»Ubrigens, tut mir Leid, wenn ich damit vielleicht jemanden auf die Zehen trete, aber wie sieht’s denn mit Cally aus? Ist ja unglaublich, was da fur Geruchte in Umlauf sind«, meinte George und sah dabei Tommy an.
»Keine Ahnung, Mann. Du wei?t wahrscheinlich mehr als ich. Uns haben die blo? gesagt, wir sollten uns unsere Sachen schnappen und zusehen, dass wir den Shuttle erwischen.« Er schuttelte leicht den Kopf. »Ich habe sie nicht gesehen, und Papa O’Neal hat gesagt, wir sollten keine Fragen stellen. Und als er das sagte, hatte er seinen ›Kommt mir blo? nicht blod‹-Blick.«
»Ah, irgendwie wird er das schon hinkriegen. Ich meine, sie ist schlie?lich eine O’Neal, wei?t du?« Jay grinste, und wenn das Grinsen eine Spur unecht ausfiel — nun ja, schlie?lich machten sie sich alle Sorgen um ihre Teamkollegin. Und nicht nur, weil sie vielleicht diejenige im ganzen Verein war, die von allen am besten schoss.
Tommy wandte den Blick von seinen Teamkollegen und sah zu Martin hinuber. Er atmete tief durch.
»Ich habe gehort, dass du vielleicht eine ganze Menge daruber wei?t, aber nicht damit rausruckst, Levon«, meinte er.
»Ja, das stimmt, und ich wunschte, es ware nicht so. Seht mal, ich mag Cally. Ich respektiere sie. Ich wurde sie jederzeit gern in meinem eigenen Team haben. Aber die letzten paar Jahre … ich wei? nicht, vielleicht arbeitet sie einfach zu viel. Schlie?lich haben wir das ja alle irgendwie kommen sehen.« Er schuttelte den Kopf.
»Entschuldigung? Was kommen sehen?« Tommys Stimme klang jetzt scharfer.
»Sunday, jetzt spiel du mir nicht den gro?en Bruder. Das Mindeste, was ich fur sie tun kann, ist, es ihr zu uberlassen, dir das selbst zu erklaren. So viel bin ich ihr schuldig, und du ubrigens auch«, sagte er.
»Dann bist du also ziemlich sicher, dass sie in ein paar Tagen wieder im aktiven Dienst ist und alles das?«, fragte Jay beilaufig mit vollem Mund.
Martin blieb eine ganze Weile stumm.
»Wenn sie das nicht ist, konnt ihr mich ja noch einmal fragen«, sagte er.
Tommy warf sich zur Seite, als der Typ im grauen Anzug auf ihn zielte und dann das volle Magazin seiner Pistole auf ihn verfeuerte. Er hatte Zeit, den Splint zu ziehen und eine Handgranate zu werfen — die Munition war ihm ausgegangen -, ehe der schnell absinkende Gesundheitsindikator ihm zeigte, dass er getroffen und am Verbluten war. Er erwischte den anderen, aber das war bereits in den »zehn Sekunden des toten Mannes« gewesen. Trotzdem schrieb der Computer ihm den Treffer gut, und, was noch wichtiger war, der Uberfall war genauso erfolgt wie er das sollte, nachdem sein Hackfehler zuvor zu seiner Entdeckung gefuhrt hatte. Die holographische Projektion des Spiels verblasste.
»Du bist tot, Mann.« Er spurte, wie Jay ihm auf den Rucken klopfte.
»Hubsche Sonnenbrille. Und ich soll das auch sein.« Bei einer Gro?e von zwei Metern und hundertvierzig Kilo Gewicht war Tommy Sunday nicht gerade klein. Trotzdem sah er, von seiner Gro?e einmal abgesehen, fur einen Runderneuerten im ersten Jahrhundert ziemlich typisch aus. Das hei?t, er sah aus wie zwanzig und das, obwohl er inzwischen erwachsene Enkelkinder hatte, die als Babysitter fur seine und Wendys kleine Kinder fungieren konnten.
»Spielen wir noch ein Szenario durch?« Jay grinste vergnugt, als er sich neben seinem Teamkollegen auf einen Stuhl plumpsen lie? und die Fu?e neben Tommy auf den Tisch legte.
»Jo. Und nach dem grandiosen Mist, den ich vorher beim Hacken eines Systems gebaut habe, nun ja, da hatte ich zwar theoretisch noch eine kleine Chance, zu uberleben, aber
»Ah, was fur Opfer man doch manchmal fur die Qualitatskontrolle bringen muss.« Papa O’Neal holte sich einen Styroporbecher von dem Stapel neben der Kaffeekanne, zog einen kleinen Beutel aus der Tasche und biss einen frischen Priem ab.
»Ich habe das schon real durchgespielt. Und mehrere Male interaktiv. Jetzt will ich sehen, ob ich es knacken kann.« Der ehemalige GKA-Soldat zuckte die Achseln und beendete das Spiel, schob einen frischen Wurfel in den Leseschlitz, als Cally hereinkam, um mit ihrer Unterweisung zu beginnen. Die braunen Locken verblufften ihn nicht. Er hatte sie im Laufe der Jahre so ziemlich mit jeder vorstellbaren Haarfarbe und Frisur gesehen und fragte sich jetzt lediglich, ob die braunen Locken kamen oder gingen.
