wurden.

»K-k-kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Ma’am?«, fragte er.

»Vielleicht. Haben Sie die Urlaubsakte gesehen?« Sie wischte sich die Hande an ihrer Seidenkombination ab und richtete sich ganz auf. »Sie enthalt den markierten Entwurf der Uberarbeitung fur die Urlaubsdaten der Brigade und samtliche Vorschriften fur Krankmeldungen.«

»Oh, die.« Seine Stirn runzelte sich kurz. »Sanchez hat sie heute Nachmittag gehabt, Ma’am.«

»Er hat sie zuruckgebracht. Daran erinnere ich mich, und ich dachte, ich hatte sie abgelegt. Doch jetzt finde ich sie nicht, und es ware mir wirklich peinlich, wenn der General sie morgen verlangen wurde und ich sie dann suchen musste.« Ihr Gesicht verfinsterte sich nachdenklich.

»Vielleicht ist Sanchez noch eine Bemerkung eingefallen, die er nachtraglich anbringen wollte, und er hat sie sich noch einmal ausgeborgt, Ma’am?«

»Konnte sein. Wir konnen ja schnell nachsehen.« Und so kam es, dass Pryce bei ihr war, als sie Sanchez’ Buro durchsuchte, und deshalb wagte sie es nicht, die drei Wurfel zu kopieren, die sie in seiner obersten Schreibtischschublade fand.

»Nichts gefunden, hm?«, fragte er.

»Leider nicht.« Sie richtete sich auf und ging an ihm vorbei zur Tur hinaus. Anscheinend war er aus dem Gleichgewicht geraten, als er sich hinter ihr umdrehte, denn er stolperte wieder gegen sie und hielt sich mit einer Hand an ihrem Arm, dicht unter der Schulter, mit der anderen an ihrer Hufte fest. Sie wusste genau, wo seine Hande gewesen waren, weil die Haut dort immer noch prickelte, als er wieder fest auf den Beinen stand und die Hande wegnahm. »M-Ma’am, tut mir sehr Leid.« Er senkte den Blick. Ihm war das offenbar schrecklich peinlich. »Ich schatze, ich bin manchmal ein wenig ungeschickt.«

»Denken Sie sich nichts dabei, Pryce, niemand ist vollkommen.« Sie lachelte mitfuhlend. »Sie waren doch schon mal auf Titan. Sie wissen nicht zufallig, ob es irgendwo auf diesem riesigen Schneeball ein Lokal gibt, wo man eine ordentliche Pizza bekommt, oder?« War das gerade eine Einladung? Jo. Warum in drei Teufels Namen fuhle ich mich eigentlich zu diesem Tollpatsch hingezogen? Wahrscheinlich sollte ich mit dem General ein wenig schneller machen, ehe ich vollig durchdrehe. Du hast hier Arbeit zu erledigen, Cally. Wach auf, verdammt, anstatt dich an nette Lieutenants ranzumachen.

»Ja, da wei? ich genau das richtige Lokal, Ma’am. Ich konnte Ihnen den Weg erklaren, aber es hat keine besonders gro?e Tafel. Die kostet blo? Geld, und ich schatze, Lin ist der Ansicht, dass er das nicht braucht. Er macht ohnehin das gro?te Geschaft mit Lieferung ins Haus. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Gesellschaft zu haben, ich habe auch noch nicht gegessen …«

»Ah, das ware nett, Pryce.« Schlie?lich muss ich ohnehin essen. Das hat uberhaupt nichts mit diesen abgrundtiefen schwarzen Augen zu tun. Uberhaupt nichts.

Die Little Venice Pizzeria war ein winziges Lokal auf der unteren Etage. Stewart schatzte, dass die Kuche die Halfte der gesamten Flache einnahm. In der kleinen Gaststube herrschte etwas mehr Betrieb als ublich, aber sie brauchten nicht lange zu warten, bis sie einen Tisch bekamen. Wahrend der Helfer ihren Tisch sauber machte, nutzte er das Sammelsurium von Drucken und neu interpretierten Holos des alten Venedig als Anregung fur Small Talk. Rings um die Gaststube hingen Blumenkasten mit uppigem Grun, sodass das ganze Lokal viel starker an die Erde erinnerte als jeder andere Ort, den sie bisher auf Titan kannte. Im Hintergrund lief eine Tony-Bennett-Schnulze. Stewart sah, dass sie die Plastikrosen auf dem Tisch bemerkt hatte und lachelte.

»Nicht gerade der richtige Ort fur ein Geschaftsessen, Lieutenant.«

»Wollten wir uber das Geschaft reden, Ma’am? Die machen hier eine sehr ordentliche Pizza. Ich wei? nicht, ob Sie sehr hungrig sind, aber ich bin es jedenfalls. Teilen wir uns eine Gro?e?«

»Klingt gut. Bilde ich mir das ein oder riecht es hier drinnen nicht so … nach Smog … wie drau?en?«, fragte sie.

»Das bilden Sie sich nicht ein. Lin hat zusatzliche Filter einbauen lassen, und die Pflanzen helfen auch. Er sagt, die Luftverschmutzung sei schlecht fur die Hefe, was immer das bedeutet. Also, Ma’am, was mogen Sie gerne auf Ihrer Pizza?«

»Alles und zusatzlichen Kase.« Makepeace grinste wie ein kleines Kind.

