Haus tatigen Buchmacher ermoglichte, falls jemand vielleicht den Wunsch verspuren sollte, eine kleine Wette auf ein Spiel abzuschlie?en.
Die Tafel uber dem Eingang zu Charlie’s war ein Kunstwerk. Anstelle von Leuchtfarbe, die wie Neon aussah, war es eine echte Neontafel. Nun ja, Neon oder eines von den anderen Edelgasen. Jedenfalls nicht Leuchtfarbe, sondern eine gro?e, mehrfach gebogene Glasrohre. Wie viele Etablissements am Korridor, so verfugte auch die Bar uber Doppelturen, um sicherzustellen, dass sich nicht zu viel Stationsluft mit der Luft im Lokal mischte. Im Falle von Charlie’s stellte das vorzugsweise sicher, dass die schlechte Luft drinnen blieb, nicht so sehr, dass sie fern gehalten wurde. Dies war namlich einer der wenigen Orte, wo man Tabak rauchen konnte, ohne entweder einen Filter mit sich herumzuschleppen, um hinter sich sauber zu machen, oder eine Zusatzsteuer fur die Luftreinigung zu bezahlen. Der Eigentumer, dessen Name keinerlei Ahnlichkeit mit »Charlie« hatte, nahm richtigerweise an, dass der deutliche Bargeruch bei der Klasse von Gasten, die er anziehen wollte, nostalgische Assoziationen wachrief und andererseits prude Touristen und Kolonisten fern hielt — die in seiner ganz speziellen Marktnische nur schlecht furs Geschaft gewesen waren.
In den Unterlagen der Bane Sidhe war Cally gewarnt worden, was sie in dieser ganz speziellen Bar zu erwarten hatte, aber dennoch war es fast unmoglich, die Wirklichkeit richtig zu beschreiben, wie sie feststellte, als sie durch die Doppelturen in den Dunst aus abgestandenem und frischem Tabak und billigem Bier trat — fast ohne jeglichen Beigeschmack der ganz speziellen Mischung aus Sumpfgas, die fur Titan so typisch war. Seit dem Shuttle-Hafen in Chicago war dies der erste Ort, der tatsachlich so wie auf der Erde roch. Sie spurte ein scharfes Prickeln in den Augen, als sie tief Luft holte.
Die Bar war nicht uberfullt, aber fur einen Wochentag gut besucht. Sie arbeitete sich zwischen den Tischen und den Rauchwolken zur Bar vor. Unter anderem hatte sie gelesen, dass Charlie’s einmal versucht hatte, einen Holotank einzusetzen, aber das hatte eine Entscheidung zwischen Tabak und Holographie erfordert, und damit war diese Frage entschieden gewesen. Demzufolge waren die Tische alle so aufgestellt, dass man von ihnen aus gute Sicht auf gro?e, hoch auflosende Flachbildschirme hatte. Aber ihre Aufmerksamkeit wurde nicht von dem Flachbildschirm uber der Bar angezogen. Was sie wirklich froh machte, dass sie hierher gekommen war, war das Schild, das sie neben dem beeindruckenden Flaschensortiment an der Wand hinter dem Tresen sah. »Unser Kaffee ist zu hundert Prozent aus Jamaika importiert.«
»Kaffee, bitte. Mit einem Schuss Creme de Cacao.« Sie legte ein paar Geldscheine auf die Theke, gab dann reichlich Trinkgeld und drehte sich etwas zur Seite, um auf den Bildschirm sehen zu konnen. Baseball. Indianapolis gegen Topeka. Die Braves waren mit zwei Punkten im Ruckstand. Sie sah sich nicht an der Bar um. Das ware unprofessionell gewesen, au?erdem hatte sie sich gleich beim Hereinkommen grundlich im Raum umgesehen. Er war noch nicht hier. Wenn er eintraf, wurde er sich bei ihr bemerkbar machen.
Das Ergebnis war unverandert, aber McKenzie hatte gerade ein Foul ubersehen, und sie war bereits bei ihrer zweiten Tasse Kaffee, als ein rothaariger Mann an die Bar trat und einen Kentucky Bourbon und eine zweite Tasse bestellte. Nachdem er den Bourbon gekippt hatte, stopfte er sich einen Brocken Kautabak aus einem kleinen Lederbeutel in den Mund, blickte zum Bildschirm auf und rieb sich kurz das Kinn, ehe er in den Becher spuckte. Dann sah er wieder zum Bildschirm und murmelte etwas, das aber niemand ohne Gehorsteigerung aus dem allgemeinen Gerauschpegel der Bar hatte herausfiltern konnen.
»Ich habe ihm doch gesagt, dass sein Pitcher nichts taugt«, sagte er.
