»Das ist
Bruder Rumann geleitete sie aus dem Zimmer des Abts.
»Ich habe von Bruder Conghus gehort, da? ihr angekommen seid, Schwester, und habe im
»Und Essen?« erkundigte sich Cass. Als Fidelma erwahnt hatte, da? sie in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum etwas gegessen hatten, war ihm der nagende Hunger bewu?t geworden, den er verspurte.
Bruder Rumanns Mondgesicht war so voller Falten, da? man kaum erkennen konnte, ob er lachelte oder grollte.
»Eine Mahlzeit steht bereit«, versicherte er. »Ich fuhre euch sogleich ins Gastehaus.«
»Dasselbe Gastehaus, in dem der Ehrwurdige Da-can wohnte?« erkundigte sich Fidelma. Bruder Ru-mann nickte.
Sie folgten ihm durch die grauen steinernen Abteigebaude, uber winzige Hofe und durch dammrige Gange.
»Wie geht es Schwester Eisten und den Kindern?« fragte Fidelma nach einiger Zeit des Schweigens.
Bruder Rumann gab einen Laut von sich, der wie das Locken einer aufgeregten Glucke klang. Fidelma mu?te plotzlich lacheln, denn genau daran erinnerte sie Bruder Rumann, wie er so mit wedelnden Armen vor ihnen her flatterte.
»Schwester Eisten ist erschopft und scheint von ihren Erlebnissen zutiefst erschuttert zu sein. Die Kinder sind einfach mude und brauchen vor allem Warme und Schlaf. Bruder Midach, unser leitender Arzt, hat sie untersucht. Es gibt keine Anzeichen von Krankheiten bei ihnen.«
Bruder Rumann blieb vor der Tur eines zweistok-kigen Gebaudes stehen, das an eine der Hauptmauern der Abtei grenzte und von der machtigen Mittelkirche durch einen steingeplasterten Hof getrennt lag, in dessen Mitte ein Brunnen stand.
»Dies ist unser
Er ri? die Tur auf wie ein Schausteller, der einen schwierigen Trick vor vielen Zuschauern vorfuhrt, und geleitete sie in das Gebaude. Sie betraten eine gro?e Halle, die mit Wandbehangen und Bildern geschmuckt war. Eine holzerne Treppe fuhrte zum oberen Stock hinauf, wo der Verwalter ihnen zwei nebeneinanderliegende Zimmer anwies. Fidelma bemerkte, da? ihre Satteltaschen bereits dort waren.
»Die Zimmer werden hoffentlich bequem genug sein?« fragte Bruder Rumann und wollte schon davoneilen, ohne ihre Antwort abzuwarten. »Fur diesmal«, sagte er, »habe ich euer Essen der Einfachheit halber hierher bringen lassen. Von heute abend an werdet ihr die Mahlzeiten aber im Refektorium einnehmen, dem Nachbargebaude. Alle unsere Gaste speisen gewohnlich dort.«
Fidelma erblickte auf einem Tisch Schusseln mit dampfender Suppe, einen Holzteller mit Brot und Kase, einen Krug Wein und zwei Tonbecher. Sie spurte, wie ihr das Wasser im Munde zusammenlief.
»Das ist ausgezeichnet«, lobte sie.
»Mein Zimmer liegt unten am anderen Ende des Gastehauses«, fuhr Bruder Rumann fort. »Wenn ihr irgend etwas braucht, findet ihr mich dort. Und mit dieser Glocke«, er wies auf eine kleine bronzene Handglocke auf dem Tisch, »konnt ihr meine Helferin Schwester Necht herbeirufen. Sie ist eine unserer Novizinnen und bedient die Gaste.«
»Noch eins, bevor du gehst«, sagte Fidelma, wahrend Bruder Rumann bereits zur Tur ging. Der fullige Mann blieb stehen und drehte sich fragend um.
»Wie viele Menschen wohnen denn so ungefahr im Gastehaus?«
»Nur ihr selbst. Ach, und dann haben wir Schwester Eisten und die Kinder vorlaufig hier untergebracht«, antwortete er.
»Ich habe gehort, die Abtei hatte Hunderte von Schulern«, sagte Fidelma.
Bruder Rumann schnaufte.
»Um die macht euch keine Sorgen. Der Schlafraum der Schuler liegt auf der anderen Seite der Abtei. Wir sind naturlich eine gemischte Gemeinschaft, wie die meisten Abteien. Die mannlichen Mitglieder sind bei uns in der Mehrzahl. Ist das alles, Schwester?«
»Fur den Augenblick ja«, antwortete Fidelma.
