sie fluchend vor der uberlaufenden Hoteltoilette stand. Das dafur erforderliche Werkzeug war naturlich nicht vorhanden. Sie warf die Handtucher auf den Boden, arbeitete sich angewidert auf Zehenspitzen an die Hinterseite des Dings und kauerte sich nieder, um hinten das Wasser abzustellen. Dann trottete sie zum Waschbecken hinaus und benutzte den letzten sauberen Waschlappen, um sich das Gesicht zu waschen und sich einigerma?en sauber zu machen.
Um funf stand sie an der Hoteltheke, gab sich alle Muhe, nicht mit den Fingern auf die Theke zu trommeln oder — was noch besser ware — den Angestellten dahinter zu erwurgen, wahrend sie ihn anbrullte, gefalligst seinen Hintern in Bewegung zu setzen. Offensichtlich setzte das Hotel nicht gerade seine besten Leute fur die Nachtschicht ein. Es war beinahe halb sechs, bis der Trottel es schlie?lich geschafft hatte, jemanden fur ihr altes Zimmer zu bestellen, sie auszubuchen und sie fur den nachsten Tag in ein anderes Zimmer neu einzubuchen. Sie stopfte sich die Schlusselkarte in die Tasche und ging. Es hatte keinen Sinn, ihre Sachen — das Wenige, was sie mit hatte — wieder aus dem Kofferraum zu holen, und eine Menge gute Grunde, es bleiben zu lassen.
Sie stieg in ihren Wagen und sa? einen Augenblick lang da, ohne den Zundschlussel umzudrehen.
Der Verkehr zur Wohnung seiner Freundin, wo sie die Kameras versorgen musste, war gar nicht schlimm. Ihr Name war Lucy Michaels, aber Cally zog es vor, ihre Beziehung zu einer Frau, die sie unter Drogen setzen und dann mit einem Toten im Bett liegen lassen wurde, so unpersonlich wie moglich zu halten. Sie machte sich eigentlich ziemliche Muhe, vergleichsweise gesprochen, die Nicht-Zielperson am Leben zu lassen. Worth hatte das nicht getan. Selbst einige von den Bane Sidhe hatten es nicht getan. Aber sie wurde sich besser dabei fuhlen.
Die Zeit, die sie brauchte, um zu der ersten Kamera zu kommen und den Download vorzunehmen, lie? unglucklicherweise dem Montagmorgen-Verkehr genugend Zeit, dichter zu werden, und die Route quer durch die Stadt zum Haus der Zielperson war nicht gerade verstopft, aber viel fehlte daran nicht. An einer Verkehrsampel schob sie den Wurfel mit ihrer Musiksammlung in die Audiokonsole und lie? sich den Katalog anzeigen.
Die Ampel schaltete um, und sie fuhr zu den ersten Klangen von »
Als sie das Viertel ihrer Zielperson erreichte, war es kurz nach halb acht, und sie parkte gleich um die Ecke, aber noch in Reichweite fur einen Download. Ein mannlicher Agent ware bestimmt nicht damit durchgekommen, so offensichtlich in einer Wohnstra?e zu parken. Aber Cally schob sich einen Streifen Bubble Gum in den Mund, drehte die Anlage ihres Wagens auf eine zu einem Teenager passende Radiostation, drehte die Lautstarke ein wenig hoher und fing dann an, sich die Nagel in einer au?erst trendigen Farbe zu lackieren. Jeder, der sie so sitzen sah, wurde annehmen, dass das einfach blo? ein Teenager war, der auf seine Freundin wartete. Das grell rosa Frottee-Schwei?band unter ihrem Haar und uber der Stirn und das au?erst voluminose T-Shirt und die grauen Sweat Pants waren eine Kluft, in der sich ein Teenager nicht einmal tot in der Mall wurde sehen lassen, aber um am Morgen mit einer Freundin zu joggen, war das gerade richtig.
Wahrend sie den Uberlack aufpinselte, lief auf ihrem PDA ein Suchmuster ab, das die Videosegmente mit menschlichen Gestalten oder bewegten Fahrzeugen ausfilterte. Die Zielperson und seine Frau hatten offensichtlich einen ruhigen Sonntag zu Hause verbracht. Und, was das Wichtigste war, es gab keinerlei Anzeichen fur unerwartete Hausgaste, nichts, was darauf hindeutete, dass au?er der Zielperson und seiner Frau jemand dort wohnte. Wie erwartet, war die Zielperson bereits weg. Die Frau war noch da.
