle wertlos war, das ist ja einer der wesentlichen Grunde, weshalb ich wirklich ernsthaft wutend war. Aber, ja, ich ware sauer gewesen, aber ich hatte ihn leben lassen«, raumte sie mit einem Seufzer ein.

»Okay, das ware dann ja wohl geklart. Und wie haben Sie ihn verhort und getotet? Die Sache mit seiner Uberwachung konnen wir hier ubergehen. Fangen Sie einfach mit der Befragung an«, sagte er.

»Haben Sie Zeit?« Sie grinste wieder schief, wieder verbittert.

»Fur Sie, Cally, habe ich den ganzen Nachmittag. Kommen Sie schon, erzahlen Sie mir alles.« Er lehnte sich zuruck und winkte ihr einladend zu.

9

Wilson, sein Assistent, hatte das Mobiliar erneut verandert. Um den niedrigen Tisch standen jetzt vier Sessel, zwei fur Indowy und zwei fur Menschen. Im Augenblick waren drei davon besetzt, und Wilson hatte gerade ein Tablett mit Kaffee und mineralisiertem Wasser hereingebracht. O’Reilly sah Aelool mit hochgeschobener Augenbraue an.

»Sollten wir auf Roolnai warten oder anfangen?«, fragte er.

»Ich denke, es ware besser, wenn wir beginnen. Clanhauptling Roolnai ist indisponiert. Ich werde ihn spater uber unser Gesprach informieren.« Seine grunen Pelzfasern — in Wirklichkeit ein photosynthetischer Symbiont — fachelten schwach im Luftstrom der Klimaanlage.

Vitapetroni und O’Reilly wechselten Blicke. Dann sah der Psychiater zu Boden und schuttelte leicht den Kopf.

»Also, Doktor, womit genau haben wir es hier zu tun?« Der Priester nippte vorsichtig an seiner Tasse. Wilson war in vielen Dingen ausgesprochen tuchtig und verlasslich, aber Kaffee gelang ihm unterschiedlich. Manchmal war er zu kalt, manchmal kochend hei?. Wenn man zu hastig trank, konnte einem leicht passieren, dass man sich die Zunge verbrannte.

»Sie ist normal. Nun ja, fur das, was wir aus ihr gemacht haben, so normal wie das eben moglich ist. Sie ist uberarbeitet und konzentriert sich zu stark auf ihre Aufgabe. Sie braucht dringend einen langeren Urlaub, um zu heiraten und Kinder zu kriegen. Aber davon abgesehen hat sie vollig im Einklang mit ihrer Ausbildung und ihrem Training gehandelt. Als Sie damals die Entscheidung uber Petanes Sicherstellung getroffen haben, habe ich Ihnen gesagt, dass das zu Schwierigkeiten fuhren konnte. Miss O’Neal ist das, was wir aus ihr gemacht haben; sie hat nach den Regeln ihres Jobs gehandelt.« Der Doktor sah erst seine Hande an, blickte dann zu dem Priester auf und sah schlie?lich zu dem Aelool hinuber. Er zuckte die Achseln.

»Ich furchte, dass dieses Beispiel eines erwartungsgema? handelnden Menschen fur meine Leute ein Problem sein konnte.« Aelools Augen blickten, wie es fur seine Spezies charakteristisch, fur ihn aber ungewohnlich war, starr zu Boden.

»Miss O’Neal sagt, sie hatte den Mann nicht getotet, wenn sein Name entweder von der Zieleliste entfernt und nicht etwa nur wegen eines registrierten Todes deaktiviert worden ware oder wenn er mehr als nur eine minimal wertvolle Informationsquelle gewesen ware oder zumindest die Wahrscheinlichkeit hatte erkennen lassen, in Zukunft mehr als nur eine minimal wertvolle Informationsquelle zu sein. Ich neige dazu, ihr Glauben zu schenken«, gab Vitapetroni zu bedenken.

»Ja, Al, aber Tatsache ist und bleibt doch, dass sie ihn getotet hat, obwohl sie hinreichend Grund zu der Annahme haben musste, dass wir seine Totung nicht wollten«, sagte O’Reilly.

