sie etwas erfasste und sie auch keine besonders hohe Auflosung brauchten.

»Schei?e.«

»Was?« Tommys Augen suchten die des Alteren.

»Er sitzt in einem Rollstuhl und hat jemanden bei sich. Einen Arzt, wie es scheint.« Er betastete abwesend seine Taschen, runzelte dann die Stirn und rieb sich das Kinn.

»Ah … wenn Cally ihm das angetan hat, konnte das sein Mitgefuhl etwas beeintrachtigen.« Tommy sah uber seine Schulter und zuckte zusammen. »Besonders gut sieht der nicht aus.«

»Wenn du einen besseren Tipp hast, kannst du es ja sagen«, knurrte Papa O’Neal und legte den PDA einen Augenblick auf den Tisch, stand auf und ging wieder unruhig auf und ab. »Vielleicht kommen wir heute Abend gar nicht an ihn heran.«

»Er hatte nie viel fur Arzte ubrig«, erinnerte sich Tommy. »Vielleicht schmei?t er ihn raus. Ich sehe keinen Grund, nicht wenigstens bis Mitternacht zu warten.«

»Einverstanden.« Er setzte sich wieder hin, wippte freilich in fur ihn ungewohnlicher Nervositat mit dem Fu?.

Sie brauchten nicht lange zu warten, denn der Arzt lie? Stewart allein und verschwand durch die Tur der Transitbahn.

»Tommy?«

»Mhm?«

»Ich hatte nie vermutet, dass er Arzte nicht mag. Gehen wir.« Der Rothaarige schob seinen PDA ein und ging weg, ohne sich umzusehen.

»Ja. Das wird verruckt.« Tommy rieb sich die Hande an seinem Seidenzeug, rausperte sich und folgte dem Alteren nach drau?en. Dies war das erste Mal seit funfundzwanzig Jahren, dass er einen alten Freund ansprechen wurde, der fest davon uberzeugt war, dass er tot war. Denk dir nicht zu viel dabei. Tu es einfach.

Er druckte den Klingelknopf und wartete, bis das Licht der Sprechanlage aufleuchtete, rausperte sich erneut. »Triple-Nickel-Pizzadienst. Eine gro?e Pizza Fajita mit gebackenen Bohnen fur Manuel«, sagte er.

»Was?«

Die Tur schob sich auf, und Tommy nahm sein AID vom Gurtel, hielt es uber die Box, sah Stewart an, legte es hinein und reichte die Box dann Stewart. Sein alter Kumpel wurde blass, dann verzog sich sein Gesicht in einer seltsamen Mischung aus Verbluffung und Schock, aber er nahm die Box entgegen, legte sein eigenes AID hinein und druckte den Deckel zu. Er gab Tommy die Box nicht zuruck.

»Wir mussen miteinander reden, Stewart. Unter uns. Durfen wir reinkommen?«

»Ja, das solltet ihr wohl.« Er seufzte, rollte von der Tur weg, lie? sie ein und wartete, wahrend die Tur sich wieder hinter ihnen schloss.

»Ich habe noch nie einen Toten gesehen, der so gesund aussieht wie du. Und dein Gesicht hat jemand offenbar so weit geandert, dass man damit einen Softwarescann tauschen kann. So. Wurdet ihr mir wohl sagen, was da gespielt wird?« Er rollte zu einem Tisch, nahm ein Packchen Zigaretten, das dort lag, bot an und zundete sich dann selbst eine an.

»Das wird eine lange Geschichte. Zuerst wollen wir uns vorstellen. Stewart, Mike O’Neal senior, Papa O’Neal, General James Stewart. Wie du wei?t, haben wir im Krieg beide unter deinem Sohn gedient«, sagte er.

»Da nimmst du den Mund ganz schon voll. Und selbst, wenn das stimmt, wurdest du eine verdammt gute Erklarung dafur brauchen, Mike so lange in dem Glauben zu lassen, dass sein Dad tot sei. Ich halte das nicht fur moglich.« Er nahm einen langen Zug an seiner Zigarette und wartete.

»Oh, ich habe mich naturlich runderneuern lassen. Und kosmetisch wesentlich aufwandiger behandeln lassen als Tommy. Bei jemandem, der so gro? ist wie er, hat das ja wenig Sinn — man sorgt einfach dafur, dass ihn nicht zu viele zu sehen bekommen, und setzt ihn anderweitig ein. Und was das andere betrifft, wurde Mike, wenn er es wusste, sofort bestatigen, dass das notwendig war.«

»Hor zu, ich habe einen schweren Tag hinter mir, also erspar mir all das verdrehte Gerede. Geht das?«

»Okay, ich kenne O’Neal senior jetzt seit funfundzwanzig Jahren. Es gibt dafur verdammt gute Grunde, aber ob du die zu horen bekommst, hangt davon ab, wie sich dieses Gesprach weiter entwickelt. Vertrau mir einen Augenblick lang, ja? Du hast eine Gefangene in deinem Gefangniskomplex.« Er wies auf den Rollstuhl und Stewarts nicht ubersehbare Verletzungen. »Hat sie das getan?«

»Nein. Was wei?t du uber sie?« Er beugte sich eine Spur zu schnell vor und zuckte zusammen, griff sich mit der Hand an den Bauch.

