vor, mich erwischen zu lassen, aber wenn es dazu kommt, werde ich alles tun, was die Nonnen uns beim Survival-Training beigebracht haben. Au?erdem wurde die Zeit vermutlich gar nicht ausreichen, um eine Pille nach meinen neuen Werten herzustellen. Und offen gestanden, ich habe nicht vor, sie zu brauchen.«
»Wenn das nicht die kurzeste Einsatzbesprechung war, die ich je erlebt habe, musste ich mich schwer tauschen.« Tommy starrte noch einen Augenblick auf die Tur, ehe er den Wurfel nahm, den Cally ihm hingeworfen hatte, und ihn in den Leseschlitz seines AID steckte.
»Wollen wir doch zur Sache kommen«, meinte O’Neal und spuckte zielsicher in seinen Becher, wahrend er eine Karte des Flug- und Raumhafens Chicago aufrief.
»Okay, ich fuhle mich jetzt besser, seit ich sehe, was sie vorbereitet und uns ubergeben hat. Cally hatte immer ein gutes Gefuhl dafur, mit wie viel Hacken sie durchkommt.« Er ging zur Maschine und holte sich einen frischen Kaffee.
»Jay, du ubernimmst die Deckung, ich besorge mir die Personalakten des restlichen Stabes.«
»Ich hatte das ungern vor Cally gesagt, aber der Captain ist schon verdammt gut gebaut«, meinte Jay beeindruckt.
»Ja, das schon, aber die Nase ist eine Spur schief, und sie wird immer Make-up brauchen, um ihre Augenbrauen dunkler zu machen und so«, bemerkte Tommy.
»Du hast tatsachlich auf Nase und Augenbrauen geachtet?«, fragte Jay unglaubig. Papa O’Neal schuttelte blo? den Kopf.
»Kurz. Ganz kurz«, grinste Tommy.
»Macht weiter, Leute. Ich muss noch etwas erledigen. Bin gleich wieder da.« Papas Blick war finster.
Johnny Stuart war kein Morgenmensch. Unglucklicherweise hatte das Coburn-Madchen den Vormittag frei, weil sie zum Zahnarzt musste, und Mary Lynn war wie die meisten Kinder Fruhaufsteher. Deshalb sa? er jetzt in einem zerwuhlten Bett und rieb sich die Augen, wahrend ihm eine Funfjahrige auf den Scho? kletterte.
Mary Lynn hatte dunkelbraune Locken wie ihre Mutter, aber Johnnys Gesichtszuge. Blo? dass sie an ihr besser aussahen. Nachdem seine Frau vor drei Jahren an Krebs gestorben war, hatten die Arzte ihm gesagt, dass dieser Umstand das Risiko fur Mary Lynn erheblich erhohte. Mit Beziehungen hatte er es vielleicht geschafft, sich die neuen Praparate zu besorgen, um sie zu retten, aber Sue hatte nicht viel von Beziehungen gehalten, und der Krebs hatte sich plotzlich eingestellt, und ehe er etwas hatte tun konnen, war Sue tot, und ihm blieb nichts ubrig, als sich um Mary Lynn alle Muhe zu geben. Er verstand nicht viel von den Zahlen, die der Doktor erwahnt hatte, schlie?lich war er auf der Schule nur bis zu Algebra gekommen, aber dass er es Sue schuldig war, nie in eine Lage zu kommen, in denen der den Seinen nicht helfen konnte, wenn sie krank waren, ganz besonders, wenn es um seine Tochter ging, war ihm sehr wohl klar.
Also war er daran gegangen, fur die Leute mit den meisten Beziehungen zu arbeiten, die er finden konnte, und hatte sich bei ihnen den Ruf erworben, ein findiger Mensch zu sein, der bereit war, alles fur sie zu tun, ganz gleich, was das erforderte. Haufig waren das Dinge gewesen, die au?erhalb der normalen Regeln gelegen hatten. Aber ein Mann, der fur die Seinen nicht ein paar Regeln brach, war kein richtiger Mann. Das war das Beste an seiner kurzlichen Beforderung. Wenn er es schaffte, das durchzuziehen und die verdammten Aliens dabei glucklich machte, wurden er und Mary Lynn sich nie mehr Sorgen zu machen brauchen.
»Wie geht’s meinem Sonnenschein heute?« Er fing an, sie gnadenlos zu kitzeln, bis sie sich ihm schlie?lich entwand und vom Bett kletterte.
»Du bist albern, Daddy«, sagte sie. »Ich habe Hunger. Wo ist Traci?«
»Traci musste zum Zahnarzt, Sonnenschein. Heute Morgen sind blo? wir beide da, du und ich. Ich will uns Kaffee machen und nachsehen, ob ich irgendwo Cornflakes finde.« Er gahnte.
»Lucky Charms!« Sie rannte kichernd in Richtung Kuche davon.
