Sauberungsmannschaft, der dort verstaut ist. Dann haben wir bis null siebenhundert Zeit, um zur Damentoilette in der Abflughalle S-6 zu kommen. Ich schicke Cally eine ›Eingetroffen‹-SMS. Wir hangen ein ›Defekt, Wartungsarbeiten‹-Schild auf, lassen aber Cally ein. Sobald wir Nachricht erhalten haben, dass die Zielperson in Bewegung ist, entfernen wir das Schild und rollen den Karren beiseite in Richtung Herrentoilette. Alle anderen, mit Ausnahme der Zielperson, weisen wir hoflich ab. Wenn die Zielperson die Toilette betritt, kehren wir mit dem Schild zuruck und warten auf Callys Signal. Dann schiebe ich den Karren hinein, helfe nach Bedarf beim Kleiderwechsel, verstaue Makepeace im Abfallbehalter und decke sie mit entsprechenden Abfallen zu. Wir bringen Makepeace zum Wagen, setzen ihr die Perucke aus dem Handschuhkasten auf, verpassen ihr das billige Bier und die Whiskeyproben, die dort bereitliegen, fahren sie zu Treffpunkt eins, spritzen ihr Hiberzine und ubergeben sie der Reinigungscrew. Treffpunkt zwei erreichen wir spatestens um null acht drei?ig und machen dann so weiter, wie Jay es gesagt hat. Papa?« Er leckte sich Schokoladereste von den Fingern, ehe er die Hulle zusammenknullte und sie mit einem wohl gezielten Wurf in den Papierkorb in der Ecke beforderte.

»Ich habe den leichten Vortrag. Genau wie Tommy, blo? dass ich vor der Toilette warte, wahrend du beim Kleiderwechsel hilfst. Abbruchcode?«

»Toledo«, tonten sie wie aus einem Mund.

»Richtig. Wenn euer PDA oder AID Toledo ruft, verschwindet ihr und haltet euch mindestens zwei Tage versteckt, ehe ihr zum Stutzpunkt zuruckkehrt, oder ihr schickt der Bane Sidhe einen Wurfel, eure Entscheidung. Wir sind alle erfahrene Agenten. Wenn ihr nach bestem Ermessen an irgendeinem Punkt ›Abbruch‹ sagen wollt, dann tut es. In diesem Geschaft ist kein Platz fur Heldentaten. Jay, es passt uberhaupt nicht zu ihrem Profil, aber falls Makepeace erst in letzter Sekunde ans Gate gerannt kommt und sich uberhaupt nicht hinsetzt, dann rufst du einfach Toledo. Ein Austausch, der nicht sauber ist, ware schlimmer als ein Abbruch, ganz besonders bei diesem Einsatz. Also gut. Wir verduften jetzt hier.« Er betrachtete den Muffin, den er in der Hand hielt, mit einem schiefen Grinsen, blieb an der Tur stehen und uberlegte offenbar, ob er ihn unangetastet wegwerfen sollte. Dann nahm er einen Bissen davon und ging hinaus.

»Was ist denn los, Grandpa? Magst du keine Maismuffins? Wir haben das so selten«, sagte sie und grinste.

»Du Miststuck, ich kann zu jeder Mahlzeit Maisbrot essen. Selbst wenn die Yankees darauf bestehen, Zucker hineinzutun.«

Sonntagmorgen, 26. Mai

Callys unechter Koffer passte gut zu ihrer Person. In ihren Papieren stand, dass sie Irene Grzybowski war. Irene war die Art von Frau, fur die an einem uberfullten Ort wie einem Flughafen niemand einen zweiten Blick ubrig hatte: zwischen vierzig und funfzig, unformige Figur, die meiste Zeit zu Boden blickend, den Sicherheitsbeamten gegenuber hoflich, aber nicht freundlich. Und deshalb wurdigte sie auch niemand eines zweiten Blickes. Niemand sah sie an, als sie den abgewetzten Stoffkoffer, der so aussah, als ob man ihn aus dem Sofa einer College-Studentin gemacht hatte, auf die Theke hievte. Niemand sah sie an, als sie, die Plastikspritze mit dem Tranquilizer mit Heftpflaster im Elastikband ihres Bustenhalters festgeklebt, durch die Sicherheitssperre ging. Einem Bustenhalter ubrigens, der viel dazu beitrug, sie fett und unformig und nicht etwa gut gebaut erscheinen zu lassen. Niemand sah sie an, als zu Gate S-6 ging, die Damentoilette gegenuber der Abflughalle aufsuchte und in der zweiten Kabine von hinten eine fur diese Raumlichkeit naturlich wirkende Sitzhaltung einnahm. Sie war Grandpa und Tommy zuvorgekommen und hatte sich nicht nach Jay umgesehen. Das ware unprofessionell gewesen.

Sie holte ihren PDA aus der Handtasche, klappte ihn auf und stellte ihn auf den Behalter mit dem Toilettenpapier. Der Stimmzugang des Buckley war naturlich abgeschaltet. Sofern der Abbruchcode hereinkam, wurde der PDA zu vibrieren beginnen. Sie hoffte, dass das nicht notwendig sein wurde.

