Danach zu schlie?en, freilich, wie er dabei jeweils viel zu dicht hinter ihr stand und ihr die Hand auf die Schulter legte, wenn er Bemerkungen machte, die stets plausibel, aber nie unbedingt notwendig waren, konnte man deutlich erkennen, dass der General dabei nicht nur die Arbeit im Sinn hatte. Seinem Profil hatte sie entnommen, dass er verheiratet war, eine Tatsache, die er ihr gegenuber bisher noch nicht erwahnt hatte und die auch, da er keinen Ring trug, nicht offenkundig war. Sie hatte den Unterlagen ebenfalls entnehmen konnen, dass seine Frau siebenundvierzig und nicht verjungt war. Sie hatte ihn zur Basis Titan begleitet, aber Cally konnte sich sehr gut vorstellen, dass die arme Frau nicht mit ihm Schritt halten konnte.
Kurz nach halb zwolf kam er herein und zog demonstrativ ein paar Schubladen in Aktenschranken auf und blatterte in den Unterlagen.
»Sie haben die Sachen gut organisiert, Sinda. Seit Sie jetzt hier ein System eingerichtet haben, sollte es viel leichter sein, etwas zu finden, wenn ich es brauche.« Er sah auf seine Armbanduhr und dann wieder sie an. »Zeit furs Mittagessen. Wie war’s, wenn wir uns ein Sandwich schnappen und Sie mir beim Mittagessen das neue Ablagesystem erklaren?«
»Selbstverstandlich, Sir. Wann mochten Sie gehen?«
»Ich dachte jetzt gleich, Captain.« Er sah sie mit einem entwaffnenden Lacheln an. »Ich wei? nicht, wie das bei Ihnen ist, aber mein Magen fangt zu knurren an.«
»Du liebe Gute, Sir, das geht naturlich nicht. Lassen Sie mir nur einen Augenblick Zeit, um eine Liste der Dateien auszudrucken, dann bin ich so weit.« Sie lachelte ihn freundlich an, wandte sich dann ab und sagte mit leiser Stimme etwas zu ihrem PDA. »So. Jetzt konnen wir die Liste beim Hinausgehen an dem Drucker von CID abholen.«
Er trat einen Schritt von der Tur zuruck, wollte ihr offenbar den Vortritt nach drau?en lassen und schob sie dann sanft — und vollig unnotig — mit der Hand am Rucken hinaus. Eine Hand, die er gleich wieder wegnahm, als sie um die Ecke bogen und den allgemeinen Empfangsbereich betraten.
Der General wartete, wahrend sie hinten am Flur den Ausdruck holte. Als sie dann den Raum verlie?en, machte Anders den Eindruck, als ware sie vollig in die holografische Darstellung irgendeines Formulars vertieft.
Der Sturm auf das Mittagessen hatte noch kaum begonnen, und deshalb brauchten sie nur kurz auf einen Wagen zum Korridor zu warten.
»Gibt es im Quadranten von Fleet Strike eine Cafeteria oder etwas Ahnliches?« Cally legte den Kopf etwas zur Seite und sah ihn fragend an.
»Da ware die Messe, der Offiziersclub und eine Snack-Bar in der Mannschaftskantine. Das Essen im Offiziersclub ist recht anstandig, aber dort ist es immer ein wenig … voll. Kein guter Ort fur ein Arbeitsessen«, sagte er.
Der Grill, in den er sie brachte, befand sich in einer der oberen Etagen. Die Nischen bestanden aus hohen Gal-Plas-Wanden, die man so eingestellt hatte, dass sie das Licht in einem rosigen Braun reflektierten, das an Kirschholz erinnerte. Der niedrige Gerauschpegel und der etwas hohle Klang der Stimme des Kellners, als der sich vorstellte und ihnen ihre Speisekarten gab, verrieten ihr, dass das Lokal uber elektronische Schalldampfung verfugte. Niedriges Niveau. Aus dem Augenwinkel sah sie eine kleine, runde Scheibe, die hinter dem Serviettenhalter hing.
Er bestellte ein Roastbeef-Sandwich, sie einen Huhnchensalat auf Pitabrot.
»So, Sie wollten mir das Ablagesystem erklaren«, lud er sie mit einer aufmunternden Handbewegung ein.
»Yes, Sir. Ich habe die Akten aufgeteilt in Hauptquartier, CID, und dann die verschiedenen Einheiten. Und darunter ist es dann alphabetisch.«
»Darf ich die Liste sehen?« Er wartete nicht ab, bis sie sie ihm gab, sondern griff nach dem Papier und streifte dabei keineswegs zufallig ihre Hand. Seine Augen musterten dabei die ihren und warteten auf eine Reaktion. Sie gestattete sich ein verschworerisches Aufblitzen.
Ware schlie?lich nicht das erste Mal, dass sie bei einem Auftrag Sex einsetzen musste, wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal. Und im Bett war er wahrscheinlich eher mittelma?ig als regelrecht schlecht. Die meisten Manner waren das.