»Okay, ich glaube, wir haben noch welche«, rief er ihr nach und zog sich die schon ein wenig fadenscheinige Pyjamahose ein wenig hoher, als er aus dem Bett stieg. Vielleicht sollte er sich mal einen neuen Schlafanzug kaufen. Er trottete in die Kuche, machte Kaffee und holte zwei kleine Schusseln heraus, wahrend die braune Bruhe aus der Kaffeemaschine tropfte. Er war eigentlich blo? nach Silverton zuruckgekehrt, um seine Angelegenheiten dort abzuschlie?en und in Ordnung zu bringen. Die Beforderung bedeutete, dass sie nach Chicago ziehen mussten, und kunftig wurde er haufig reisen mussen. Das bedeutete, dass er Mary Lynn haufig allein lassen musste, und passte ihm gar nicht, aber schlie?lich war seine neue Tatigkeit zu ihrem Vorteil, und er wurde sie kunftig besser beschutzen konnen. Das war hart, aber wenn sie alter war, wurde sie das verstehen.
Mehrmals hatte er versucht, Traci Coburn dazu zu bewegen, mitzukommen, damit Mary Lynn sich nicht an einen neuen Babysitter zu gewohnen brauchte, aber Traci hatte sich nicht von ihrer Familie trennen wollen. Das konnte er verstehen. Man musste schon recht kosmopolitisch eingestellt sein, um ebenso gut mit Stadtleuten wie mit solchen vom Lande zurechtzukommen. Und das musste man Johnny lassen, er kam wirklich gut mit Leuten zurecht. Der Trick bestand darin, ihnen das zu sagen, was sie horen wollten, mit moglichst wenig echten Lugen darunter. Das Talent dafur hatte er immer gehabt, aber in den Jahren nach Sues Tod hatte er sich wirklich Muhe gegeben und seine Fahigkeit zu einer echten Kunst entwickelt.
Er stellte Mary Lynn die Schussel hin, setzte sich ebenfalls an den Tisch und rief auf seinem AID seine Vormittags-E-Mails auf. Auf Anhieb konnte er sehen, dass es heute ein wenig schwierig werden wurde. Die Sekretarin des Tir wollte wissen, was er hinsichtlich von Worth’ Tod in Erfahrung gebracht hatte, und die nackte Wahrheit war, dass er sich darum zwar uber eine Woche bemuht, aber praktisch nichts zu bieten hatte. Also wurde er sich heute etwas einfallen lassen mussen, das vielleicht nicht exakt den Tatsachen entsprach, aber doch uberzeugend genug war, um auszureichen, bis er wirkliche Erkenntnisse zu bieten hatte. Er schickte ihr kurz eine E-Mail und versprach, gleich Montag fruh einen Bericht zu schicken. Sie langer hinzuhalten wurde nicht gut sein.
Johnny war sich ziemlich sicher, dass es ein Auftragsmord gewesen war, aber er wurde seinen neuen Job nicht damit beibehalten, dass er Offensichtliches wiederholte. Er brauchte etwas Greifbares, und zwar schnell. Vielleicht half es, sie ein wenig in die Irre zu fuhren. Schlie?lich starben die ganze Zeit Menschen. Wenn er nichts uber
Als Mary Lynn genugend von der gro?en rosa-schwarzen Hummel und den vielen lachelnden Kindern in Beschlag genommen war, die den ganzen Bildschirm einnahmen, klappte Johnny ein Tablett auf und lie? sein AID eine virtuelle Tastatur sowie einen Holoschirm projizieren. Er brauchte jetzt blo? jemanden zu finden, der einmal fur die Darhel tatig gewesen und jetzt nicht mehr am Leben war, vorzugsweise jemand, der seit Worth’ Hinscheiden gestorben war, aber im Notfall auch vorher.
»Leanne, durchsuche die Datenbanken bitte nach Leuten, die fur unsere Organisation gearbeitet haben, und nenne mir alle, die zwischen dem 9. Mai dieses Jahres und dem heutigen Tag gestorben oder verschwunden sind«, sagte er.
»Worth, Charles. Seit 13. Mai als verschwunden gemeldet, wahrscheinlich tot. Fiek, Samuel. Seit 13. Mai verschwunden, wahrscheinlich tot. Greer, Michael. Seit 15. Mai tot, absichtliche Liquidierung nach Kontrakt. Samuels, Vernard. Tot seit 19. Mai, Autounfall. Petane, Charles. Tot seit 21. Mai, Rauschgiftuberdosis. Liste komplett«, rezitierte das AID.
Okay, Fiek und Worth standen fast mit Sicherheit in Verbindung, und das bedeutete, dass sie nach achtzehn Uhr funfundvierzig am 10. Mai verschwunden waren, wo ein Junge sich erinnerte, einem Mann in Fieks Apartment eine Pizza geliefert zu haben. Der Pizza-Junge hatte Fieks Gesicht aus einer Anzahl von Bildern herausgepickt, nachdem er ihm ein halbes Dutzend Zwanziger gegeben hatte.
Es gab fur Fiek keine bekannten Grunde fur Abneigung gegenuber Worth, und das galt auch umgekehrt.
