Als Tommy Sunday in seiner Geburtsstadt Fredericksburg herangewachsen war, hatte er gerne Tacos gegessen. Dann kamen die Posleen, Fredericksburg ging unter, und Tommy wurde einer der Zehntausend und trat anschlie?end in die Gepanzerten Kampfanzuge ein — auch als GKA bekannt. Als Verpflegung hatte den Zehntausend gedient, was sie sich eben hatten beschaffen konnen, wobei die Auswahl vorzugsweise nach dem Nahrwert und erst in zweiter Linie nach dem Geschmack erfolgt war. Spater, bei den GKA, waren die Anzugrationen ordentlich gewesen, aber an Tacos kamen sie nicht heran.

Bevor er und Wendy »starben«, hatten sie es geschafft, einen beachtlichen Anteil ihrer FedCreds zu verstecken und spater auf diskreten Konten zu investieren. Damit waren echte Tacos und eine ganze Menge anderer Dinge erschwinglich geworden, obwohl die Bane Sidhe nicht gerade gro?zugige Gehalter zahlte.

Er versuchte den Anflug von Enttauschung zu verbergen, als er auf seinen Teller blickte. Das hier entsprach nicht ganz seiner Vorstellung von echten Tacos. Die Maistortilla war echt, ebenso auch die Bohnen, der Kase und das Gemuse. Aber Tofu mit der Struktur und dem Geschmack von Rindfleisch lie? einiges zu wunschen ubrig. Unglucklicherweise war die Alternative Huhnchen, und nach Tommys fachmannischer Ansicht waren Huhnchen- Tacos noch schlimmer als Tofu-Tacos. Und seine Fleischration a? er dann lieber als gebratenes Huhnchen, statt es gehackt in seinem Taco zu sich zu nehmen und sich dann uber den unvermeidlichen Tofu zu argern. Aber er hatte begriffen: Dass er und Wendy sich einiges leisten konnten, lag an den nach allgemeinen Ma?staben exorbitanten Gehaltern, die die GKA im Posleen-Krieg bezahlt hatten und die seine Frau klug angelegt hatte. Dass sie au?erdem betrachtliches Geschick im An- und Verkauf von Antiquitaten entwickelt hatte, tat dem nicht gerade einen Abbruch.

Nach der Posleen-Landung war in Fredericksburg das alte Hobby seiner damaligen Freundin, Recherchen in ortlicher Geschichte anzustellen … nicht mehr zu halten gewesen. Sie war in die Franklin-SubUrb umgezogen und hatte dort erfolglos versucht, in der Feuerwehr einen Beitrag zur Kriegsfuhrung zu leisten. Dann war die SubUrb aufgefressen worden. Nachdem Wendy auch diesem Schicksal hatte entkommen konnen, war ihr Zutrauen zur Stabilitat jeder beliebigen Stadt oder Ortschaft ernsthaft erschuttert gewesen. Als der Krieg dann zu Ende gegangen war und sie geheiratet hatten und sesshaft geworden waren, hatte sie ihr Interesse an der Geschichte auf Gegenstande konzentriert, die man leicht befordern konnte.

Nach der Ruckkehr der Flotte hatte sie den organisierten Widerstand der Posleen durch gezielten Beschuss aus dem Orbit niedergekampft. Und anschlie?end hatte es unendlich viel aufzuraumen gegeben.

Tommy hatte der Bravo-Kompanie des 555th unter Iron Mike O’Neal angehort — dem einzigen Sohn von Papa O’Neal. Und in den hei?esten Schlachten des Krieges war die Bravo-Kompanie immer dort gewesen, wo es am hei?esten hergegangen war.

In der Sauberungsphase war die Kompanie dank der uberlegenen Beweglichkeit und Robustheit der Anzuge zu so etwas wie einer Dampfwalze geworden, die jeden uberlebenden Gottkonig uberrollt hatte, der auch nur den Versuch unternahm, eine Technologiebasis zu errichten.

So war Tommy schlie?lich nach funf Jahren globaler Sauberungseinsatze entlassen worden, um zu seiner Uberraschung festzustellen, dass das Geld, das er seit der Ruckkehr der Flotte Wendy nach Hause geschickt hatte — hauptsachlich, um es ihr zu ermoglichen, nicht wieder in eine SubUrb ziehen zu mussen -, nicht nur angewachsen war, sondern sich effektiv verdoppelt hatte.

Nach dem Krieg hatte er sich als Programmierer betatigt, als die Erfahrung von Kriegsteilnehmern, die sich mit AIDs auskannten, eine wahre Modewelle standig neuer und komplizierterer PDAs ausgelost hatte. Das Gehalt war nur ein Bruchteil dessen gewesen, was er bei den GKA verdient hatte, aber trotzdem hatten er und Wendy nicht gerade von Hot Dogs und Erdnussbutter leben mussen. Bis ihn dann die Cyberpunks rekrutiert und die Bane Sidhe seinen und Wendys »Tod« arrangiert hatten und sie beide der Bane Sidhe beigetreten waren.

Seitdem hatten sie sein Gehalt mit sorgfaltig ausgewahlten Investitionen vermehrt. Die meisten Agenten hatten es da nicht so gut getroffen. Medizinische und zahnarztliche Versorgung waren unubertroffen, dagegen lie? die Verpflegung so manches zu wunschen ubrig. Womit er wieder bei den lausigen Tacos angelangt war.