»Sie ist die Tochter von Iron Mike.« Tommy war froh, dass Papa ihn reden lie?. Er wurde Stewart einiges mehr sagen mussen, ehe der ihnen vertraute, und das konnten sie erst tun, wenn sie eine bessere Vorstellung von seiner Reaktion hatten.

»Verdammte Schei?e! Wollt ihr mich verarschen?« Das war offensichtlich ein weiterer Schock. Tommy hoffte, dass Stewarts Zustand stabil genug war, um der Belastung gewachsen zu sein. Andererseits — der Arzt hatte ihn wohl nicht allein gelassen, wenn das nicht der Fall gewesen ware.

»Cally O’Neal. Sie ist ebenfalls nicht tot.« Papa hatte sich gegen die Wand zuruckgelehnt und gab sich offenbar alle Muhe, geduldig zu warten.

»Cally. Augenblick mal, ihr wollt mir beide weismachen, dass der Dad des Alten und seine Tochter ihn vierzig Jahre in dem Glauben gelassen hatten, sie sei tot? Also, du solltest jetzt schleunigst damit aufhoren, hier Blodsinn zu verzapfen und Klartext reden, meine Geduld geht namlich jetzt ziemlich schnell zu Ende«, sagte er.

»Also gut, wei?t du, es gibt namlich ein Problem mit den Darhel …«

Basis Titan

Mittwoch, 19. Juni, 21:30

Nachdem sie gegangen waren, sa? Stewart auf dem Rollstuhl und starrte die Wand an. Ihm war einigerma?en klar, dass er sich in einer Art Schockzustand befand.

Gewohnlich hatte er den Bildschirm eingeschaltet, auch wenn er nur irgendein Holo zeigte. Das war meistens sein erster Griff, wenn er zur Tur hereinkam.

Aber jetzt war er vollig aus dem Gleichgewicht geraten und sa? einfach da und starrte vor sich hin. Die nackte Wand mit dem grauen Rechteck des ausgeschalteten Bildschirms vermittelte ihm den Eindruck, in einer der Zellen druben im Gefangnis zu sitzen.

Herrgott, Cally, was fur ein schrecklicher Schlamassel! Okay, Tommy war ein Ersatzmann, aber verdammt noch mal, er war einer von uns! Selbst wenn die zivile Kontrolle ganz oben an der Befehlskette zu der Zeit beim Teufel war, wie konnte ich — er — sich zum Verrater machen? Schon, es war eine schwere Entscheidung. Vielleicht hatte er sogar Recht. Es gibt tatsachlich keine wirksame Kontrolle mehr uber das Militar — jedenfalls nicht menschlicherseits. Ich hatte gedacht, wenn man im System arbeitet … auch dann noch, als es beim Teufel war. Aber, du lieber Gott, wir haben den Krieg verloren und den Frieden auch, und das lasst sich nicht wieder herstellen. Schei?e. Vielleicht hat er Recht.

Nein! Wie zum Teufel konnte er den Alten in dem Glauben lassen, seine Tochter sei tot? Und sein Vater? Unvorstellbar! Cally konnte ja nichts unternehmen, sie war damals ja noch ein Kind. Okay, also musste sie einfach mitmachen. Verdammt, sie war doch noch ein Kind. Was in drei Teufels Namen hatte sie denn tun solle? Aber sein eigener Vater. Sein eigener, verdammter Vater!

Und jetzt soll ich das Gleiche tun. Zum Verrater werden, bei denen einsteigen, keine Fragen stellen. Yeah, genau das.

Aber was zum Teufel bleibt mir denn ubrig? Ich kenne doch blo? das Militar, verstehe nur davon etwas — es sei denn, man zahlt meine Erfahrung als Anfuhrer einer Gang mit. Yeah, genau. Beides ist au?erhalb des Einflussbereichs dieser beschissenen Darhel-Foderation nicht gefragt. Na, meinetwegen. Nicht, dass der andere Verein viel besser aussehen wurde.

Aber kann ich das? Ein Verrater sein, meine ich? Wie schafft man es nur, die Menschen, die einen am liebsten haben, in dem Glauben zu lassen, man sei tot?

Was fur ein beschissener Schlamassel! Cally, was in drei Teufels Namen soll ich tun?

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