fertig. Pryce war nicht bei ihm.
»Also, Sie sind ja gut vorangekommen, Captain.« Er trat hinter sie und stand ein Stuck zu nahe bei ihr, als sie sich uber den Schreibtisch beugte, um nach einem weiteren Papierstapel zu greifen. Zufalligerweise zog das den grauen Stoff uber ihren Pobacken straff, sodass er die Konturen ihrer Hinterpartie deutlich erkennen konnte.
»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie bitte, ein wenig langer zu bleiben? Wir machen gewohnlich gegen funf Schluss, aber … wenn Sie mogen, lade ich Sie zum Abendessen ein. Wo ich Sie doch bitte, Uberstunden zu machen.« Sie konnte jetzt fast am Hals seinen Atem spuren.
Sie richtete sich auf und drehte sich um, hielt die Papiere in der Hand und blickte zu ihm auf. Er befand sich ganz eindeutig innerhalb ihrer Intimsphare.
»Aber, Sir, das ist doch nicht notig.« Ihre blauen Augen wurden gro? und rund.
»Naturlich nicht, Captain. Aber Sie konnten mir dann erklaren, wo Sie alles hintun. Sie wurden mir wirklich einen personlichen Gefallen tun, wenn Sie meine Einladung annehmen, Sinda. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich Sie Sinda nenne, oder?« Er lachelte bezaubernd. Das machte er recht gut, die Charmesache. Sie wusste das zu schatzen.
»Aber uberhaupt nicht, Sir.« Sie lachelte. »Und Abendessen ware mir recht.«
Er brachte sie in ein recht elegantes kantonesisches Lokal ein Stuck weiter unten am Korridor. Cally gab sich alle Muhe, sich nicht wie ein Tourist zu benehmen. Jedenfalls nicht zu sehr. Von
Nach Beeds Erklarung teilte der Korridor die Basis von Osten nach Westen — Himmelsrichtungen, die man nach der Rotationsachse des Mondes festgelegt hatte, da es keine nennenswerte geo-magnetische Aktivitat gab. Im Norden uberwachte die Militarpolizei von Fleet Strike ihren eigenen Quadranten, der fur Ersatzteile, Produktionsanlagen und die galaktischen Rassen reserviert war, sowie den Korridor selbst. Im Suden war die Sicherheitspolizei von Fleet fur ihren eigenen Quadranten zustandig, der Kolonisten, Durchgangsreisenden und Zivilpersonen zugeteilt war und auch den Shuttle-Hafen enthielt. Jemandem, der die ultramachiavellischen Tendenzen der Darhel nicht richtig kannte, mochte es seltsam erscheinen, dass Fleet Strike fur die Bewachung von Ersatzteilen und Vorraten zustandig war, die in erster Linie von der Flotte benutzt wurden. Fur Cally war das blo? ein weiteres Beispiel dafur, dass man die Dinge komplizierter machen konnte, um sie leichter manipulieren zu konnen.
Die Besitzer des Restaurants hatten es sich offenbar einiges kosten lassen, mit der Dekoration ein Gefuhl kantonesischer Authentizitat aufkommen zu lassen und deshalb die GalPlas Wande mit rot-goldener Tapete mit einem Drachenmotiv tapezieren lassen. Die Leuchtfarbe der Tafel vor dem Lokal war so verandert worden, dass man das Gefuhl hatte, ein Neonschild vor sich zu sehen, das in englischer Sprache den Namen des Etablissements »The Golden Dragon« verkundete. Anscheinend handelte es sich um ein Restaurant der oberen Klasse, in dem Offiziere, wohlhabende Geschaftsleute und gelegentlich Kolonisten verkehrten, die vor der letzten Etappe nach drau?en etwas harte Wahrung fur eine letzte ordentliche Mahlzeit springen lie?en.
Trotzdem war es an diesem Montagabend nicht einmal annahernd voll, und man fuhrte sie schnell an einen Tisch in einer Ecke, der von einer kleinen Kugel beleuchtet wurde, die — fast, aber nicht ganz — wie Kerzenlicht flackerte. Neben den Tellern lagen eine zusammengefaltete Serviette aus echtem Stoff, eine Gabel und zwei Essstabchen aus Plastik. Sie bestellte Huhnchen su?-sauer und eine Fruhlingsrolle. Das Lokal gab sich sehr kultiviert, wirkte aber fur ihren geubten Blick trotzdem touristenhaft. Da bestellte man am besten etwas, das nicht so leicht zu verpatzen war.
