Die Wande hatten keine Antwort auf seine Frage.
Basis Titan
Mittwoch, 19. Juni, 23:00
»Wir haben etwas.« Papa O’Neals Gesicht wirkte ungewohnlich verschlossen, wie er so zu seinem alten Freund sprach.
»Will ich die Einzelheiten wissen?« Father O’Reilly hatte nicht so lange gelebt, um nicht zu wissen, dass man nicht zu viele Fragen stellen darf. Der Indowy Aelool stand stumm neben ihm.
»Wahrscheinlich nicht.« O’Neals Kinnlade arbeitete, er sah sich einen Augenblick lang nach einem Becher um und nickte dann dankbar, als Tommy ihm einen in die Hand druckte. Er spuckte zielsicher.
»Ware es vielleicht moglich, dass wir die groben Umrisse dieses Planes erfahren?« Der Gesichtsausdruck des Indowy war ernst.
»Wir haben jemanden gefunden, der uns helfen kann, aber wir wollen ihn nicht in Gefahr bringen, auch nicht uber einen vermutlich sicheren Kanal.« Seine Betonung war ein Versuch, an die traditionelle Indowy-Paranoia zu appellieren. Schlie?lich hielten die kleinen grunen Manner auch nichts davon, Informationen anders als im personlichen Gesprach auszutauschen.
»Ja. Gute Kommunikationsdisziplin. Das konnen wir gut verstehen. Konnen Sie uns einen Schatzwert fur Ihre Erfolgschancen liefern? Ganz grob wurde genugen.« Der kleine, grune Mann wirkte geradezu glucklich, was in Anbetracht ihres vorangegangenen Gesprachs mit O’Reilly recht seltsam war.
»Grob. Na schon.« O’Neal kratzte sich kurz am Kinn. »Sagen wir: vernunftig bis hoch.«
»Und wie wurden Sie die Erfolgsaussichten beurteilen, wenn Sie beispielsweise noch einen weiteren Tag warten mussten, um diesen Plan in die Tat umzusetzen?« Aelool sah ihn mit seltsamer Miene an, gerade als hoffte er …
»Es wurde die Erfolgschancen wesentlich reduzieren.« Habe ich richtig geraten?
»Und wurde Ihr Plan es erfordern, dass Sie zusatzliche Ressourcen der Organisation einsetzen, ich meine uber die hinaus, die bereits mit Ihnen im Feldeinsatz sind?«, fragte Father O’Reilly im Gesprachston, »Nein, das wurde er nicht«, sagte er.
»Da Sie sagen, dass dies der Fall ist, kann eine Entscheidung durch uns im Hauptquartier sicherlich nicht bis morgen warten. Father O’Reilly, schlie?en Sie sich meiner Meinung an?«
»Oh, ganz sicherlich.« Die Augen des alten Priesters funkelten.
»Ich empfehle, dass dieser Einsatz gebilligt wird. Einverstanden, Father?« Nur jemand, der sehr gut mit Indowy vertraut war, hatte seinen Tonfall als formell, ja geschaftsma?ig erkannt.
»Das scheint mir klug. Ich stimme zu, Indowy Aelool.« Er nickte. »Der Einsatz erfordert nicht die Bereitstellung weiterer Ressourcen und ist angesichts des kritischen Zeitfaktors genehmigt. Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen wurden …« Er beendete die Verbindung, ohne O’Neal oder Sunday Gelegenheit zu lassen, noch etwas zu sagen.
»Habe ich mir dieses Gesprach jetzt gerade eingebildet?« Tommy rieb sich mude die Augen.
»Nee.« O’Neal spuckte erneut, diesmal sichtlich genussvoll. »Aber es deutet mit Sicherheit darauf hin, dass zuhause manche Dinge weniger und manche mehr beschissen sind, als wir gedacht haben. Nicht, dass mir das schlaflose Nachte bereiten wurde. Morgen wird ein langer Tag.«
Basis Titan, Militargefangnis Fleet Strike
Donnerstag, 20. Juni, 00:01
Die ersten Stadien des sensorischen Entzugs waren nie besonders schlimm. An sich festzuhalten war relativ einfach, besonders wenn man die entsprechende Ausbildung durchgemacht hatte. In Null g freilich war das hart. Der traditionelle Wassertank bot immerhin noch ein gewisses definierbares Gefuhl von unten, so gering es auch sein mochte. Die Bahre half da sogar; ohne sie ware es schlimmer gewesen. Sie konnte Hande und Fu?e gegen die Fesseln pressen und den Schmerz spuren. Wenigstens hatten sie darauf verzichtet, ihr die Ohren mit wei?em Larm zu blockieren und sie auch nicht geknebelt. Sie konnte mit der Zunge uber ihre Zahne fahren und die Kanten spuren. Sie konnte ihren Herzschlag horen. Bei ihrem gesteigerten Horvermogen konnte sie ihn sogar ganz gut horen und ihren Atemrhythmus darauf abstellen. Das erlaubte es ihr, ein gewisses Gefuhl fur den Zeitablauf zu behalten.
