»Neben der Toilette hinten ist eine Feuertur. Kummern Sie sich nicht um die Tafel wegen des Alarms. Steigen Sie hinten in den Lieferwagen«, sagte er und tippte an etwas, das neben ihm auf dem Sitz lag. Vielleicht war es der Bildschirm eines PDA.

»Danke.« Sie gab ihm ein reichliches Trinkgeld und schenkte ihm dazu ein Lacheln, obwohl die Uhr offensichtlich nicht gelaufen war.

Die einzige Person in der Munzwascherei blickte nicht einmal auf, als sie eintrat und gleich darauf hinten wieder hinausging. Handelte sich hier wohl um ein Viertel, in dem es nicht ublich war, sich um andere Leute zu kummern.

In der Seitengasse stand ein Lieferwagen und daneben eine stammige Frau in einem grauen Overall, die die hintere Tur des Lieferwagens aufhielt. Sie sagte nichts zu Cally, wartete blo?, bis sie eingestiegen war, und schloss dann hinter ihr die Tur. Die Schachteln im Laderaum des Wagens, offenbar voll irgendwelcher Haushaltsgegenstande, waren alle festgezurrt, um nicht herumzurutschen, und Cally war den Unbekannten, die den Lieferwagen beladen hatten, fur diese Aufmerksamkeit dankbar. Es war gerade noch genug Platz, um sich hinzusetzen.

Bei den Agenten der oberen Range war bekannt, dass die Bane Sidhe im Bereich Chicago einen Stutzpunkt hatte, eine Art Mini-SubUrb. In diesem Fall bedeutete »bei« eine Fahrt von ungefahr zwei Stunden. Heute dauerte sie langer, und als der Lieferwagen schlie?lich langsamer wurde, abbog, wieder anfuhr, anhielt und dann ein paarmal vor und zuruck fuhr, taten ihr alle Knochen weh, und sie war froh, dass die Tortur endlich ein Ende genommen hatte.

Als dann die Tur hinten geoffnet wurde, ware ihr nichts lieber gewesen, als sich auf ein paar Stunden in eine hei?e Badewanne zu setzen, aber zunachst suchte sie ein kleines Buro, dicht neben dem unterirdischen Parkplatz, auf. Sie reichte die Aktentasche und ihre Autoschlussel einem Mann undefinierbaren Alters mit grauem Haar und einer riesigen Nase.

»Marty, ich brauche die volle Prozedur fur Tasche und Inhalt.« Sie schnappte sich einen Stift und kritzelte eine Adresse sowie Marke und Kennzeichen ihres Wagens auf einen Block auf der Theke. »Der Wagen ist ebenfalls schmutzig und muss heute abgeholt werden — er steht auf einem Motelparkplatz. Sie konnen die Kleider in der Mulltute im Koffer sauber machen, aber den Rest der Kleider und den Rucksack mit Inhalt mochte ich zuruck. Wie geht’s Mary?«

»Gut, sehr gut. Was haben Sie denn getrieben! Ich wusste gar nicht, dass Sie im Einsatz sind.«

»Zufallsziel. Hatte keine Zeit fur eine komplette Vorbereitung. Tut mir Leid. Ich wei?, dass die improvisierten Jobs schwieriger sind. Wie geht’s Sue und Cary?«

»Sie hat diesen Fruhling ihre Abschlussprufung gemacht. Hat sich ’nen anderen Job als ich oder ihre Mom gesucht. Ich wei? nicht, was das Madchen an den Maschinen hat, aber alle sagen, sie sei eine Kunstlerin. Und von dem Jungen habe ich diese Woche einen Brief bekommen. Anscheinend ist er dahinter gekommen, dass es wirklich eine gute Idee ist, auf das zu horen, was einem die Nonnen sagen.«

Cally erwiderte sein schiefes Grinsen.

»Ist das alles?«, fragte er und tatschelte ihr die Hand, als sie nickte. »Hier sind Sie jetzt sicher, Su?e. Machen Sie sich’s bequem und versuchen Sie alles zu vergessen.«

Sie loggte sich in einer der Kurzzeit-Suiten ein und bereitete ihr Bad vor. Bis sie aus der Wanne stieg, sollte ihr Koffer mit ihren personlichen Habseligkeiten angekommen und im Zimmer aufgestellt sein. Sie stellte das »Nicht auspacken«-Schild auf die Kommode und ging ins Bad. Die Organisation hatte Verstandnis fur die Gefuhle von Feldagenten ohne feste Wurzeln und hielt deshalb immer ein ganzes Sortiment personlicher Gegenstande fur sie bereit. Ganze Apartments fur Agenten vorzuhalten, die moglicherweise nie von einem Einsatz zuruckkehren wurden, verbot sich aus Kostengrunden, und deshalb wurden die personlichen Habseligkeiten in einer Art modernem Aquivalent von Ubersee-Koffern aufbewahrt, die in die Suite der Agenten gebracht wurden, wenn diese auf dem Stutzpunkt eintrafen, und anschlie?end wieder in die Lagerraume zuruckgebracht.

Cally wusste es zu schatzen, auf dem Stutzpunkt ihre eigenen Kleider und Habseligkeiten zur Verfugung zu haben, zog es aber vor, sie selbst auszupacken oder auch im »Koffer« zu lassen anstatt sie wiederholt von Fremden, geschweige denn von Freunden oder Bekannten anfassen zu lassen.