»Okay, Leute, das ist ein Anti-Spionageeinsatz vom Standardtyp. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Fleet Strike uber uns Bescheid wei? und dass man unsere Tarnung geknackt hat. Sie haben einen Mann eingeschleust. Deshalb ist dies eine Lagebesprechung in elfter Stunde, und weder ihr noch ich werden irgendwelche unuberwachte Kommunikation aufnehmen, und keiner von uns wird au?erhalb dieses Raums oder mit irgendjemandem au?er den hier Anwesenden uber diesen Einsatz sprechen. Die Zahl der Personen in der Bane-Sidhe-Hierarchie, die Details uber diesen Einsatz kennen, ist auf absolutem Minimum gehalten. Unser Auftrag besteht darin, die Identitat des Lecks zu finden und es zu stopfen.« Sie druckte einen Knopf auf dem Bildschirm ihres PDA und rief damit ein Hologramm eines Mannes, scheinbar Anfang drei?ig, in einer Generalsuniform von Fleet Strike auf — was bedeutete, dass er wahrscheinlich bereits seine zweiten hundert Jahre bekommen hatte.
»Dies ist General Bernhard Beed. General Beed ist mit der Aufgabe betraut worden, im Grunde genommen alles uber uns in Erfahrung zu bringen, was ihm moglich ist. Er ist dabei, sein Hauptquartier auf der Titan Basis zu errichten, um dort die von Fleet Strike entwickelten und noch zu entwickelnden Abwehraktivitaten zu koordinieren. Nach au?en hin ist sein Buro dort mit Kriminalermittlungen und der Leitung der Militarpolizei auf der Basis Titan betraut.« Sie tippte wieder an den Bildschirm, und das Hologramm wechselte und zeigte jetzt eine junge Gottin in der Uniform eines Captain.
»Und meine Tarnung, Sinda Makepeace.«
»Captain Makepeace befindet sich augenblicklich auf der Erde und soll diesen Sonntag um null acht eins funf in Chicago O’Hare an Bord eines Shuttle zum Titan gehen. Nach der vorlaufigen Planung soll der Austausch am Flughafen stattfinden. Ich gehe in einer Stunde auf die Platte.« Sie warf jedem von ihnen einen Wurfel zu.
»Hier ist der Rest von dem, was die Oberen mir gegeben haben und was ich daraus entwickeln konnte. Tommy und Jay, ihr beiden musst mir ein komplettes Profil uber samtliche Leute in diesem Buro beschaffen, einschlie?lich Stimm- und Bewegungsmuster fur Makepeace. Grandpa, du solltest dich bitte um den Flughafen und die Titan-Basis kummern, den Austausch planen sowie unseren Abgang, nachdem ich die Daten beschafft habe. Deine Tarnidentitat ist ein Mannschaftsmitglied auf einem Systemfrachter, der Industrieguter zu den Laden im Geschaftsviertel bringt. Die ortliche Tong wird dich decken, weil du eine inoffizielle Ladung Verjungungspraparate mitnehmen wirst. Wie es scheint, gibt es genugend Soldaten, die es sich so ziemlich jede Summe kosten lassen, Abnutzungserscheinungen von Verwandten etwas abzubauen. Selbstverstandlich werden sie dich fur die Praparate bezahlen — sie bekommen lediglich einen besonders guten Preis. Sie wissen nicht, weshalb du dich in der Umgebung der Titan-Basis aufhalten mochtest und wollen das auch nicht wissen.« Sie bemerkte, dass alle immer noch das Hologramm anstarrten, deshalb tippte sie den Bildschirm des PDA erneut an und sah, wie sie beim Verschwinden des Bildes blinzelten.
»Hat noch jemand Fragen? Nein? Sehr gut. Ich gehe jetzt in die medizinische Abteilung, wir sehen uns dann hier in drei Stunden wieder.« Sie griff sich ihren PDA und ging zur Tur.
»Ah … kleinen Augenblick, Cally«, rief Jay ihr nach und sah Tommy und Papa dabei an. »Ich wollte blo? sagen, und ich glaube, damit spreche ich fur jeden hier: Wir alle sind froh, dass du mit uns auf diesen Einsatz kommst. Und ich bin auch sicher, dass ich fur uns alle spreche, wenn ich sage, ich bin sicher, dass, nun ja, dass alles gut ausgehen wird.«
»Ah … vielen Dank, Jay.« Ihre Stirn hatte sich leicht gerunzelt, aber ihr Blick wurde warmer, als sie sich umwandte und hinausging.
»Wirst du eine namenlose Pille bei dir haben?« Papas Stimme klang, als ob er das fur eine sehr gute Idee hielte.
»Nein. Das Geheimnis dieser Pille ist mehr wert als ich. Und wenn die mich schnappen, konnten sie sie finden, und selbst wenn das nicht der Fall ware, ware die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass du innerhalb der Zeitgrenze an mich herankommst. Fur meinen Geschmack ist das zu sehr wie eine Selbstmordpille. Ich habe nicht