Cally wartete, bis sie sah, dass sein Blick zu ihr heruber und an ihr vorbeiwanderte und jemanden links von ihr einen Augenblick lang scharf musterte, gerade so, als ob er gefunden hatte, wen er suchte. Sie leerte ihre Tasse und stieg vom Hocker. Der Kontakt war hergestellt, das komplette Team war eingetroffen. Als sie sich zwischen den Tischen den Weg nach drau?en bahnte, trat ihr ein auffallig gro?er Raumfahrer mit ausgestrecktem Arm in den Weg und zog sie an sich. Sie quietschte.
»Hey, Baby, ich hab etwas, was dir sicher gefallen wird!«, feixte er.
Cally schlug ihm mit der flachen Hand so ins Gesicht, dass ihm der Kopf zur Seite flog und dabei einen grellroten Handabdruck auf seiner Wange hinterlie?. Die andere Hand schob ihm einen Wurfel in die Tasche, als sie sich von ihm frei machte und, das Urbild weiblicher Entrustung, zur Tur stolzierte. Die uberwiegend mannliche Kundschaft grinste oder pfiff anerkennend, als der gro?e und offenbar stark angetrunkene Raumfahrer sich verblufft die Wange rieb.
»Was habe ich denn getan?!«, protestierte er, ohne dabei jemanden anzusehen.
Am Mittwochmorgen schmeckte der Kaffee im Buro sogar noch schlechter, schlie?lich hatte sie jetzt einen Vergleich aus jungster Vergangenheit. Und General Beed war offenbar nicht der Typ, der sich mit hie und da ein wenig Bettgymnastik zufrieden gab. Wenn sie allein waren, grabschte er standig an ihr herum — nicht, dass sie grundsatzlich gegen so etwas Einwande gehabt hatte, aber, Himmel noch mal, hatte der Mann denn gar keine Vorstellung von Privatsphare? Offenbar nicht. Sie machte gute Miene zum bosen Spiel und fand sich lachelnd damit ab, dass er gelegentlich um seinen Schreibtisch herumkam.
Zu ihrem Gluck war eine der Theorien des Generals hinsichtlich korrekter Fuhrungsqualitaten, dass ein Vorgesetzter haufig und unvorbereitet bei den Mannern auftauchen sollte, die er befehligte. In der Praxis wirkte sich das als eine Tendenz zum Mikro-Management seiner Untergebenen aus, denen er standig lastig fiel, statt sie vernunftig arbeiten zu lassen. Cally freilich war daruber froh, weil das zur Folge hatte, dass er am Nachmittag meist ein paar Stunden unterwegs war und sie auf die Weise wenigstens eine Weile ihre Ruhe hatte.
An diesem Nachmittag hatte er einen Besuch im Gefangnis eingeplant und wurde deshalb mindestens den halben Nachmittag nicht im Buro sein. Pryce hatte ihn nicht begleitet, er war mit Vorbereitungen fur die Geburtstagsparty des Generals beschaftigt, eine der gesellschaftlichen Verpflichtungen, die auch im galaktischen Zeitalter zu den seltsamen, aber echten Realitaten der Militarburokratie gehorte.
Sie war dabei, die Ausdrucke der vormittaglichen E-Mail abzulegen und sich dabei ein paar kunstlerisch kreative Todesarten fur Beed auszudenken, als sie ein lautes Krachen horte und zusammenzuckte. Sie fuhr herum und sah den Lieutenant auf ihrer Schreibtischkante sitzen, wahrend ihr Klammerapparat dicht daneben auf dem Boden lag. Er zuckte verlegen die Achseln.
»Du lieber Gott, Pryce! Sie sollten sich nicht so an mich heranschleichen!« Mit der Hand fuhr sie sich an die Brust. »Sie haben mir eine Todesangst eingejagt.«
»T-tut mir wirklich Leid, Ma’am. Ich hab blo? mal vorbeigesehen, wie Sie zurechtkommen.« Er grinste schelmisch. »Na ja, und auch, um mal eine kleine Pause beim Verteilen von Schnittchen und den dazugehorigen Vorbereitungen zu machen.«
Sein Blick und sein Grinsen fuhrten dazu, dass sie plotzlich das Gefuhl hatte, ihre samtlichen Knochen waren einfach weggeschmolzen. Sie stand da und starrte ihn ein paar Sekunden lang entgeistert an, ehe sich schlie?lich ihr Verstand wieder einschaltete und sie zu ihrem Schreibtisch zuruckkehrte.
»Ich denke, ich habe mich ganz gut eingelebt.« Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht. »Gibt es auf Titan viele Schnittchen-Situationen?«
»Na ja, schon einige.« Er zuckte die Achseln. »Irgendwas brauchen unsere Oberen doch, an dem sie Spa? haben konnen.«
»Das ist aber eine recht respektlose Einstellung, Pryce.«
»Ja, Ma’am. Unentschuldbar, Ma’am.« Aber seine Augen blitzten dabei, und sie lachelte.
»Ich wurde Sie heute Abend zum Essen einladen, wenn wir nicht in derselben Einheit waren.« Seine Augen lie?en die ihren nicht los.