»Konservativer Geschmack?«, fragte er, nachdem er den
»Warum? Habe ich etwas gewahlt, was ich nicht hatte nehmen sollen, Sir?« Sie blickte verlegen zur Seite. »Ich dachte nur, es sieht interessant aus. Wurden Sie mich fur eine … Landpomeranze … halten, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich meine Besuche in Restaurants wie diesem an den Fingern einer Hand aufzahlen kann?«
»Nein, Captain — Sinda — Huhnchen su?-sauer ist schon in Ordnung.« Er lachelte, es wirkte beinahe sanft. »Ich vergesse manchmal, wie jung einige unserer Offiziere sind.« Ihre Hand lag auf dem Tisch, und er griff hinuber und strich ihr uber den Handrucken. Sie fuhr sich mit der Zunge nervos uber die Lippen und strich sich eine Haarstrahne aus dem Gesicht.
»Jung, aber durchaus eine sehr erwachsene Frau. Nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe, sind Sie ein tuchtiger junger Offizier, Sinda«, sagte er.
»Danke, Sir.« Sie drehte sich halb zu ihm herum, und strahlte ihn mit ihren kornblumenblauen Augen an.
Am nachsten Morgen begegnete sie Pryce beim Kaffeeautomaten, sah ihn aber, nachdem er dann in Richtung CID weggegangen war, den ganzen Vormittag nicht mehr. General Beed hingegen blieb unubersehbar. Ihre erste Aufgabe am Morgen, so erklarte er ihr, bestand darin, mithilfe ihres PDA sein E-Mail-Konto aufzurufen und seine Korrespondenz auszudrucken und sie fur ihn nach Kategorien zu sortieren. Sie musste sich auf die Lippen bei?en, um ihn nicht darauf hinzuweisen, dass er die Mails von einem AID oder PDA sortieren, nach Wichtigkeit anordnen und auch in Routinefallen beantworten lassen konnte — er brauchte es nur zu verlangen. Nachdem er sich dann die Korrespondenz angesehen und darauf vermerkt hatte, was damit geschehen sollte, holte sie den Stapel aus seinem Ausgangskorb, um alles durch eine nur leicht verbesserte Version eines Vorkriegskopierers zu jagen, wobei eine Kopie in seine Akte ›Korrespondenzeingang‹ abgelegt werden musste, ehe irgendetwas beantwortet oder in anderer Weise bearbeitet werden durfte.
Der Mann war ganz offenkundig ein Dinosaurier, und wenn er mit ihr sprach, hatte sie manchmal alle Muhe, beim Lacheln nicht mit den Zahnen zu knirschen.
Aber in einem Punkt legte sie sich mit ihm an. Wer auch immer hier den Kaffee machte, sollte von Rechts wegen erschossen werden.
»Sir, ist Ihnen etwas, ah … Seltsames an unserem Kaffee aufgefallen?«, begann sie.
»Er wird hier vor Ort angebaut, in der Hydroponik, Makepeace. Es hat mit der Luft zu tun — Sie werden sich daran gewohnen.« Er zuckte die Achseln und summte leise vor sich hin, wahrend er sich durch ein paar Berichte des Fleet-Strike-Militargefangnisses arbeitete.
Der Gefangniskomplex befand sich auf dem Stutzpunkt, allerdings in einer vollig separaten Kuppel. Flucht war naturlich moglich. Es hatte auch schon solche Falle gegeben. Einige Male. Fur Fleet Strike war das gro?te Argernis daran, dass man anschlie?end eine Crew in Anzugen hinausschicken musste, um die Leichen zu bergen. Cally war sich nicht sicher, ob sie es den Gefangenen ubel nehmen sollte. In nicht atembarem Smog zu ersticken war vermutlich ein wesentlich angenehmerer Tod als ein Unfall bei Null-g-Arbeit im Orbit, und das war gewohnlich das Schicksal aller Gefangenen, die nicht eine ausgesprochen kurze Strafe zu verbu?en hatten. Und Gefangene mit kleineren Problemen wurden normalerweise gar nicht erst zur Titan-Basis geschickt.
Nachdem sie seine Korrespondenz erledigt hatte, was darauf hinauslief, nach hingekritzelten Notizen zu diktieren, was ihrer Meinung nach als Antwort angebracht war, diese Antwort ausdruckte, sie Beed fur etwaige Anderungen vorlegte, ihm dann einen weiteren Ausdruck zur Genehmigung brachte, ehe sie sie wegschickte — und zu dem Zeitpunkt lag bereits ein weiterer Stapel Papier in seinem Ausgangskorb. Sie stellte fest, dass er mehrere Vorwande gebrauchte, um in ihr Buro zu kommen, scheinbar um irgendwelche Arbeiten zu uberprufen.