Sie lie? sich ihr Mittagessen aufs Zimmer bringen. Wenn sie die Cafeteria aufsuchte, wurde sie zweifellos auf Bekannte sto?en und mit ihnen reden mussen. Genauer gesagt, sie wurde Cally O’Neal sein mussen, und dazu war sie noch nicht ganz bereit. Und das war ein untruglicher Hinweis darauf, dass sie dabei war, irgendetwas auszubruten und deshalb nur fur alle Falle dem Arzt eine Visite abstatten sollte. Blo? dass ihr eigentlich gar nicht danach war. Vielleicht wurde ein langes, hei?es Bad und anschlie?end eine Stunde im Fitnessstudio und fruh zu Bett gehen alles wieder in Ordnung bringen. Es hatte ja schlie?lich keinen Sinn, einen Arzt wegen etwas so Trivialem wie einer Magenverstimmung zu belastigen, und moglicherweise waren diese nachtlichen Schwei?ausbruche ja blo? ein harmloses Fieber. Und im Augenblick hatte sie schlie?lich kein Fieber, blo? ein wenig mude war sie.

Im Bad goss sie etwas Badesalz aus einem Glas unter der Theke ins Wasser. Naturlich unparfumiertes Badesalz, da die Verwaltung ja nie wusste, ob der betreffende Agent im Zimmer mannlichen oder weiblichen Geschlechts war, aber jedenfalls gut fur die Entspannung. Die echte Dekadenz wurde warten mussen, bis ihre eigenen Sachen eintrafen.

Sie nahm die braunen Kontaktlinsen heraus, sodass ihr aus dem Spiegel ihre eigenen blauen Augen entgegenblickten, als sie sich das Haar feststeckte und dabei etwas wehmutig eine Locke musterte. Nach der Dauerwelle und der Farbe wurde sie jetzt nicht auch noch eine Blondierung anwenden, dann wurde sie namlich die nachsten paar Tage wirklich so aussehen, als hatte sie einen strohblonden Besen auf dem Kopf. Das wurde warten mussen, bis sie ihr auf der Platte ihre neue Tarnung verpassten.

Voller Vorfreude griff sie sich den voluminosen wei?en Frotteebademantel von dem Regal vor dem Badezimmer und hangte ihn innen an die Tur, lie? ihre Kleider einfach fallen und tauchte bis zum Kinn ins hei?e Wasser ein.

Levon Martin sah in den Spiegel und musterte seine dunklere Haut und die dunklen Kontaktlinsen, fuhr sich mit der Hand uber die in sein Haar einrasierten Muster und zuckte die Achseln. Er leckte sich die dunnen Lippen und holte einen Lippenbalsam heraus. Da das Wetter sich erwarmt hatte, sollte das bald kein Problem mehr sein. Er freute sich darauf, wieder seine eigene Haut zuruckzubekommen, aber sein Erkundungsgang am Nachmittag in der Stadt hatte eine Tarnung notwendig gemacht. Das Gesprach, das ihm bevorstand, wurde nicht viel Spa? machen. Er zog sich sein Golfhemd zurecht und vergewisserte sich, dass es ordentlich in seiner Hose steckte, ehe er das Zimmer verlie?, horte, wie das elektronische Schloss leise hinter ihm klickte, als er in den Flur der Basis Chicago trat. Der Expresslift am Ende des Flurs brauchte nicht lange, um ihn in den Verwaltungsoktanten der Urb zu bringen, wo er nur ein kurzes Stuck durch einen Korridor gehen musste, bis er ein Vorzimmer betrat.

Der Mann hinter der Empfangstheke befand sich nicht dort, weil man ihn brauchte, um Termine oder Formulare zu koordinieren, obwohl er beides tat, sondern weil die Zeit seines Vorgesetzten wertvoll war und er sich als dafur talentiert erwiesen hatte, diese Zeit vor unnotigen Storungen zu schutzen.

»Martin, Team Hector. Ich bin zu fruh dran.«

»Stimmt. Warten Sie einen Augenblick.« Der Mann stand auf, offnete die Tur einen Spalt und murmelte etwas so leise, dass nur die Person auf der anderen Seite es verstehen konnte. Martin hatte es dank seines verstarkten Gehors dennoch verstehen konnen, wenn er gewollt hatte. So wie die Dinge lagen, verzichtete er jedoch darauf.

»Sie konnen reingehen«, sagte der Mann. »Wir hatten gerade schon eine Unterbrechung, und da macht es nichts aus.«

Martin betrat das Buro, setzte sich und wartete, bis der jung aussehende Mann, der einer einigerma?en exzentrischen Neigung folgend immer noch einen Priesterkragen trug, von seinem AID aufblickte. Von seiner Seite des Schreibtischs aus war das Hologramm verschwommen.

Father Nathan O’Reilly galt offiziell als nicht verjungt, sodass sein unglaublich guter Gesundheitszustand allmahlich nicht mehr glaubwurdig geworden war, und hatte deshalb seinen Platz »innen« in der Erdburokratie, die sich unvermeidbar entwickelt hatte, nachdem die Bane Sidhe den Kontakt mit ihren menschlichen Verbundeten wieder aufgenommen hatte.

Ihn »hereinzunehmen« hatte sorgfaltige Planung erfordert und war recht riskant gewesen. Auf Gewaltanwendung zuruckzufuhrende Todesfalle waren bei katholischen Priestern einigerma?en selten, und damals

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