dies nicht unbedingt fur einen Vorwand und war sich nicht recht sicher, was sie eigentlich davon halten sollte.
Heute hatte Pryce genuschelt, er brauche etwas aus seiner Kabine. Sie hatte nicht sehr darauf geachtet und war eigentlich froh, dass ihr das Zeit lie?, ein wenig daruber nachzudenken, was sie eigentlich hinsichtlich seiner Person empfand. Er war nicht gerade der gro?te Tollpatsch, dem sie je begegnet war, aber viel fehlte daran nicht.
Ihre Kaffeetasse war leer, also ging sie in die Messe zuruck, um sich nachzuschenken. Sie konnte ein paar geflusterte Bemerkungen horen und auch Blicke spuren, aber die Abzeichen an ihrem Kragen verhinderten Eindeutigeres. Als sie mit dem frischen Kaffee wieder hinauskam, war Pryce zuruck.
»Ich frage mich, was heute auf dem Wurfel ist. Haben Sie schon nachgesehen?«, erkundigte sie sich.
»Nein, Ma’am.« Er lehnte sich an die Wand, ein kleines Stuck au?erhalb normaler Gesprachsdistanz, als ob er Angst hatte, ihr zu nahe zu kommen.
»Okay. Vielleicht erzahlen Sie mir dann ein wenig uber unser Buro auf Titan. Waren Sie schon mal dort?« Ihr Rucken schmerzte bereits ein wenig, und sie stand ein Stuck von der Wand entfernt, um nach hinten zu greifen und den kleinen Krampf wegmassieren zu konnen.
»Was? Oh.« Er schuttelte leicht den Kopf. »Ich war schon auf Basis Titan, Ma’am, aber nicht beim CID. Ich habe mich bei dem General gemeldet, ehe er die Erde verlassen hat. Okay, Ma’am, Sie wissen, dass der General gerade erst das Kommando uber die Dritte MP-Brigade auf Titan ubernommen hat. Der gro?te Teil der Brigade, praktisch alle mit Ausnahme von zwei Kompanien, dem Brigadehauptquartier und der CID-Sektion, ist bei diversen Infanterieeinheiten im vorgeschobenen Einsatz. Was das Tagesgeschaft angeht, wird die Brigade praktisch vom XO, Colonel Tartaglia, geleitet. Der General ist der Ansicht, dass er sich vorzugsweise um CID kummern sollte, und deshalb werde ich, mit Ausnahme der altehrwurdigen Aufgabe, Canapes zu verteilen, hochstwahrscheinlich dort den Gro?teil meiner Zeit verbringen. Das ist auch der Grund, weshalb der General so gro?en Wert darauf gelegt hat, dass Sie mit allen Hintergrundinformationen der CID vertraut sind. Wenn er Sie auffordert, ihm etwas zu suchen, dann … nun ja, Geduld und Erklarungen gehoren nicht zu seinen starken Seiten, Ma’am.«
»Ich fange schon an, mich richtig auf diesen Job zu freuen«, bemerkte sie trocken.
Stewart hatte immer Jobs ohne feste Zeiteinteilung gehabt. Als die meisten Teenager seines Alters in Junkfood-Lokalen darauf gewartet hatten, dass ihre Schicht zu Ende ging, hatte Stewart unter seinem ursprunglichen Namen, Manuel Guerrera, eine erfolgreiche Street Gang gefuhrt. Damals wie jetzt war es nicht moglich gewesen, Organisationsprobleme und Zustandigkeiten innerhalb festgelegter Burozeiten zu erledigen. Und deshalb lag er jetzt hier auf seiner Pritsche, wahrend Captain Makepeace entweder in ihrer Kabine war oder wei? Gott was tat, eine Liste von Namen und detaillierten Sicherheitsprofilen studierte und herauszufinden versuchte, wer von den Fleet-Strike-CID zugeteilten Leuten auf Titan mit gro?ter Wahrscheinlichkeit von der namenlosen feindlichen Organisation eingeschleust worden war, die ihr Kontakt ihnen genannt hatte.
Heute Morgen waren endlich die kompletten Profile reingekommen, aber so wie er die Arbeit mit Makepeace geplant hatte, hatte er sie sich untertags nicht ansehen konnen. Sie wurden morgen Nachmittag auf Titan Orbit eintreffen, und er wollte, dass die Liste vor ihrer Landung fertig war. Wahrend er auf der Erde war, waren funf weitere von ihren Leuten auf Titan eingetroffen, und er wollte wissen, womit er es zu tun hatte, ehe er ihnen das erste Mal begegnete.
Das war eine au?erst schwierige Aufgabe, weil sie uber die Zielsetzungen und Motive des Feindes praktisch uberhaupt nichts wussten, wenn man einmal davon absah, dass dazu Spionage gegen Militar- und Regierungsorganisationen der Foderation zahlte, was an und fur sich schon ausreichte, um auf unfreundliche, wahrscheinlich sogar feindselige Absichten zu deuten. Nach derzeitiger Kenntnis, oder besser gesagt nach derzeitigen Theorien, hatten sich extreme Kreise unter den Humanisten endlich hinreichend organisiert, ein Gedanke, der einem Angst machen konnte, wenn man bedachte, wie viel wilde Posleen sich noch auf der Erde und anderen Planeten befanden, und in welchem Ma? die Verteidigung der Erde gegen sie immer noch vom Kauf von GalTech-Technik und Geratschaften abhing.