Ein Blick auf das Uhren-Icon auf dem Bildschirm: null sechs dreiundfunfzig. Gut im Zeitplan. Nachdem sie Tommy die SMS geschickt, die Spritze herausgeholt und vorbereitet und sich das Haar geburstet hatte, gab es eigentlich nichts mehr fur sie zu tun, au?er sich zu beeilen und zu warten. Der Trick bei solchen Einsatzen war es, sich auf den Bildschirm des PDA zu konzentrieren, ohne davon in eine Art Hypnose zu geraten. Callys Losung dafur war, den Bildschirm zu teilen und die kleinen Icons mit der Bezeichnung »in motion« und »Video« in die obere Halfte zu platzieren und auf der unteren Halfte ein uraltes Minensuchspiel aufzurufen.

Um sechs achtundfunfzig blinkte das Nachrichtenicon: Tommy und Grandpa waren eingetroffen.

Das Blinken des Videoicons fiel ihr um sieben null funf ins Auge. Sie legte das Bild auf die untere Bildschirmhalfte und hatte gerade die Zielperson zum ersten Mal zu sehen bekommen, als das »In motion«-Icon zu blinken begann. Okay, Zeit genug, mir den Film anzusehen, nachdem ich mit ihr fertig bin. Wenn sie aus freien Stucken kommt, muss sie hierher kommen. Am besten schnappe ich sie mir, wenn sie die Kabine verlasst. Sie atmete gleichma?ig, als die Tur sich offnete, alle ihre Sinne waren hellwach. Etwas stimmte hier nicht. Der Schritt war zu schwer, und das waren auch nicht die Schuhe einer Frau. Ihre Muskeln spannten sich.

»Cally?«, flusterte eine Stimme.

Das konnte Tommy sein. Oder nicht. »Ah … die Kabine ist besetzt.«

»Sie hat sich einen Donut gekauft und sich wieder hingesetzt. Mach einen Reset und warte, dass er sich erneut meldet«, sagte er.

»Geht klar.« Die Stimme war eindeutig Tommy. Sie horte, wie er den Raum wieder verlie?, als sie die Reset-Schaltung vornahm und sich dabei beeilte, um zu wissen, wann die Zielperson wieder ihren Platz verlie?. Ganz gleich, wie der Auftrag auch aussah, es gab immer etwas, das nicht ganz nach Plan lief. Trotzdem wunsche ich mir von ganzem Herzen, dass das nicht wieder so ein Tag aus der Holle wird. Du liebe Gute, unter dem verdammten Bett!

Sie betrachtete das Video, registrierte den Sitzplatz der Zielperson und dass sie ein Notebook bei sich hatte. Das war durchaus logisch, schlie?lich ubte sie einen Verwaltungsjob aus. Normale Bildschirme waren immer noch die geringste Belastung fur die Augen.

Wahrend sie so wartete, konnte sie gelegentlich Mannerstimmen horen, wenn Tommy und Grandpa weibliche Reisende zur nachsten Toilette weiterschickten. Um sieben vierzehn blinkte das »In motion«-Icon erneut.

Sie schaltete ab, steckte den PDA ein, nahm die Spritze in die Hand und stand auf. Als die Tur aufging, betatigte sie die Spulung, damit ja alles echt wirkte, offnete die Tur ihrer Kabine und ging zum Waschbecken, als die Zielperson zur Tur hereinkam, an ihrer Fleet-Seide herunterblickte und leise Verwunschungen vor sich hin murmelte.

Als Cally das Waschbecken erreicht hatte, hatte sich die andere Frau eine Hand voll Papiertaschentucher gegriffen und wischte an dem feuchten Flecken herum. Sie blickte nicht einmal auf, als die Attentaterin hinter sie glitt, ihr die Hand uber den Mund presste und mit geubtem Blick den richtigen Punkt fur eine Halsinjektion fand. Makepeace hatte keine Zeit, sich lange zu wehren, als das starke Praparat sich in ihrem Kreislauf verbreitete und sie erschlaffte, gleichma?ig atmend, wahrend Cally sie zu Boden sinken lie?.

Du hast Gluck, dass ich dich leben lassen kann. Sie ging zur Tur, offnete sie einen Spalt und winkte Tommy mit dem Karren herein. Grandpa nickte ihr kurz zu, ehe er sich wieder umdrehte und nach irgendwelchen Bedrohungen Ausschau hielt. Als Tommy hereinkam, stand sie bereits wieder bei den Waschbecken und hatte damit begonnen, die Verschlusse am Oberteil der grauen Seidenuniform der Zielperson zu losen.

»Ich mach das, zieh du dich aus.« Tommy winkte sie von der bewusstlosen Frau weg.

Sie zog sich schnell bis auf den Schlupfer aus und lie? ihre Kleider ordentlich und in der Reihenfolge auf dem Boden liegen, wie sie sie fur die andere Frau brauchen wurden. Dann schlupfte sie in den erfreulicherweise gut gearbeiteten BH der Frau und deren Seide, fand in ihrer Handtasche genugend Kosmetikartikel, um eine passable Kopie ihres Make-ups herzustellen, und steckte sich ihr platinblondes Haar in einen Knoten. Gott sei Dank tragt sie keinen Nagellack. Die richtige Farbe auf die Schnelle hinzukriegen, ware lastig gewesen.

Socken und Halbstiefel, die zum Gluck nicht vorschriftsma?ig waren — mit Stutzsohlen — und sie war fast fertig. Den Buckley auf ihrem PDA und den Speicher hatte ein Spezialist am Abend zuvor gereinigt und au?erlich

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