»Ah … Ma’am, wie war’s mit con tutto, aber ohne Anchovis?« Er ging zur Theke und sah sich nach ihr um, schob eine Augenbraue hoch.

»Einverstanden.«

»Eine gro?e Mullpizza, extra Kase und ohne Katzenfutter.« Er musterte die schmachtige Brunette hinter der Theke neugierig. »Hi, Suzannu, nett, Sie wieder mal zu sehen. Wo ist Lin?«

»Seine Frau ist krank, also helfe ich hier ein paar Tage aus, bis es ihr wieder besser geht. Hab’s kapiert, einmal Mull ohne Katze, zusatzlich Kase. Kommt in einer Viertelstunde. Wollen Sie was dazu trinken?« Sie stellte zwei leere Becher auf die Theke. »Tut mir Leid, hab nicht viel Zeit, um mich zu unterhalten. Wei? gar nicht, wo mir der Kopf steht und wie ich das alles hier schaffen soll, blo? ich und Jon, und wir haben wirklich Hochbetrieb.«

Ganz wie er das erwartet hatte, als er seinen Ausweis rauszog und ihn durch den Leser zog, versuchte Makepeace zu bezahlen, aber das lie? er nicht zu, und sie ging nicht so weit, einen Befehl daraus zu machen. Wahrscheinlich wurde er sie beim nachsten Mal bezahlen lassen. Was? Augenblick mal — nachstes Mal? Sie ist nicht einmal ein Drittel so alt wie du, du Idiot, und au?erdem strohdumm. Komplikationen brauchst du bei diesem Job ganz sicherlich nicht. Also, nach dem Job — sie ist immer noch nur ein Drittel so alt wie du und strohdumm, aber … sie ist offensichtlich volljahrig und, hey, Hirn ist schlie?lich nicht alles. Und Wahnsinnstitten hat sie.

Sie bekamen ihre Drinks und nahmen Platz, was einen Augenblick lang Verwirrung ausloste, weil beide einen Platz mit Blick zur Tur suchten. Er lie? ihr den Vortritt. Sie war Captain, und er lief hier als Lieutenant. Der Tur den Rucken zuzuwenden, nervte ihn, aber da konnte man nichts machen.

»Weshalb sind Sie eigentlich zu Fleet Strike gegangen, Pryce?«

»Um aus der SubUrb rauszukommen, fur die Runderneuerung, um off-planet gehen zu konnen, das Universum sehen, Posties wegpusten. Reicht das, Ma’am?«

»Also, wenn Sie nicht mit Ma’am aufhoren, wird das ein langer Abend, Pryce. Au?er Dienst konnen Sie das Ma’am getrost weglassen und einfach Makepeace sagen, okay?«

»Okay Und warum sind Sie ausgerechnet zu Fleet Strike gegangen?« Er vertilgte das erste Drittel seines Drinks.

»Um von der Farm zu kommen. Fur die Verjungung. Um wenigstens von einer Welt ein bisschen mehr zu sehen zu bekommen, ohne gleich Kolonistin werden zu mussen. Ich wollte nicht Farmersfrau auf der Erde werden und auch nicht auf irgendeinem anderen gottverlassenen Planeten. Zuhause hatte ich nicht die leiseste Chance. Mein Bruder wird die Farm ubernehmen, und ich hatte inzwischen entweder drei kleine Kinder haben und mir dort, wo ich aufgewachsen bin, als Farmersfrau den Hintern aufrei?en konnen. Oder hier sein. Ich habe mich fur hier entschieden. Und wenn die mich rausgeschickt hatten, um Posties kaltzumachen, na ja, die sind immerhin der Grund, dass ich nie meine Gro?mutter mutterlicherseits kennen gelernt habe, also haben die, schatze ich, noch was von meiner Familie gut.«

»Die Verjungung war mir auch wichtig, aber am Ende ware ich genau deswegen beinahe doch nicht dazu gegangen. Wo ich herkomme, mag man keine Runderneuerten«, sagte er.

»Vielleicht wird das Vorurteil nicht mehr so gro? sein, wenn wir in funfzig Jahren rauskommen. Oder die Praparate sind dann allgemein verfugbar, und es gibt keinen Grund mehr, darauf neidisch zu sein.« Sie zupfte am Tischtuch.

»Optimist.« Er grinste, und sie grinste zuruck, und in diesem Augenblick war sie fur ihn so schon, dass er einen Augenblick den Atem anhielt und sie blo? anstarrte.

Als er schlie?lich wieder einatmete, ging das ganz plotzlich, und dann hingen ihre Augen aneinander, und beide hatten aufgehort zu lacheln. Suzannu zerstorte den Zauber, indem sie seinen Namen rief und eine Pizzaplatte auf die Theke schob. Er nutzte die Chance, den Blick von ihr loszurei?en und das Essen zu holen.

Sinda dabei zuzusehen, wie sie ein Stuck Pizza a?, war faszinierend. Sie nahm es mit einer Hand und stutzte die Pizzaschnitte mit zwei Fingern der anderen ganz vorn unter der Spitze. Er war fest uberzeugt, dass sie sich alles, was auf dem Teig lag, in den Scho? kippen wurde, aber das tat sie nicht. Sie biss vorsichtig ab und

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