Es muss jetzt gegen drei oder vier Uhr morgens sein. Die Sekunden zu zahlen ist ein ganz gutes Gegenmittel, wenn man nicht schlafen kann, denke ich. Aber die Versuchung ist zu gro?, einfach zuzusehen, wie die Farben an einem vorbeiziehen. Rot, Neonblau, Chartreuse. Was zum Teufel ist Chartreuse denn eigentlich? Ups, schon wieder aus dem Zahlen gekommen. Lub-dub, lub-dub, lub-dub, lub-dub … eins, zwei, drei, vier, Manner rennen durch die Tur, sieben, acht, neun, zehn, jetzt mussen sie wieder gehen …
Irland. Ein amerikanischer Beamter im Urlaub. Anscheinend ist der Tourismus nie ganz untergegangen. Keine Zeugen, aber er ist ganz in Schwarz, ein Spieler? Sein Genick bricht so leicht, und beim Fallen rollt er ein Stuck zur Seite, und es ist wei?, dabei sollte es gar nicht wei? sein. Warum war er hier? Herrgott, nein. Nein.
Schei?e, das ist verdammt seltsam. So ist es doch gar nicht gelaufen. Das waren doch zwei Hits. Der Beamte war gar nicht in Irland. Er war auf einem Golfplatz in Arkansas. Der Priester war in Irland, aber das war ein ganz junger Bursche, ein Idealist, der von wegen »Infiltration« der Kirche an die Offentlichkeit gehen wollte. Wie lange ist das jetzt her, zwolf, dreizehn Jahre? Ein wirklich trauriger Fall. Aber es hat mich seit Jahren nicht mehr geplagt … oder doch? Ach, verflucht, jetzt habe ich wieder zu zahlen aufgehort und den Sinn fur die Zeit verloren.
Aber warum dieser Typ auf dem Golfplatz? Putt-putt und unten raus aus der Windmuhle, aus dem Tunnel ins French Quarter … Mardi Gras Parade, kein Krieg, keine Ausbildung, Freiheit, Urlaub, ein langes Wochenende. Ketten mit billigen Plastikperlen und Hurrikane und ein jung aussehender Soldat von den Zehntausend, der so aussieht, als wurde er oft mit Gewichten trainieren. Heute Abend ist sie Lilly und lacht ihm ins Gesicht und versucht, diesmal nicht mitzugehen, aber das tut sie immer, und jetzt ist es Morgen und er sagt ihr — mir — schon wieder, dass er eine Frau hat, und sie versucht immer wieder, aus dem Bett zu steigen und den Mistkerl in die Eier zu treten, aber sie kann sich nicht bewegen, und sie ist … ah — ich bin — wieder im Uberlebenstraining in Minnesota, und der Schnee fallt vom Himmel, und was soll der Schei??
Oh, ich erinnere mich an das Ekel. Schei?e, so entjungfert zu werden, aber ich habe ihn auch angelogen. Das war einfach zu verruckt. Sensorischer Entzug im Uberlebenstraining bei den Schwestern war nie so. Aber damals hatte ich vermutlich auch nicht so viele schreckliche Erinnerungen, so viele Gespenster, die mich jagten. Aber jetzt habe ich keine Gespenster. Ich schlafe wie ein Baby — oder nicht?
Florida. Mit Delfinen schwimmen. Mom ist bei mir. Sie ist stolz auf mich. Und das Wasser ist kuhl und die Sonne hei?. Der alberne Herrn — warum steht Doc Vita P am Strand? Und was halt er da in der Hand? An diesem Traum ist etwas verdammt seltsam. Irgendwas stimmt nicht.
Okay, Moment mal. Ich schlafe ja nicht einmal. Meine diversen Knochenbruche tun weh, und ich bin auf eine Bahre geschnallt, in Null g, das ist das Fleet Strike Gefangnis, verdammt. Selbst wenn die Dreckskerle, die die da auf mich angesetzt haben, Fleet sind. Der Ort ist Fleet Strike und die Leute, die hier eigentlich das Sagen haben, sind auch Fleet Strike. Eigentlich eine verdammte Ironie. Was hatte ich mir beim letzten Mal ausgerechnet? Gegen drei Uhr fruh? Dann ist’s jetzt sicher etwa vier. Lub-dub, lub-dub, lub- dub … Wie lange ist es jetzt her, dass ich das letzte Mal gebeichtet habe? Kann mich nicht mal erinnern, warum ich damit aufgehort habe. Nicht dass Father O’Reilly mir nicht mit Freuden die Beichte abnehmen wurde und das ohne jedes Risiko fur die Sicherheit. Wei?t du, es ist ja morbid, aber wenn ich je hier rauskomme, muss ich das