»Die Wunsche und Bedurfnisse der Organisation sind fur sie kein Regulativ. Das war eine sehr bewusste Entscheidung fur alle Feldagenten ihrer Spezialitat, mit der Zielsetzung, nicht dadurch die Effizienz von Agenten zu beeintrachtigen. Mit anderen Worten, wenn die Bane Sidhe eine Totung anordnet und daruber unterschiedliche Ansichten herrschen, sollten diese unterschiedlichen Ansichten die Effizienz des Agenten nicht beeintrachtigen. Sie hat festgestellt, dass er nicht tot war, sie hat die Liste der Ermessensziele uberpruft, sein Name befand sich auf ihr, und sie hat ihn getotet. Ebenso gut hatte sie eine Lenkwaffe sein konnen. Wir haben sie dazu ausgebildet, gewisse Befehle zu befolgen. Sie hat sie befolgt. Ohne ihre personlichen Gefuhle hatte sie sich um Klarung bemuhen konnen. Das hatte sie wahrscheinlich auch getan. Aber ich kann nicht nachdrucklich genug darauf hinweisen, dass man unseren Auftragskillern einfach nicht sagen darf, dass sie jemanden toten sollen, wenn Sie diese Totung nicht wollen«, erklarte der Doktor.

»Bei euch Menschen gibt es einen Satz, der hier moglicherweise zutrifft. Etwas von Anwalten, die Hauser schutzen?« Aelool sah die beiden Menschen ernst, beinahe wurdevoll an.

»Winkeladvokaten. Sie glaubt wahrscheinlich, glaubt tatsachlich, dass sie sich wie einer verhalten hat. Aber sie ist ausdrucklich dafur ausgebildet, einige der psychologischen Aspekte eben dieser Ausbildung nicht wahrzunehmen. Beispielsweise die Unterdruckung des traumatischen Traumzyklus. Sie stellt sich nie ernsthaft die Frage, weshalb sie keine Albtraume hat. Ihr freier Wille, jemanden auf der Zielliste nicht zu toten, dem sie begegnete oder der zu ihrer Kenntnis gelangte und den sie toten konnte, ohne ihren Einsatz zu gefahrden … nun, ich will nicht gerade sagen, dass dieser freie Wille nicht existiert hatte. Aber er war jedenfalls wesentlich weniger stark ausgepragt, als sie das annimmt und er das auch offenbar nach ihrer Einschatzung war. Ich sage es noch einmal, meine Herren, man darf einem dieser Auftragskiller einfach nicht sagen, dass jemand Zielperson ist, wenn man nicht will, dass diese Person getotet wird«, betonte Vitapetroni.

»Team Hector wusste zwei Jahrzehnte lang uber Petane Bescheid. Team Hector konnte offenbar der Versuchung widerstehen, ihn zu toten«, gab der Priester zu bedenken.

»Dem Auftragskiller von Team Hector hat man gesagt, dass Petane am Leben ist, und man hat ihm befohlen, ihn nicht zu toten«, erklarte der Doktor.

»Wenn ich mich richtig entsinne, hatten Sie uns gesagt, wir durften nicht verlasslich erwarten, dass Miss O’Neal einen solchen Befehl befolgen wurde und dass man sie vor der Kenntnis seines Status schutzen musste«, erklarte Aelool.

»Ja, das habe ich. Sie hatte das Gefuhl, gegenuber Team Conyers in einer Ehrenschuld zu stehen oder glaubte das jedenfalls, nachdem Team Conyers versucht hatte, ihr Leben zu retten, als sie das Ziel eines Attentatsversuchs war; und nachdem das Team auf der Seite der O’Neals gekampft hatte, als die Posleen das O’Neal-Haus angegriffen hatten. Ich war nicht sicher, dass sie dem Befehl nicht gehorchen wurde, aber ich war sicher, dass die Belastung, die seine Befolgung fur sie bedeuten wurde, eine erhebliche Gefahr fur ihre mentale Stabilitat sein wurde.«

»Wir sind uns zwar stets bewusst, wie tief unsere Leute in der Schuld des O’Neal-Clans stehen, andererseits erfullt es uns mit Besorgnis, dass dieses ganz spezielle Problem in jenem Clan schon fruher aufgetreten ist.

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