Obwohl es bis jetzt erst zwei solcher Vorkommnisse gegeben hat, ist der Clan doch so gro?, im nicht menschlichen Teil der Bane Sidhe Besorgnis aufkommen zu lassen, dass wir hier moglicherweise den Anfang eines Musters erleben konnten. So sehr es uns mit Bedauern erfullt, das Thema auch nur andeutungsweise anzusprechen, mussen wir uns doch fragen, ob wir nicht moglicherweise den Anfang einer Schwachstelle vor uns haben.« Aelools Augen blickten jetzt noch konzentrierter auf den Boden.

»Was interpretieren Ihre Leute denn als mogliche Schwachstelle? Es ware hilfreich fur uns, wenn wir nach Hinweisen suchen konnten, die diese Interpretation entweder bestatigen oder widerlegen. Wir mussten dazu zusatzliche Details uber das Ausma? Ihrer Besorgnis kennen.« Father O’Reilly sah Aelools Gesichtsausdruck und hatte alle Muhe, seine unbewegte Miene zu bewahren. »Bitte, Aelool, ich sage ja nicht, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt oder dass wir Ihre Besorgnis nicht in gewissem Ma?e nachempfinden konnen. Ich sage nur, dass es hilfreich ware, wenn Sie die Besorgnis Ihrer Leute etwas detaillierter schildern konnten, damit wir auch ganz sicher sein konnen, nicht irgendwelche Feinheiten zu ubersehen. Nur auf die Weise konnen wir gemeinsam daran gehen, Abhilfe zu finden und die Probleme zur Zufriedenheit aller Clans in der Bane-Sidhe-Allianz zu losen.«

»Es ist sehr schwer, das in menschlichen Begriffen zu erklaren. Es ist nicht etwa so, dass die Handlung eines Individuums oder einer kleinen Gruppe von Individuen zum eigenen Nutzen, aber gegen die Interessen des Clans als Ganzem meinen Leuten als unehrenhaft und illoyal erscheinen wurde, obwohl es davon gewisse Untertone gibt, und zwar in solchem Ma?e, dass uns das … ich glaube, das beste Wort in Ihrer Sprache ware dafur geistesgestort vorkommt. Uns erscheint das so, als hatten wir gewalttatige, verruckte, unkontrollierbare Fleischfresser ans Herdfeuer des Clans selbst geholt.« Er hob beschwichtigend die Hand. »Es ist nicht etwa so, als wurde ich die Menschen so sehen, aber Sie mussen begreifen, dass … bei Ihnen gibt es ein Sprichwort, das etwa so lautet, dass ›Knopfe gedruckt werden‹. Es ware nicht ubertrieben, wenn man sagte, dass diese eine Handlung so ziemlich jeden Knopf druckt, den meine Spezies bezuglich des Umgangs mit Fleischfressern hat.«

»Okay, in Anbetracht der Kultur, der Biologie und der gesellschaftlichen Struktur Ihrer Spezies kann ich einigerma?en begreifen, dass Sie das so empfinden«, sagte Vitapetroni, »aber ich wurde doch gern ein paar Feststellungen treffen, die wir vielleicht alle hier beachten sollten. Zum Ersten ist sie nicht unkontrollierbar. In diesem Fall haben die Kontrollsysteme versagt, weil sie nicht befolgt wurden. Zum Zweiten ist ihre Bereitschaft zu toten kein naturliches menschliches Verhalten. Jeder einzelne unserer Attentatsspezialisten ist sehr sorgfaltig manipuliert worden mit dem Ziel, einen Menschen zu schaffen, der bei voller Zurechnungsfahigkeit imstande ist, auf Anweisung zu toten. Diese Manipulation muss mit gro?ter Prazision geschehen. Zum Dritten hatte sie einen rationalen Grund, ihre Handlung als nicht gegen die tatsachlichen Interessen der Bane Sidhe als Ganzes gerichtet wahrzunehmen. Der einzige tatsachliche Schaden, der dabei angerichtet wurde: dass es die Leute in Verlegenheit gebracht hat, die es unterlassen haben, neuerdings die Entscheidung, Petane am Leben zu lassen, zu uberprufen. Zum Vierten handelt sie immer noch vollig im Einklang mit den festgelegten Kontrollparametern und hat im Laufe von uber drei?ig Jahren der Bane Sidhe viel mehr Nutzen als Schaden gebracht. Wenn die Bane Sidhe willens war, aus pragmatischen Grunden Petane zu halten und weiterhin zu nutzen, dann sollte sie in viel hoherem Ma?e willens sein, weiterhin Cally O’Neals Ausbildung und Talente zu nutzen.«

»Diese letzte Feststellung kann ich dazu benutzen, um meine Leute davon zu uberzeugen, dass es richtig ist, den nachsten planma?igen Einsatz durchzufuhren, insbesondere in Anbetracht seiner Bedeutung und unter der Voraussetzung, dass Sie mir versichern, es ist hochgradig unwahrscheinlich, Miss O’Neal werde bei diesem Einsatz die falsche Person oder falsche Personen toten. Das ubergeordnete Thema der Loyalitatsstandards spricht Ihre Feststellung allerdings nicht an«, erklarte der Indowy.

»Bei allem Respekt, Aelool, wir werden das nicht genauso sehen wie Ihre Leute, weil wir, nun ja, weil wir nicht Sie sind. Wenn Ihre Leute von uns erwarten, dass wir, nun ja, Indowy sind, die man fur gewaltorientierte Einsatze verwenden kann, werden Sie enttauscht sein. Jede Losung, die wir hier finden, wird die Unterschiede zwischen der Psychologie unserer beiden Spezies in Betracht ziehen mussen«, sagte Vitapetroni.