Fur die Flotte und auch fur Fleet Strike lag die oberste Prioritat in standiger Wachsamkeit gegen eine mogliche Reorganisation der Posleen, und dazu gehorte auch das Bestreben, von den Posleen eingenommene Gebiete zuruckzuerobern. Jeder einzelne wilde Posleen stellte eine potenzielle Gefahr dar, weil jeder mit dem fundamentalen Wissen seiner Spezies zur Welt kam. Bei den meisten wilden Posleen handelte sich es zwar um die dummen und kaum vernunftbegabten Normalen, aber alle Posleen waren Hermaphroditen, die sich im Notfall auch selbst befruchten konnten. Ein einziger intelligenter Gottkonig verfugte uber das Potenzial, die ganze wutende Horde neu ins Leben zu rufen.
Demzufolge bestand der erste Teil seiner Aufgabe darin, samtliche Humanistenverbindungen der einzelnen Personen aufzulisten und — das war der zweite Teil der Aufgabe — alles zu registrieren, was in diesen Unterlagen oder denen ihrer Freunde und Verwandten aufschien und auf
Das wurde eine lange Liste und demzufolge eine lange Nacht. Anders beispielsweise hatte einen Bruder und einen zweiten Cousin, die Humanisten waren, wobei der Bruder der Aktivere war, aber sie und ihr Bruder waren angeblich zerstritten und hatten schon seit Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Konnte stimmen. Konnte aber auch Tarnung sein. Bakers Familie lebte in der Indianapolis Urb und war scheinbar vollig unpolitisch. Carlucci hatte au?erhalb von Fleet Strike weder Familie noch Freunde. Sergeant Franks hatte eine Frau, die Humanistin war. Ihr Profil war in dem Bericht enthalten und man wusste von ihr, dass sie der Ansicht war, die Aliens steckten mit den Freimaurern, den Illuminati und dem Satan unter einer Decke — die typische humanistische Spinnerin. Jedenfalls machte ihn das eindeutig zu einem Sicherheitsrisiko. Und mit dem Rest verhielt es sich ahnlich. Selbst Makepeace hatte einen Nachbarn auf der daneben gelegenen Farm mit einer Tochter, die Humanistin war. Von funfzehn Leuten im Buro hatten zwolf die eine oder andere dokumentierte humanistische Verbindung. Die anderen drei, nun ja, sicher sein konnte man nie, oder?
Nirgendwo im bewohnten Universum war der Smog so dicht wie auf der Titan-Basis. Aus der Schwarze des Weltraums kommend sah der leuchtend blaue Rand der Stickstoffatmosphare fast erdahnlich aus, aber die orangebraune Schicht aus Kohlenwasserstoff-Smog war so dick, dass man uberhaupt nicht hindurchsehen konnte, und hatte Los Angeles oder Mexiko City der Vorkriegszeit oder das heutige Chicago wie eine schimmernde Bastion atmospharischer Reinheit erscheinen lassen.
Der Shuttle verzichtete auf kunstliche Schwerkraft, und deshalb fuhlte sich die erste Etappe ihres Eintritts in die Atmosphare von Titan an, als wurden sie einen steilen Hugel hinaufreiten, wobei »unten« in Richtung ihrer Sitzlehnen war. Pryce hatte ihr den Fensterplatz uberlassen, und Cally starrte zum Fenster hinaus, bemuht, nicht vollig wie ein Tourist zu wirken. In einundfunfzig Jahren eines Lebens, das in vieler Hinsicht jede Art von kosmopolitischem Schliff hinterwaldlerisch erscheinen lie?, war dies ihre erste Reise
Der Lieutenant griff uber ihre Schulter und deutete auf eine flockige, wei?e Masse. »Da, schauen Sie, eine Wolke. Davon bekommen wir nicht zu viele zu sehen.«
»Das ist Methan, nicht wahr?« Sie starrte zum Fenster hinaus.
»Ja, Ma’am.«
Als sie in den dichten braunen Dunst eindrangen, bogen sie auf die Nachtseite des Mondes. Drau?en wurde es schwarz. Unglucklicherweise befanden sie sich im falschen Winkel, sodass sie von ihrem Fenster aus den Saturn nicht sehen konnten. Sie uberwanden den »Hugel« des freien Falls, und es ging nach »unten«, sodass sie leicht nach vorne gegen die Sitzgurte gedruckt wurden, als der Shuttle abzubremsen begann.
»Werden wir vom Stutzpunkt aus Saturn sehen konnen?« Sie reckte den Nacken, um sehen zu konnen, ob durch das abgedunkelte Fenster etwas Interessantes zu erkennen war.
»Nur gelegentlich als verschwommenen hellen Punkt in der Dunkelheit, Ma’am.« Er lachelte bedauernd. »Abgesehen davon ist es im Gro?en und Ganzen so, als wurde man in einem Vogelkafig unter Wasser leben,