Sie schaltete die Kameras auf Echtzeit plus zwei Sekunden und schlug eine Modezeitschrift auf, die sie mit gro?em Interesse studierte. Jedes Mal, wenn eine menschliche Gestalt oder ein bewegtes Fahrzeug in das Sichtfeld der Kameras kam, piepte der PDA leise. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm reichte aus, um ihr zu sagen, ob es sich dabei um die Frau der Zielperson handelte. Fur eine Immobilienmaklerin fing sie recht spat an. Als die Frau schlie?lich kurz vor neun Uhr funfzehn das Haus verlie?, war Cally sorgsam darauf bedacht, ihren Wagen keines Blickes zu wurdigen, als er an ihr vorbeirollte. Es wurde keinen Augenkontakt geben, den die Frau bemerken und an den sie sich spater erinnern wurde.
Cally wartete eine gute Viertelstunde, ehe sie aus dem Wagen stieg und um die Ecke und dann die Stra?e hinunter zum Haus der Zielperson joggte. Das war die kniffligste Phase dieses Einsatzes. Sie musste von der Stra?e ins Haus der Zielperson und spater wieder aus ihm heraus kommen, ohne gesehen zu werden oder zumindest dabei so alltaglich wirken, dass niemand sich an sie erinnerte. Sie bog ab, ging die Einfahrt hinauf und nach hinten zur Kuchentur, als ob sie ihr Laufpensum erledigt hatte und nachhause zuruckkehrte; wahrenddessen hoffte sie hei? und innig, uberhaupt nicht gesehen zu werden.
Das elektronische Schloss an der hinteren Tur zu knacken, kostete sie unter Einsatz eines hochgradig illegalen Zusatzgerates ihres PDA nur wenige Sekunden. Normalerweise registrierte es das Schloss, wenn die Passepartout-Schaltung eines Schlusseldienstes benutzt wurde, vergewisserte sich, dass dessen Einheit bei den stadtischen Behorden registriert war, und zeichnete zusatzlich die Seriennummer der Einheut auf. Ihr Gerat fing dieses Signal nicht nur auf, sondern hackte sich auch in die Einstellung des Schlosses, versicherte ihm glaubwurdig, dass es ausgebaut und zur Reparatur in die Fabrik geschickt worden war, offnete das Schloss, lud dann die Einstellungen neu und vermittelte ihm zu guter Letzt bezuglich des ganzen Vorfalls eine grundliche Amnesie.
Sobald sie sich im Inneren der Wohnung befand, wurde sie die Sperrknopfe fur weitere Manipulationen an der Tur verwenden konnen, die ja schlie?lich gema? ihrer Programmierung dafur sorgen sollten, dass unbefugte Leute drau?en blieben, nicht etwa drinnen. Sie streifte sich Gummihandschuhe uber, sperrte die Tur hinter sich ab und ging die Treppe suchen.
Das Haus war makellos gepflegt und roch nach Mobelpolitur und Olseife. Jemand, vermutlich Mrs. Petane, schatzte offenbar Orientteppiche und Mobelreproduktionen im Queen-Anne-Stil. Das Mobiliar war gut, aber sparlich; wer auch immer die Wohnung eingerichtet hatte, hatte darauf geachtet, dass jedes einzelne Stuck gut zur Geltung kam und die Raume nicht uberladen wirkten. Das verlegte Parkett freilich veranlasste sie dazu, leicht die Nase zu rumpfen. Eigentlich eine sehr gute Wahl, aber einfach zu gepflegt. Da war kein Laut zu horen. Was sollte das?
Im Obergeschoss gab es ein kleines Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Sessel, Couch sowie einem Bildschirm mit Wurfelstander und darunter ein Sammelsurium von Musik- und Videowurfeln. Eine Hand voll Memorywurfel und ein paar Aktendeckel, aus denen Prospekte von Immobilienmaklern ragten, waren uber den Schreibtisch verteilt.
Es gab auch zwei Gasteschlafzimmer, eines davon fur ein Kind eingerichtet und beide von einer dicken Staubschicht bedeckt, so als ob sie schon lange Zeit nicht mehr benutzt worden waren. Im hinteren Bereich des Hauses fand sie das Schlafzimmer des Ehepaars und das dazugehorige Bad. Sie wurde ihr kleines Geschenk im Bad unterbringen. Der Trick bestand darin, es so zu platzieren, dass die Frau der Zielperson es mit Sicherheit nicht finden wurde, und zugleich sicherzustellen, dass die Ermittler darauf sto?en wurden.
Sie hob ihr T-Shirt an und zog das flache, mit Isolierband verklebte Packchen heraus. Fur eine Immobilienmaklerin wurde der kleine Handspiegel harmlos und normal wirken. Sie schob ihn in eine Schublade unter ein paar Flaschen Enthaarungscreme und Mannerkolnisch.
Cally zuckte zusammen, als sie in der Einfahrt ein Motorengerausch horte. »Schei?e!«
Hastig schlug sie die Tur des Wandschrankchens zu und druckte das Packchen an sich. Das Buro kam nicht