Die wochentliche Lagebesprechung fand am spaten Nachmittag statt. Sie wurde immer dicht beim Wechsel zwischen der ersten und zweiten Schicht angesetzt, damit die oberen Dienstgrade beider Waffengattungen, gleichgultig zu welcher Schicht sie gehorten, daran teilnehmen konnten.
Das sorgte dafur, dass der General das Buro verlie?, und Cally schaffte es, sich genugend Arbeit zurechtzulegen, um Uberstunden zu rechtfertigen. Es war auch eine gute Gelegenheit, sich unbeobachtet Zugang zu einigen der CID-Raumlichkeiten zu verschaffen, um ein wenig herumzustobern. CID arbeitete normal. Die bizarre Versessenheit des Generals auf Papier galt offenbar nicht fur Dinge, die nicht durch seine Hande gehen mussten, und deshalb hatte sie gleich am ersten Abend einen gro?en Teil ihrer Suche per Computer erledigen konnen. Als Sekretarin des Generals hatte sie kein Problem, durch die Tur zu kommen, und anschlie?end galt es nur noch ihre Spuren zu verbergen. Sie hatte nichts von Interesse gefunden und hoffte, dass sie vielleicht auf Datenwurfel mit nicht direkt in den Systemen abgelegtem Material sto?en wurde.
Nach der ersten Schicht setzte das Hauptquartier zwei Militarpolizisten an der Endstation des Stutzpunktzuges ein, um das Kommen und Gehen zu uberwachen und dafur zu sorgen, dass Unbefugte drau?en blieben, aber Anders und die CID-Agenten gingen gewohnlich um siebzehn Uhr oder kurz danach weg. Sie wartete, bis funf funfundvierzig, ehe sie absichtlich eine Akte falsch ablegte, die der General beim Mittagessen erwahnt hatte, und ging dann zum Wasserspender, der bequemerweise druben im CID stand.
CID war ein Flur von sechs Buros, die alle an ein Besprechungszimmer grenzten. Die Wande zwischen den Turen waren mit Ausnahme der Namensschilder und der Schlie?platten leer. In dem Buro neben dem Besprechungsraum stand der Wasserspender, und dort lagerte auch Beeds Papiervorrat. Als sie an den geschlossenen Turen vorbeiging, konnte sie die Turschilder eines jeden Buros betrachten und etwaige Stimmen horen. Aus den geschlossenen Turen und der herrschenden Stille war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu schlie?en, dass die Agenten bereits alle nach Hause gegangen waren.
Sie nahm am Spender einen Schluck Wasser und lauschte dann noch einmal einen Augenblick, ehe sie das Buro verlie? und vorsichtig die Burotur von Agent Carlucci offnete. Die Turen der Agenten waren naturlich versperrt. aber da der General jederzeit eine Akte verlangen konnte, stand sie auf der Liste der Leute mit Generalzugang.
Carluccis Schreibtisch bestand aus massivem Plastikmaterial. Die meisten Einrichtungsgegenstande waren das, da vor Ort reichlich organisches Material vorhanden war und deshalb nicht von der Erde oder anderen Orten im Sol-System hertransportiert werden musste. Seine Pinwand war erfrischend schwach bestuckt, sie enthielt lediglich sein Abschlusszertifikat aus dem Ermittlerkurs und eine Tafel mit einer Belobigung fur zehn Jahre Dienst im CID. Auf dem Schreibtisch: ein altmodisches Foto seiner Frau und nicht viel mehr. Auf dem Boden stand ein Ficus in einem Plastikkubel und ein Boston-Farn in einem Topf, der auf einem Plastikstander stand, dessen Lackierung Schmiedeeisen vortauschen sollte. Abgesehen von einem Trainingsgerat fur die Handmuskeln, drei verpackten Proteinriegeln und zwei Drei-Kilo-Hanteln enthielt sein Schreibtisch nichts au?er Staub, und sie achtete sorgfaltig darauf, darin keine Spuren zu hinterlassen.
Li war ziemlich neu und hatte mit Ausnahme eines tropisch aussehenden Baums mit gro?en, glanzenden Blattern noch nichts in sein Buro gebracht. Nicht einmal staubig war es. Vermutlich hatte jemand es sauber gemacht, ehe er eintraf, und er war noch nicht lange genug da gewesen, dass sich eine neue Staubschicht hatte bilden konnen. Sie war uber die unterste Schublade gebeugt und gerade dabei, sie wieder zu schlie?en, als sie drau?en im Flur ein Gerausch horte. Damit war sie rechtzeitig gewarnt, um nicht zusammenzuzucken, als die Tur sich aufschob. Sie blickte nur auf und schloss in aller Ruhe die leere Schublade. Es war Pryce, und obwohl sie eine knappe Sekunde Vorwarnung gehabt hatte, spurte sie, wie ihr Atem schneller ging und ihre Handflachen feucht