»Al, Sie sollen uns hier helfen.« O’Reilly seufzte.

»Das will ich auch. Ich bin kein Fachmann fur Xeno-Psychologie, aber mir ist wohl bewusst und ich wei? auch zu schatzen, dass Loyalitat fur die Indowy so etwas wie eine Einbahnstra?e ist. Hundertprozentig. Vom individuellen Clanmitglied fur den Clan. Bei Menschen funktioniert das nicht so. Wenn die Indowy mit dieser menschlichen Eigenschaft nicht klarkommen konnen, wird diese Allianz nicht funktionieren. Sie durfen einfach menschliche Mitglieder der Bane Sidhe nicht als Mitglieder Ihres Clans betrachten. Das wurde zu … unrealistischen Erwartungen fuhren«, beharrte er.

»Uns ist sehr wohl bewusst, dass Menschen keine Indowy sind, vielen Dank.«

»Aber nicht bewusst genug. Andernfalls hatten Ihre Leute verstanden, dass es sich bei der Loyalitat ›von oben nach unten‹, also der von der Organisation zum Individuum, nicht etwa um irgendein exzentrisches Detail der Etikette handelt, sondern um etwas beim Umgang mit Menschen in einer Organisation entscheidend Wichtiges. Man hatte dann Petanes Status uberpruft. Dafur, dass das nicht geschehen ist, nehme ich einen Teil der Schuld auf mich. Ich hatte nicht von einem hoheren Ma? an wechselseitigem Verstandnis ausgehen durfen, als tatsachlich vorhanden war. Ich hatte Sie ausdrucklich uber die organisatorischen Gefahren informieren sollen, die die Petane-Entscheidung mit sich brachte, konkret gesagt, die Gefahren, die darin lagen, die Entscheidung nicht periodisch zu uberprufen, um festzustellen, ob es immer noch gerechtfertigt war, den Mann weiterleben zu lassen. Dieser Teil, mich also nicht zu vergewissern, dass Sie diese Notwendigkeit begreifen oder dass unser Stutzpunktkommandant hier sich nicht daruber im Klaren war, dies unbedingt thematisieren zu mussen, ist meine Schuld.« Der Psychiater klopfte sich mit der Hand auf die Brust.

»Und wurden Sie dann sagen, dass es unsere Schuld war, Sie nicht zu verstehen?« Aelools Hand, die das Glas hielt, spannte sich.

»Keineswegs. Ich wurde sagen, dass wir gelernt haben, einander besser zu verstehen. Wie wir das herausgefunden haben, war nicht gerade angenehm.« Er verzog das Gesicht. »Ich will ja nicht wie ein Gehirnklempner klingen, aber ich denke, beide Seiten mussen ein wenig daruber nachdenken, wie diese Erkenntnis kunftig unser Verhalten beeinflussen soll.«

»Oder die Ubereinkunft selbst«, seufzte der Alien.

»Das haben wir verstanden. Zugleich ist es aber moglich, dass wir diese Erkenntnis dazu nutzen konnen, um kunftig unsere gemeinsamen Ziele besser zu verfolgen, ohne dass sich ein solcher Vorgang wiederholt«, gab der Priester zu bedenken.

»Ja, das ist moglich. Ich hatte gerne die Unterstutzung des Doktors, um samtliche Einzelheiten und Verastelungen zu erforschen und sicherzustellen, dass wir auch nicht die kleinste Kleinigkeit ubersehen haben. Unterdessen glaube ich, dass ich den Fall angemessen prasentieren kann, insbesondere wenn man bedenkt, wie dringend dieser ganz spezielle Einsatz ist und wie gut die Typenubereinstimmung zwischen Miss O’Neal und Miss Makepeace ist, um diesen Einsatz weiterzufuhren. Anschlie?end …« Er sprach nicht zu Ende.

»Ich bin Ihrer Ansicht. Die anderen Themen konnen wir besprechen, nachdem Team Isaac in Einsatz ist.« O’Reilly nickte.

»Ich denke, wir mussen alle unsere Hoffnung darauf setzen, dass dieser Einsatz gut verlauft.« Der Gesichtsausdruck des Aliens war das Indowy-Aquivalent einer besorgt gerunzelten Stirn.

Mittwochmorgen, 22. Mai

Als ein Klopfen an der Tur ihr das Fruhstuck ankundigte, sah sie auf ihren Wecker. Halb acht? Puh. Sie schlupfte in ihren Morgenrock, trottete zur Tur und rieb sich die Augen. Mit grundlich ausschlafen wird wohl nichts. Die wollen mir klar machen, dass ich in Verschiss bin. Mir egal. Der Mistkerl hat den Tod verdient — selbst wenn er blo? ein armseliger Wicht war.

Sie offnete die Tur und trat verblufft zuruck, als ihr Gro?vater mit dem Tablett ins Zimmer trat. Es enthielt ein Gedeck fur zwei, mit Pfannkuchen, Spiegeleiern, gebratenen Wurstchen, Orangensaft und Kaffee. Es duftete himmlisch, besonders nach einem Abendessen, das aus zu schwach gesalzenen Pintobohnen und Mais-Tortillas bestanden hatte.

»Okay, vielen Dank. Aber … warum? Gestern hatte ich den Eindruck, du bist echt sauer«, sagte sie.

»Bin ich auch. Ich bin echt sauer daruber, dass du dich von diesem Job auffressen lasst. Der Kerl, den du umgebracht hast, war ein Arschloch ohne jeden Wert. Dass er gestorben ist, ist vermutlich vollig ohne Belang,

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