Tommy richtete sich auf, sah sich in der Cafeteria nach vertrauten Gesichtern um und grinste, als er Martin und Schmidt an einem etwas wackeligen runden Tisch in der Nahe der Kletterfeige in der Ecke sitzen sah. Zu Anfang seiner Tatigkeit hatte er gemeinsam mit Martin ein paar Ausbildungskurse absolviert, und die beiden hatten bald eine gemeinsame Vorliebe fur Chili-Hot-Dogs und eine ziemlich obskure Filmkomodie aus der Vorkriegszeit entdeckt. Er hatte sich liebend gern an den au?erst durchschnittlich aussehenden Schwarzen angeschlichen und etwas Schlaues gesagt, aber es uberraschte ihn uberhaupt nicht, dass er nur die Halfte des Weges unentdeckt schaffte.

»Was sind das fur Leute, die im Film Strumpfhosen tragen?« Der Kopf des Mannes blieb nach vorne gerichtet, aber seine laute Tenorstimme hallte durch den ganzen Saal.

»Hey, Lips, Mann, ich wei? doch, was du magst.« Tommy grinste und trug sein Tablett zu dem runden Tisch, stellte es ab und schnappte sich vom Nebentisch einen Stuhl.

»Ihr werdet doch jetzt nicht irgendwelche verruckten Dinge mit euren Ellbogen machen, oder?« Schmidt war klein. Mit seinem einen Meter achtundsechzig und dem glatten, blonden Haar, das so aussah, als ob ihm jemand einfach zwei Hand voll Stroh auf den Kopf geklebt hatte, sah Schmidt nach der Verjungung wie etwa vierzehn aus. In mancher Umgebung fiel ein Junge in einer Jeansjacke und einem ausgefransten Rucksack bei weitem nicht so auf wie ein Erwachsener.

»Blo?, weil du keinen Sinn fur das klassische Kino hast, George …«

Levon hatte sich auf seinem Stuhl herumgedreht und Tommy die Hand hingestreckt, als der jetzt Platz nahm. »Hey, Sunday, wie geht’s denn?«

»Gar nicht ubel. Tut wirklich gut, mal auf ein oder zwei Wochen aus dem Haus zu kommen«, raumte Tommy ein.

»Oh? Dabei hatte ich immer gedacht, du und Wendy wart die typischen Jungvermahlten«, sagte Martin.

»Wendy ist meine gro?e Liebe, aber in dieser Phase ist sie immer ein wenig nervig. Sie wird froh sein, mich eine Weile los zu sein, und bis ich dann wieder zuruck bin, ist sie wieder ganz die Alte«, sagte er.

»Mann, ihr beiden habt offensichtlich die reinste Wissenschaft daraus gemacht.« Schmidt blickte auf den wie ein T-Bone-Steak geformten Brocken Tofu. Er runzelte die Stirn, griff sich den Pfeffer und streute genugend daruber, um die unechten Spuren des Grillrosts zuzudecken, ehe er sich ein Stuck abschnitt und dann murrisch darauf herumkaute. »Verdammt, ich kann’s gar nicht erwarten, wieder ins Feld zu kommen.«

»Also anscheinend lassen die jetzt hier jeden rein.« Jay stellte sein Tablett ab und zog sich mit dem ausgestreckten Fu? einen freien Stuhl heran.

»Sabelmann! Dich habe ich ja ’ne Ewigkeit nicht mehr gesehen.« George grinste und streckte dem anderen die Hand hin.

»Sabelmann?«, fragte Tommy. »Wei? ich, was das soll?«

»Oh, auf der High School war Jay beim Borna Warrior unschlagbar. Ich habe nie kapiert, wie er das gemacht hat, aber damals, in der Unterstufe, war das, glaube ich, das coolste Spiel, das es in der Bibliothek gab.« George schuttete Maisso?e uber das Tofu-Steak.

»Ich kenne einen Typen, der daran gearbeitet hat. Du wei?t schon, im sechsten Level, wo man um eine Ecke geht und einen plotzlich ein ganzes Rudel Fleisch fressender Mini-Lops uberfallt? Das habe ich ihm empfohlen.« Tommy goss ein wenig Tabasco auf sein Taco, biss davon ab und wurzte nach.

»Du warst das? Saucool fand ich das, aber hie und da hatte eines von diesen Biestern ein Klappmesser und war einfach nicht umzubringen …« Schmidt spie?te mit der Gabel ein Stuck Tofu auf. »Mann, ich kann’s nicht erwarten, wieder in den Feldeinsatz zu kommen.«

»Was? Ich wusste gar nicht, dass du so scharf darauf bist?« Jay schmunzelte unglaubig.

»Nicht das, Jay. Du musst doch zugeben, dass das Essen besser ist. Und was das andere betrifft, na ja, einer muss ja schlie?lich die Dreckarbeit machen. Die Bullen schaffen ja nicht weg, was die verdammten Elfen hinterlassen. Also bin ich so eine Art kosmischer Hausmeister.« Er grinste. »Du hast kein Problem, wenn Shari jemanden aus der Arbeiterklasse heiratet, oder, Alter?« Er sah Martin mit einer hochgeschobenen Augenbraue durch die Haarstrahne an, die ihm wieder uber die Augen gefallen war.

»Dafur war’s jetzt wohl ein wenig spat. Und trag mal von wegen ›alt‹ nicht so dick auf, wenn’s dir nichts ausmacht.« Levon nahm einen gro?en Bissen von seinem Cheeseburger und sah mannhaft daruber hinweg, dass er fast uberhaupt kein Fleisch enthielt.

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