Der Monch war kaum zur Tur hinaus, als Cass alle Zuruckhaltung fahren lie? und sich eine Schussel mit Suppe heranzog.
»Mehrere hundert Schuler und Monche und Nonnen«, stohnte er, als Fidelma sich ebenfalls an den Tisch setzte. »Einen Morder unter so vielen zu suchen ist, als wollte man am Strand ein bestimmtes Sandkorn finden.«
Fidelma verzog das Gesicht und fuhrte den holzernen Loffel zum Mund. Sie geno? die Warme der Suppe.
»So schlecht stehen unsere Chancen vielleicht gar nicht«, sagte sie nach einer Weile. »Das hei?t, wenn der Morder sich noch in der Abtei aufhalt. Nach dem, was Brocc sagte, sind seit dem Mord Leute gekommen und gegangen. Wenn ich den Ehrwurdigen Dacan umgebracht hatte, ware ich wahrscheinlich nicht hiergeblieben. Aber das hinge davon ab, wer ich ware und welches Motiv ich fur den Mord hatte.«
»Der Morder konnte in dem Glauben leben, da? er nicht gefa?t wird«, meinte Cass.
»Oder die Morderin«, erganzte Fidelma. »Bei allen anderen Fallen, die ich zu untersuchen hatte, gab es immer ein erkennbares Motiv, das sich einem sofort aufdrangte. Hier ist das nicht so. Merkwurdig.«
»Wie meinst du das?«
»Jemand wird tot aufgefunden. Warum? Manchmal handelt es sich um einen Raubmord. Oder die ermordete Person hatte sich verha?t gemacht. Oder es gab einen anderen naheliegenden Grund, der als Motiv in Frage kommt. Kennen wir das Motiv, konnen wir uns fragen, wer am ehesten aus dem Verbrechen seinen Nutzen ziehen konnte. Hier fand ein angesehener alterer Gelehrter ein gewaltsames Ende, doch kein Motiv bietet sich an.«
»Vielleicht gab es keines? Vielleicht wurde er von einem Wahnsinnigen umgebracht und ...«
Fidelma tadelte Cass sanft.
»Wahnsinn ist selbst schon ein Motiv.«
Cass schuttelte den Kopf und betrachtete traurig die leere Suppenschussel.
»Das hat geschmeckt«, bemerkte er mit Bedauern daruber, da? nicht mehr da war. »War wohl Hafermehl, Milch und Porree. War das so gut, oder hat es so geschmeckt, weil ich solchen Hei?hunger hatte?«
Fidelma lachelte belustigt.
»Diese Suppe soll ein Lieblingsgericht des heiligen Colmcille gewesen sein«, bemerkte sie. »Sie besteht wirklich aus den Zutaten, die du genannt hast, aber ich glaube, alles schmeckt gro?artig, wenn man lange genug nichts gegessen hat.«
Cass schnitt sich eine Scheibe Kase ab, und Fidelma deutete an, da? sie auch gern eine hatte. Er legte die Scheibe auf den Holzteller und schnitt sich eine andere ab. Dann brach er sich einen Kanten Brot ab. Er kaute nachdenklich daran, wahrend er jedem einen Becher Wein einschenkte.
»Im Ernst, Schwester, wie kannst du hoffen, dieses Ratsel zu losen? Der Mord geschah vor mehr als zwei Wochen, und ich glaube nicht, da? sich der Verbrecher noch in der Nahe der Abtei aufhalt. Und selbst wenn. Es gibt anscheinend keine Zeugen, niemand hat etwas gesehen, keine Spur fuhrt zu dem Tater.«
Fidelma trank ruhig einen Schluck Wein.
»Also, Cass, was wurdest du denn an meiner Stelle tun?«
Cass horte auf zu kauen und blinzelte. Er dachte uber die Frage nach.
»So viele Einzelheiten herausfinden wie moglich, nehme ich an, und sie dann nach Cashel berichten.«
»Na«, sagte Fidelma mit gespieltem Ernst, »wenigstens darin stimmen wir uberein. Kannst du mir noch weiteren Rat geben, Cass?«
Der junge Krieger errotete.
Fidelma war eine
»Ich wollte damit nicht behaupten ...«, setzte er an.
Sie entwaffnete ihn mit einem Lacheln.
»Mach dir keine Sorgen, Cass. Wenn ich angenommen hatte, du wolltest mich kranken, hatte ich mich schon
