und betrachtete sich vorn und hinten. Keine Narben, keine Spuren, aber die gibt es nie. Sie beugte sich vor und musterte ihre Augen, die wieder ihre eigenen waren. Kornblumenblau. Dann legte sie die Zahne frei und betrachtete sie von allen Seiten — perfekt, wie gewohnlich. Nicht das geringste Anzeichen, dass etwas beschadigt worden war.

Cally ging ins Badezimmer und stellte das Glas neben das Becken, holte sich einen sauberen Waschlappen aus dem Schrank, stapfte zum Bett zuruck und stellte das Glas auf den Nachttisch.

Hoffentlich reichte das wenigstens fur ein paar Tage Freizeit.

Mit dem Touch-Pad neben dem Bett reduzierte sie die Lautstarke auf leise Hintergrundmusik und schaltete das Gerat dann auf Random Play. Anschlie?end schaltete sie mit dem Touch-Pad aktive Gegenma?nahmen ein, rollte sich dann zur Seite und nahm das Kissen auf eine Art und Weise in die Arme, die seltsam an ein Kind mit einem Pluschtier erinnerte, und sank dann in den Schlaf.

Tibet. Vor dem Krieg ware sie in jeder Menschenmenge durch ihre Gro?e aufgefallen. Nach dem Krieg, wo uberall, wo es noch Menschen gab, Amerikaner waren, fiel sie mit ihrem mausbraunen, kurz gestutzten Haar und dem roten Anorak uberhaupt nicht auf. Und jetzt, im Haus, in einem abgedunkelten Schlafzimmer. Der ehemalige Parteifunktionar hatte die ursprungliche Eroberung durch die Posleen um zwei Wochen beschleunigt und damit fur sich zwanzig Jahre geborgter Zeit gewonnen. Eines seiner Kinder quietschte vor Vergnugen in einem anderen Zimmer uber die Serie, die gerade im TV lief. Die Wurgeschlinge arbeitete vollig gerauschlos.

Irland. Ein amerikanischer Funktionar auf Urlaub. Wie es schien, horte der Tourismus nie auf. Keine Zeugen, aber er ist ganz in Schwarz, ein Spieler? Sein Halswirbel bricht mit einem leichten Knacken, ohne Muhe, und er rollte beim Fallen, und es ist wei? und sollte doch nicht wei? sein, warum war er hier? Herrgott, nein. Nein.

Das Licht ist rot und riecht nach Weihrauch und Buchern. Er bastelt in dem Zufluchtsort herum. Ein ereignisloser Tag. Father, sind Sie bereit, meine Beichte zu horen? Dort, ja, durch die Tur. Was? Drau?en. Schnee fallt. Die Turen versperrt. Kann nicht rein. Immer das Gleiche. Kann nicht wieder rein.

Florida. Mit Delfinen schwimmen. Mom ist bei mir. Sie ist stolz auf mich. Und das Wasser ist kuhl und die Sonne hei?. Der alberne Herman. Heute Abend gibt’s Key Lime Pie und vor dem Zubettgehen nimmt Dad mich in die Arme.

Sie wachte mit einem Lacheln im Gesicht auf, schaltete abwesend die Gegenma?nahmen ab und griff nach dem Waschlappen, um sich das Gesicht abzutrocknen. In drei?ig Jahren bin ich kein einziges Mal allein aufgewacht, ohne dass mein Gesicht triefend nass war. Aber Gott sei Dank schlafe ich wie ein Baby. Ich lebe gerne in einer Stadt am Strand. Sie setzte sich auf, stapfte zur Ankleide hinuber und offnete mit einem Daumenabdruck die unterste Schublade. »So, wer mochte ich heute sein? Nicht Sarah. Mal sehen, hier am Ort, Spa?, ohne Hirn, aber kein Tunichtgut … Pamela. Ja, das sollte gehen. Sonnenbraune, perfekte Nagel. Eine Manikure, eine Pedikure, grundliches Shopping am Nachmittag und dann am Abend ausgehen.« Sie betrachtete ihr Bild im Spiegel. »Genau, was dir der Arzt verschrieben hat, Pamela.«

Sie legte die rosa Handtasche auf die Kommode, schloss die Schublade, griff sich einen winzigen BH und dazu passende Hoschen in silbergrauer Spitze. Sie duschte, wusch sich das Haar, farbte die Wurzeln ein wenig nach und dergleichen, da Pamela ja schlie?lich keine echte Blondine ist. Eine Flasche mit grauer Lotion benutzte sie bedachtig, spulte nach und uberprufte dann das Resultat. Wie immer: keine Flecken, keine Streifen und absolut keine Braunungsspuren.

Sie ging zum Kleiderschrank zuruck, stand einen Augenblick davor, fand in ihre Rolle. »Pamela. Smart, locker. Mag Rosa und Grau.« Sie legte eine rosa Bluse mit einem V-Ausschnitt, graue Schuhe und eine Rupfenstrandtasche aufs Bett und holte flache braune Riemchensandalen aus einem der Facher in der Wand ihres Kleiderschranks. »Uhr? Ja, braunes Armband, analog.« Sie legte sie zu der Strandtasche.

Als sie dann angekleidet war, machte sie sich auf die Suche nach Fruhstuck. Pamela bedeutete Grapefruit, aber zuerst warf sie einen verweisenden Blick auf Sarahs Schuhe im Wohnzimmer und brachte sie dorthin, wo sie hingehorten.

Nach dem Fruhstuck fuhr sie zur Mall. Bis jetzt gab es in New Charleston erst eine, aber sie war standig uberfullt. Ehemalige Urbies, die sich allmahlich wieder an das Leben an der Oberflache gewohnten, gingen gern hin, weil die Mall sie auf wohlige Weise an Zuhause erinnerte, und selbst die Teenager von Charleston fanden die Klimatisierung angenehm. Low Country Nails and Spa war in der untersten Etage, ganz am Ende, und sie ging mit einem strahlenden Lacheln hinein und auf die lockige Brunette zu, die hinter der Theke mit irgendetwas beschaftigt war.

»Jeannie?«

»Pamela!« Die junge Frau begru?te sie mit einem strahlenden Lacheln. »Wo hast du dich denn versteckt gehalten? Madchen, das ist ja Wochen her!«

»Ich habe meine Mom und meine Schwester in der Kairo Urb besucht. Mann, bin ich froh, wieder Tageslicht zu sehen! Hast du gerade Zeit? Meine Hande und meine Fu?e mussen hergerichtet werden, und dann sehne ich mich nach einer deiner Gurkenmasken.«

»Wie in aller Welt hast du es geschafft, in einer Urb so braun zu bleiben?« Jeannie kam hinter der Theke hervor und komplimentierte sie zu einem kleinen Tischchen, auf dem ihr Werkzeug lag. »Ich wette, du warst jeden zweiten Tag auf der Sonnenliege.«

»Ja, so ungefahr. Was meinst du, passt dieses Wassermelonenrosa zu meiner Haut oder sollte ich ein kraftigeres Rose nehmen?«

»Mhm. Mal sehen …« Sie hielt zwei Flaschen Nagellack an Callys Hande. »Ich denke, das Wassermelonenrosa sollte passen. Wohl in verspielter Stimmung?«

»In der Stimmung, ernsthaft Spa? zu haben.« Cally grinste verschmitzt. »In der Urb bin ich mir vorgekommen wie lebendig begraben.«

»Das geht allen so«, meinte Jeannie leise. »Liebes, du hast viel zu viel Stress und du isst nicht genug.« Sie hob einen von Callys Fingern an, wo sie gerade einen Nagel zugestutzt hatte. »Schau dir diese Rander an. Aber mich uberrascht das nicht. Familie bedeutet immer Stress, und unter der Erde gibt es nach wie vor kein besonders gutes Essen. Jedenfalls nicht so gut, wie du es hier drau?en kriegen kannst.«

»Das darfst du laut sagen. In den Cafeterias kriegt man keinen Krabbeneintopf wie hier.«

»Seafood ist in Ordnung, aber du musst frisches Gemuse und Salat essen, sonst alterst du vorzeitig. Und eine Menge Wasser trinken. Augenblick, bitte.« Sie verschwand hinter einer Trennwand und kam gleich wieder mit zwei Glasern und einem Krug Eiswasser zuruck. »Hier. Destilliert und re-mineralisiert. Das beste Wasser auf dieser Seite der Blue Ridge.«

Sieben Stunden spater legte Cally zwei neue Outfits und ein Paar Schuhe in den Schrank, richtete sich das Haar, legte sich ein Su?wasserperlenhalsband um und zog los, auf der Suche nach etwas Ordentlichem zu essen, anstandiger Musik und was immer der Abend ihr sonst noch bringen mochte. Das ist das Schone an Stadten am Strand. Selbst nach dem Postie-Krieg ist immer etwas los, zum Beispiel an der Pappas Street in der Nahe vom El Cid.

Seltsamerweise hatte die Zitadelle im Krieg nur wenige Schaden abbekommen. Charleston war vollig evakuiert worden, also hatte es aus der Sicht der Posleen nichts zu essen gegeben. Viele historische Gebaude waren ebenso wie die Battery vollig intakt geblieben, ebenso auch die jahrhundertealte Militarschule. Niemand wusste, was die Posties eigentlich in diesen wei?en, mit Zinnen verzierten Gebauden gesehen hatten — nur dass sie den Campus fast uberhaupt nicht geplundert hatten und er praktisch intakt zuruckerobert worden war. Vor kurzem hatte man dort den funfunddrei?igsten Jahrestag der Wiedereroffnung als Universitat und Ausbildungsakademie fur kunftige Offiziere von Fleet Strike gefeiert. In der Nachkriegswelt garantierte einem der Abschluss dort zwar nicht, dass man einen Offiziersposten bekam, offnete einem aber viele Turen und wurde von jungen Mannern als eine Art Fahrkarte aus der beengten Welt der Urbs gesehen.

Wo es junge Manner gab, gab es Bars und Musik und niemanden, den sie toten musste. Normalerweise. Insgesamt betrachtet also genau der richtige Ort, um sich zu amusieren.

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